# taz.de -- Umgang mit der Naturkrise: Der Umweltminister groovt mit dem Zeitgeist
> In Zeiten des Bürokratieabbaus gilt Umweltpolitik als nervig. Das
> Umweltministerium will mit 50 Maßnahmen für mehr Effizienz in die
> Offensive kommen.
(IMG) Bild: Zauneidechsen wohnen gern im Schotter von Bahngleisen. Damit sie deren Ausbau nicht stören, gibt es standardisierte Verfahren
Umweltpolitik aus dem Hause Carsten Schneider klingt neuerdings wie eine
Treckergarage: Mit den Vorhaben „UmoG“, „UmoV“ und „UmoP“ möchte der
Sozialdemokrat Unternehmen entlasten sowie Verfahren effizienter machen.
„Der Bürokratieabbau schwingt in der Luft“, sagt Schneiders Staatssekretär,
Jochen Flasbarth, „wir wollen nicht getrieben werden, sondern selbst die
Initiative ergreifen.“ Also hat das Ministerium 50 Maßnahmen
zusammengestellt, das „Paket zur Stärkung eines modernen, digitalen und
wirksamen Umweltschutzes, UmoP“.
Darin enthalten sind 25 Maßnahmen, die bereits umgesetzt sind oder gerade
umgesetzt werden, sowie 25 Maßnahmen, die mittels Gesetzen (UmoG) oder
Verordnungen (UmoV) umgesetzt werden sollen. Die zum Teil sehr
kleinteiligen Maßnahmen erstrecken sich von Verkürzungen von
Umweltverträglichkeitsprüfungen über Änderungen im Einwegkunststofffonds
bis zu Neuerungen im Artenschutzrecht.
So sollen die Fristen zur Öffentlichkeitsbeteiligung in
Umweltverträglichkeitsprüfungen von acht auf sechs Wochen verkürzt werden.
Wer Einwegkunststoffverpackungen in Verkehr bringt, soll künftig erst ab
einer Menge von 10 Tonnen einen kostspieligen externen Sachverständigen zur
Prüfung beauftragen müssen, nicht wie bisher ab 100 Kilogramm.
## Weniger Berichtspflichten, mehr Datenaustausch
Im Rahmen des Naturschutzrechtes sollen Berichtspflichten von Unternehmen
abgebaut und es Behörden erleichtert werden, Daten über Artenvorkommen
auszutauschen. [1][Zudem sollen für den Bau von Bundeswasser- und
Bundesfernstraßen standardisierte Verfahren für den Artenschutz entwickelt
werden.]
Je nach Geschäftsmodell fällt die Kritik von Unternehmensseite
unterschiedlich aus. So befürwortet Peter Feller, stellvertretender
Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen
Ernährungsindustrie, etwa die Pläne für den Einwegkunststofffonds. „Die
Umsetzung dieser Maßnahme stellt einen Beitrag zur dringend benötigten
Entlastung kleiner und mittlerer Unternehmen von Bürokratie dar“, so
Feller. Es sei nicht nachvollziehbar, dass bei entsprechenden Kleinmengen
die Prüfungskosten für das Testat des Wirtschaftsprüfers um ein Vielfaches
höher sind als die zu entrichtende Sonderabgabe selbst.
„Weniger Umweltstatistik und ausgesetzte Berichtspflichten klingen nach
Entlastung, schwächen aber genau die Datenbasis, die verantwortungsvolle
Unternehmen brauchen, um zukunftsorientiert zu handeln und sich
wettbewerbsfähig aufzustellen“, sagt hingegen Julius Palm von Followfood,
Vorstandsmitglied beim Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft.
„Standardisierung kann Verfahren beschleunigen, ohne zu Verschlechterungen
zu führen“, sagt Franziska Albrecht, Referentin für Umweltrecht bei der
Umweltorganisation Green Legal Impact. Auch die vorgeschlagenen Maßnahmen
zur Digitalisierung und zum Datenaustausch von Behörden seien sinnvoll.
Insgesamt würden die Gesetze und Verordnungen den Umweltschutz in
Deutschland aber schwächen, sagt Albrecht.
So werden etwa Anlagen und Leitungen innerhalb der Lieferkette von
Wasserstoff unter ein „überragendes öffentliches Interesse“ gestellt,
genauso wie Leitungen und Speicher für Kohlendioxid im Rahmen von CCS und
der Ausbau des Glasfasernetzes. „Es entsteht gerade der Eindruck,
eigentlich alles sei von überragendem öffentlichen Interesse, außer der
Naturschutz“, so Albrecht.
## Kritik aus der Fraktion der Grünen
Dazu passen Gerüchte über das Gesetz zur Stärkung der natürlichen
Infrastruktur. Dieses sei in den Verhandlungen zwischen den
Bundesministerien ausgehöhlt worden, heißt es aus informierten Kreisen. So
gelte das „überragende öffentliche Interesse“ für Schutzgebiete oder
Biotopverbünde künftig nur noch dann, wenn der notwendige Ausbau von
Straßen, Leitungen, Bundeswehranlagen etc. dem nicht entgegenstehe.
Eigentlich wollte die Bundesregierung das Gesetz [2][zusammen mit zwei
anderen Vorhaben beschließen], die Beteiligungsrechte von Umweltverbänden
einschränken und den Bau von Infrastruktur beschleunigen sollen. Während
diese beiden Gesetze am Donnerstag auf der Tagesordnung des Bundestages
stehen, ist von dem Gesetz zur Stärkung der natürlichen Infrastruktur
bislang außer Gerüchten noch nicht viel zu sehen.
„Der Bundesumweltminister handelt rein defensiv“, kommentiert der
Bundestagsabgeordnete Jan-Niclas Gesenhues (Grüne) Schneiders Vorhaben.
Statt eine dringend notwendige „Dekade der Heilung von Natur“ einzuleiten,
mache sich Schneider zum Erfüllungsgehilfen von Wirtschaftsministerin
Katherina Reiche (CDU). „Wir brauchen vereinfachte Verfahren, um
Schutzgebiete einzurichten oder Moore wieder zu vernässen“, so Gesenhues.
Die Umweltpolitik der vergangenen Jahrzehnte sei bisweilen „zu bürokratisch
und komplex“ geworden, sagt Florian Schöne, Geschäftsführer des Deutschen
Naturschutzrings (DNR). Insofern sei der Vorschlag Schneiders „zwar
schmerzhaft, aber gerade noch tragbar“. Besser werde dadurch im
Umweltschutz allerdings nichts. „Wir brauchen zielgenauere Instrumente, um
Emissionen zu verringern und die Artenvielfalt zu schützen“, sagt Schöne.
Sie müssten ergebnisorientiert angelegt sein, den Unternehmen Spielraum
lassen und die Menschen für den Naturschutz gewinnen.
23 Jun 2026
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