# taz.de -- Sternerestaurant Nobelhart & Schmutzig: Alles in Butter?
       
       > Das Essen zu teuer, die Stimmung toxisch: Die Sternegastronomie ist in
       > der Krise. Zu Besuch im Berliner Nobelhart & Schmutzig, das vieles anders
       > machen will.
       
       Berlin taz | Die Tür des Nobelhart & Schmutzig ist leicht zu übersehen, der
       graue Betonbau verschwindet zwischen einer bunten Spielhalle und einem leer
       stehenden Chinarestaurant [1][im südlichen Teil der Berliner
       Friedrichstraße], nicht weit entfernt vom Checkpoint Charlie. An einem
       Dienstagmittag im Mai steht direkt hinter dieser Tür ein Wäscheständer, auf
       dem die Küchenhandtücher trocknen. Die Vorhänge zum Hinterhof sind
       aufgezogen und lassen Sonnenlicht in das sonst abgedunkelte Restaurant. Die
       Mitarbeiter_innen bereiten das Menü für den Abend vor.
       
       Zwei Köchinnen pürieren Rhabarber für die Nachspeise und überlegen, ob sie
       Rosenzucker hinzufügen sollen. Oder doch lieber etwas Fenchelgrün?
       Restaurantleiterin Sarah Fischer geht die Reservierungen durch. Der
       kulinarische Leiter Micha Schäfer brät ein Stück Fleisch in der Pfanne und
       verzieht sich damit zum Mittagessen in eine Ecke.
       
       In der Mitte der Küche steht der Pass. Dort werden am Abend die Mahlzeiten
       angerichtet, von dort aus werden sie auch serviert. Jetzt liegt da ein
       großes Stück Kalbsfleisch, das von zwei Köchen in präziser Handarbeit
       auseinandergenommen wird. Auch wer die Handbewegungen zum ersten Mal sieht,
       erkennt die Routine.
       
       Alle Lebensmittel kommen aus dem Berliner Umland. „Brutal lokal“ ist das
       Motto des Restaurants. Es gibt also kein Olivenöl, keinen Pfeffer, keine
       Zitrone, dafür Senfsaat, Meerrettich, Leinöl oder Schwarzwurzel. Je
       nachdem, was gerade Saison hat.
       
       Mit diesem Fokus auf radikale Regionalität trafen der Besitzer und
       Sommelier Billy Wagner und sein Küchenchef Micha Schäfer 2015 den
       Zeitgeist. Schon einige Monate nach der Eröffnung zeichnete der Guide
       Michelin das Restaurant mit einem Stern aus, die Plätze waren ständig
       ausgebucht.
       
       Heute, elf Jahre später, ist die Welt eine andere. Nachhaltigkeit ist
       längst als Trend etabliert. Eine Entwicklung, die für [2][die Klimakrise]
       gut sein mag, aber dem Nobelhart & Schmutzig gefährlich geworden ist. Denn
       das Restaurant geht wie die Spitzengastronomie insgesamt durch schwere
       Zeiten. Und es überleben nur die, die sich von der Masse absetzen können.
       
       Allein im vergangenen Jahr mussten in Berlin einige namhafte
       Sternerestaurants, wie das Ernst oder das Richard schließen. Fragt man Koch
       Micha Schäfer nach der Lage, antwortet er knapp mit: „Mittelmäßig.“ Und
       dann: „Früher waren wir immer ausgebucht, seit 2024 läuft das nicht mehr so
       easy.“
       
       Um weiterbestehen zu können, haben sich Schäfer und Wagner daraufhin ein
       neues Konzept überlegt: Ein Abend muss schneller vorübergehen. Es gibt
       weniger Gänge zu einem niedrigeren Preis, damit sie das Restaurant doppelt
       belegen können. Klingt erst mal logisch – doch wer will sich im
       Sternerestaurant schon hetzen lassen? Und ist so ein Konzept die richtige
       Antwort auf die Krise der Spitzengastronomie?
       
       Am 23. Juni werden bei einer feierlichen Gala in Frankfurt am Main die
       Sterne des Guide Michelin vergeben. Zuvor kommen Inspektor_innen inkognito
       zum Testessen. Sie allein entscheiden, wer einen Stern bekommt und wer ihn
       verliert. Ein Qualitätssiegel in der Branche, aber kein Überlebensgarant
       mehr. Auch deswegen scheint im Nobelhart & Schmutzig niemand so richtig
       Angst zu haben, dass man den Stern verlieren könnte.„Wenn wir ihn
       verlieren, schwinden höchstens meine Chancen beim Dating“, scherzt Micha
       Schäfer.
       
       Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn natürlich bestimmen auch solche
       Auszeichnungen, wer den Laden besucht. Das Restaurant ist im vergangenen
       Jahr von der Liste der [3][„50 Best Restaurants“], zusammengestellt von
       mehr als 900 Expert_innen der Branche, geflogen. Mit Platz 59 sind sie aber
       immerhin noch das zweitbeste Restaurant in Deutschland – nur einen Platz
       hinter dem Restaurant Tim Raue, das sich in direkter Nachbarschaft
       befindet.
       
       Die beiden Köche entfernen noch immer die Fettstellen vom Kalb, als Inhaber
       Billy Wagner im Restaurant eintrifft. Mit seinen weiten beigen
       Leinenklamotten entspricht sein Aussehen nicht dem Stereotyp eines
       erfolgreichen Unternehmers. Seine Präsenz dagegen schon: Waren davor nur
       das Summen der Dunstabzugshaube und gelegentliche leise Gespräche zu hören,
       durchbricht nun seine Stimme die ruhige Atmosphäre.
       
       ## Die Chefs machen gemeinsam Paartherapie
       
       Betritt Wagner einen Raum, nimmt er ihn ein. Und das scheint er gerne zu
       tun. Als Talkshowgast legt er seine Gewinnmarge offen (wenn es gut läuft 7
       Prozent, wenn es schlecht läuft 3 Prozent des Umsatzes vor Steuern) und auf
       Instagram postet er Videos, in denen er erklärt, wieso es rücksichtslos
       sei, verkatert zur Arbeit zu erscheinen, oder warum man sich bei der
       Bundestagswahl gegen Populismus stellen sollte.
       
       Mit dieser offenen Art eckt Wagner an. Die einen halten ihn für einen
       genialen Unternehmer, der politisch Courage zeigt. Andere sind genervt,
       dass er überall mitmischen will. Als er 2016 einen Anti-AfD-Sticker an die
       Tür des Nobelhart & Schmutzig klebte, berichteten mehrere Medien darüber.
       Die Googlebewertungen wurden schlagartig negativer, gleichzeitig stiegen
       die Reservierungen an.
       
       Während Wagner gerne mal provoziert, hält Micha Schäfer sich in der
       Öffentlichkeit zurück. „Hätte Billy mich 2014 nicht gefragt, ob ich in
       seinem neuen Restaurant die Küche übernehmen will, würden wir uns nicht
       kennen. Er ist nachts wach, ich morgens. Ich habe Kinder, er geht ins
       Berghain. Wir sind wie Tag und Nacht“, sagt Schäfer. Vielleicht sind es
       gerade diese Unterschiede zwischen den beiden Männern, die das Restaurant
       erfolgreich machen. Beide arbeiten kreativ, doch ihre Aufgabenbereiche sind
       klar voneinander getrennt. Wagner verantwortet als Chef das Team, die
       Finanzen, das Marketing, Schäfer konzentriert sich ganz aufs Essen. Dass
       sie immer noch zusammen arbeiten können, liegt laut Wagner an der
       Paartherapie, die sie regelmäßig machen.
       
       Auf dem Pass liegt mittlerweile neben dem Kalb ein Berg weißer Spargel, der
       von einem weiteren Koch geschält wird. Die Spitze der Stangen ist auffällig
       grün-braun. Das liegt daran, dass sie ohne schwarze Folie gewachsen sind.
       Die Folie beschleunigt das Wachstum – ohne sie hat der Spargel mehr Zeit zu
       gedeihen. Das macht ihn im Anbau teurer, aber soll für einen intensiveren
       Geschmack sorgen.
       
       Bei den Lebensmitteln zu sparen, kam für Schäfer nie in Frage. Sein Job als
       kulinarischer Leiter beinhaltet, die Gerichte zu entwickeln, aber auch, mit
       den Produzent_innen aus der Berliner Umgebung zusammenzuarbeiten. Jahrelang
       besuchte er Höfe, ließ sich erklären, wie welches Gemüse angebaut und
       welches Tier gehalten wird.
       
       Er sagt: „Vor zehn Jahren gab es wenige Landwirte in Brandenburg, die auf
       so hohem Niveau Lebensmittel angebaut haben.“ Heute hat er zahlreiche feste
       Beziehungen zu Höfen aus dem Umland. „Für Billy ging es beim Motto ,brutal
       lokal’ vor allem ums Marketing, für mich ist es die einzig spannende Art zu
       Kochen. Ich hab keine Lust, irgendwem einfach ein Schnitzel in die Pfanne
       zu werfen“, sagt Schäfer.
       
       ## Wenn die Touristen fehlen
       
       Am Motto wird also nicht gerüttelt trotz Krise. Fragt man Billy Wagner,
       woher die Krise rührt, beginnt er auf den Berliner Flughafen zu schimpfen.
       Über Flughafengebühren und teure Flüge, die zwar im Sinne der Klimakrise
       seien, aber Berlin die Tourist_innen raubten. Ohne sie sei es schwer, jeden
       Tag den Laden zu füllen.
       
       Bis heute wurden nie wieder Tourismuszahlen wie vor [4][Corona] erreicht.
       Auch die Berliner_innen, die mit hohen Mieten und Lebensmittelpreisen
       kämpfen, kommen seltener. Alle müssen sparen. Die Pandemie haben Wagner und
       Schäfer gut überstanden, doch 2024 schossen die Kosten in die Höhe – für
       Energie, für Lebensmittel und durch den Anstieg des Mindestlohns für seine
       knapp 20 Angestellten. Da Wagner leicht über Mindestlohn zahlt, sind die
       Personalkosten mit gut 800.000 Euro im Jahr im Nobelhart & Schmutzig der
       größte Kostenfaktor, gut doppelt so hoch wie die Lebensmittel.
       
       Staatliche Hilfen in Form eines dauerhaft ermäßigten Mehrwertsteuersatzes
       von 7 Prozent auf Speisen sollen die Krise abfedern. Doch das scheint nicht
       viel zu bringen. Nachgefragt bei der Gewerkschaft
       Nahrung-Genuss-Gaststätten, sagt Referent Mark Baumeister, dass viele
       Restaurantbetreiber_innen die Steuervergünstigung nicht an die Gäste
       weitergeben würden.
       
       Doch die Krise trifft nicht alle gleich. Während die Systemgastronomie
       wächst, kämpfen die kleinen Unternehmen ums Überleben. Auch wegen der
       starken Konkurrenz. Gerade in Berlin gibt es gefühlt jede Woche einen Hype
       um ein neues Restaurant, vor dem dann alle Schlange stehen.
       
       Wie es hinter den Kulissen eines Spitzenrestaurants aussehen kann, wissen
       heute alle – nämlich aus dem Fernsehen. Es ist heiß und laut. Flammen
       zischen, Teller zerspringen, Köche schreien. In [5][der Emmy-prämierten
       Serie „The Bear“], die in diesen Tagen mit der fünften Staffel ihr Ende
       findet, wird mehr geschrien als gekocht. „Fuck“, brüllt Koch Carmy, wenn es
       hektisch wird, und das wird es oft. Allein das Zuschauen löst Stress aus.
       Brüllende Köche treten auch im satirischen Film „The Menu“ oder in
       deutschen Koch-Reality-Shows wie „Kitchen Impossible“ auf.
       
       Toxische Arbeitskultur und Demütigungen in der Küche gibt es aber nicht nur
       im Fernsehen, das haben zuletzt Enthüllungen aus dem dänischen Noma, das
       als bestes Restaurant der Welt galt, gezeigt. Dutzende Mitarbeiter_innen
       beschuldigen den Chefkoch René Redzepi des Mobbings sowie der psychischen
       und physischen Gewalt. In der New York Times [6][erzählen sie], wie sie mit
       Schlägen auf die Brust und Stichen mit der Gabel bestraft worden seien.
       Weil ein Koch beim Arbeiten Techno gehört habe, habe er vor versammelter
       Mannschaft verkünden müssen, dass er DJs gerne Oralsex gebe. Erst dann habe
       er wieder in die Küche gehen dürfen.
       
       ## Der Tyrann in der Küche
       
       Wie ein Tyrann soll Redzepi ein düsteres Regime geführt haben. Als Folge
       auf die Vorwürfe hat er seinen Job niedergelegt, das Noma wurde
       geschlossen. Im August soll es wieder eröffnen, dann soll Redzepi nicht
       mehr leiten, aber als Creative Director die neue Spitze beraten.
       
       Der Fall Noma ist ein Extrem- aber kein Einzelfall. Auch dem deutschen
       Drei-Sterne-Koch Christian Jürgens [7][wurde vor einigen Jahren
       vorgeworfen], seine Mitarbeiter_innen jahrelang schikaniert und gedemütigt
       zu haben.
       
       Solche Gewalt verteidigt niemand laut, doch für viele gehören eine harte
       Hand und ein rauer Umgangston zur Spitzenküche. Ein Bild, das sich auch bei
       Teilen des Nachwuchses hält. Wer nach oben will, muss ganz unten gewesen
       sein, heißt es. Bis heute genießen Köche ihren Ruf als toughe Typen. Sei es
       der Berliner Zwei-Sterne-Koch Tim Raue, der in der Netflix-Serie „Chef‘s
       Table“ einen Kollegen mit „Beweg deinen verfickten Arsch zur Seite“
       anraunzt. Oder der saarländische Sternekoch Peter Wirbel, der in der
       ARD-Sendung „Am Pass“ offenbar stolz sagt, man müsse Wörter wie Arsch und
       Scheiße so oft wie möglich nutzen in der Küche. Da werde halt geschrien.
       
       Mit diesen Bildern im Kopf ist es bei den Vorbereitungen im Nobelhart &
       Schmutzig auffällig ruhig. Nichts geht schief, kein Topf fällt zu Boden,
       keine_r schreit. Aber natürlich wissen auch alle, dass heute jemand
       zuguckt.
       
       Am Nachmittag findet die monatliche Teamsitzung statt. Das Fleisch bleibt
       auf dem Pass liegen, die Dunstabzugshauben laufen weiter, als sich alle
       Teammitglieder um den einzigen großen Tisch im Gastraum zusammenfinden. Wie
       in jedem anderen Betrieb gibt es auch hier langweilige Orga-Themen zu
       besprechen. Welche Pakete geöffnet oder warum keine Ladekabel von Gästen
       angenommen werden dürfen, zum Beispiel.
       
       Es spricht hauptsächlich Billy Wagner, bis er schließlich
       Restaurantleiterin Sarah Fischer das Wort gibt. Sie hat eine Ankündigung.
       Nach anderthalb Jahren verlässt sie das Nobelhart & Schmutzig. „Ende Mai
       ist mein letzter Arbeitstag“, sagt sie. Es folgt: Stille. Bis Wagner
       ansetzt und Fischer für ihren tollen Einsatz der vergangenen anderthalb
       Jahre lobt.
       
       Warum geht sie?
       
       Fischer sagt, dass sie mal eine Pause brauche. Als Restaurantleiterin
       musste sie den Laden zusammenhalten, alle zufriedenstellen: die Küche, den
       Service, die Gäste – und natürlich Billy Wagner. Und obwohl sie nur
       Positives über ihn zu sagen hat, klingt durch, dass die Zusammenarbeit
       nicht immer einfach war. Sie habe sich etwas mehr kreative Mitarbeit
       gewünscht. Darauf angesprochen, sagt Wagner, dass er Fischer für eine
       großartige Kollegin halte, es aber hin und wieder gekracht habe. „Wir haben
       das jetzt ein gutes Jahr probiert, aber wir ticken einfach
       unterschiedlich.“
       
       Im Nobelhart & Schmutzig sollen sich alle einbringen können, doch in welche
       Richtung das Restaurant sich grundsätzlich entwickelt, entscheiden am Ende
       die zwei Chefs: Wagner und Schäfer. Gut vorstellbar, dass es nicht immer
       leicht ist, mit seinen eigenen Ideen gegen die beiden anzukommen.
       
       Billy Wagner möchte auf alle Krisen gleichzeitig eine Antwort finden und
       nennt das „wertezentrierte Gastronomie“. Nicht nur die Lebensmittel sollen
       fair behandelt werden, auch die Angestellten. Deswegen hat er eine
       40-Stunden-Woche, flache Hierarchien und einen Praktikumsplatz eingeführt,
       der nach Mindestlohn bezahlt wird. Hier soll keine Ausbeutung mehr
       stattfinden.
       
       Vergleicht man einen Job im Nobelhart & Schmutzig mit einem klassischen
       Bürojob, sind die Arbeitsbedingungen trotzdem schlechter. Nach acht Stunden
       den Laptop zuklappen ist nicht möglich, denn da sitzen Gäste, die bedient
       werden möchten. Die Schicht endet erst, wenn die Letzten gegangen sind, und
       das lässt sich nicht immer planen. Der Lohn liegt bei Berufseinstieg knapp
       über Mindestlohn, darauf kommen dann pro Monat zwar rund 1.000 Euro
       Trinkgeld – doch bei der Rente oder der Wohnungssuche spielt das keine
       Rolle. Zudem ist die Arbeit körperlich anstrengend und sind die
       Arbeitszeiten herausfordernd. In der Küche wird immer gearbeitet, wenn
       andere frei haben.
       
       Familienfreundlich ist das nicht. Einer der Gründe, warum in der
       Spitzengastronomie so wenig Frauen arbeiten. Im Nobelhart & Schmutzig ist
       fast die Hälfte des Teams weiblich, auch wenn hier wie gewohnt zwei Männer
       das Sagen haben. Wagner meint: „30 Tage Urlaub können wir nicht zahlen,
       aber wir stehen deutlich besser da als viele Restaurants, in denen
       70-Stunden-Wochen und unbezahlte Praktika normal sind.“
       
       Für den Koch Alan Schlieben sind es die besten Arbeitsbedingungen, die er
       je in einem Küchenjob hatte. Ein paar Wochen später erzählt er am Telefon:
       „Es ist das erste Mal, dass ich nicht 50 oder 60 Stunden die Woche arbeite,
       sondern im Schnitt vermutlich 39.“ Anstrengend sei der Job trotzdem.
       „Gerade jetzt im Sommer. Es ist toll, mit den Produkten aus der Region zu
       arbeiten, aber zusätzlich zum normalen Pensum müssen wir jetzt das ganze
       Obst und Gemüse für den Winter einlegen.“
       
       Als das Fleisch filetiert ist, die Spargelstangen geschält und die Kräuter
       geschnitten sind, gehen die Vorbereitungen für den Tag langsam zu Ende.
       Bevor die Gäste kommen, wird die Musik noch einmal richtig aufgedreht. Über
       die Boxen läuft ein Remix der 90er-Jahre-Band TLC und der Gasherd steht
       voll mit Töpfen, als die Kerzen angezündet und die letzten Stühle
       geradegerückt werden.
       
       Zeit zum Rumsitzen hat keine_r, die Liste mit den Sonderwünschen der Gäste
       haben sie im Kopf: Einer hätte gerne geeiste Champagnergläser. Ein anderer,
       dass alles genau so ist wie am Abend zuvor, als er schon einmal zu Besuch
       war. Und dann ist es 18 Uhr, es klingelt an der Tür und der Service
       beginnt, für die erste Runde der Gäste.
       
       ## Auch der Weinkonsum geht zurück
       
       Bei einem anderen Besuch im Restaurant ist gegen 20.30 Uhr zur zweiten
       Runde der Reservierungen fast jeder Platz am Tresen besetzt. Der Tresen
       legt sich in U-Form um die offene Küche. Einige Gäste sind schon am essen,
       während den Neuen ein Aperitif gereicht wird. Wagner hat als Sommelier die
       Getränkekarte kuratiert, sie ist so dick wie eine Bibel.
       
       Doch immer mehr Menschen verschmähen sie. „Früher haben nur die Schwangeren
       und die Ex-Alkis nicht getrunken, mittlerweile sind es 20 Prozent der
       Gäste, schätze ich“, sagt Wagner. Ein Problem für ihn, schließlich wird mit
       Alkohol der meiste Umsatz gemacht.
       
       Im Nobelhart & Schmutzig zahlt man pro Glas Wein zwischen 7 und 55 Euro,
       bei sechs Gängen sollte man mit 120 Euro rechnen. Cola und alkoholfreies
       Bier sind nicht so teuer. Es braucht also Alternativen. Wagner schenkt als
       Aperitif Erdbeermolke ein, knallrot wie Marmelade, im Geschmack wie ein
       trockener Wein. Auch Kefir, Kombucha und Eistee werden serviert. [8][Bei
       den nichtalkoholischen Getränken kreativ zu werden], ist ein weiterer
       Baustein, um der Krise zu entkommen.
       
       Zur Vorspeise wird ein Tontopf auf den Tresen vor die Gäste gestellt. Darin
       befindet sich Butter. Nicht fluffig geschlagen, wie es bei Instagram gerade
       angesagt ist, sondern hart und dunkelgelb. Wagner erklärt, dass sie 2024
       aus Sahne vom Erdhof Seewald hergestellt wurde. Mit einem Holzspaten
       schmiert er die Butter auf einen Teller. Dazu serviert er Radieschen mit
       Öl, hauchdünn geschnittenen Fenchel, Salat aus Jungmangold mit
       Haselnusscrunch und Feta sowie Roggenbrot. Während er erzählt, von welchem
       Hof welches Gemüse stammt und wie die Butter entstanden ist, steht der
       Tontopf schon wieder woanders. Andere Gäste hätten gerne einen Nachschlag.
       
       Der erste Gang ähnelt in seiner Präsentation einem klassischen
       Abendbrottisch. Auch wenn die Butter sehr viel mehr geschmackliche Tiefe
       hat als die zu Hause im Kühlschrank – ungewöhnlich ist ein Butterbrot als
       Vorspeise für ein Sternerestaurant allemal.
       
       Von Beginn an hat Micha Schäfer im Nobelhart & Schmutzig eine Menüfolge aus
       zehn Gerichten entwickelt, die oft nur aus zwei Zutaten bestehen und gerne
       mit der Hand gegessen werden dürfen. Im Zuge der Umstellung auf einen
       günstigeren Abend ist das Menü geschrumpft. Statt 200 kostet das Essen nun
       unter der Woche 120 Euro und besteht dafür aus sechs Gerichten, die mehr
       Zutaten beinhalten dürfen. Wer möchte, kann für einen Aufpreis zwei
       Gerichte dazubuchen.
       
       Nicht alle finden diese Preise gerechtfertigt. Jochen Rädeker, Herausgeber
       des Gault&Millau in Deutschland, [9][schimpft in einem Interview] mit der
       Süddeutschen Zeitung über die hohen Preise in der Branche und schiebt sie
       auf „geizige und gierige Wirte“. Er findet die Erhöhungen der Restaurants
       überzogen. Die Chefs seien selbst schuld, wenn die Gäste ausblieben. Und
       ein Beispiel ist für ihn das Nobelhart & Schmutzig, denn hier würde man das
       gleiche zahlen wie vor ein paar Jahren vor diversen Preiserhöhungen, aber
       nur noch die Hälfte des Essens bekommen.
       
       So eine Kritik lässt Billy Wagner natürlich nicht unbeantwortet, [10][in
       einem Blogpost] antwortet er auf Rädeker und rechtfertigt seine Preise.
       Günstiger ginge es nur auf Kosten von Mensch und Umwelt.
       
       Auf das Butterbrot folgt ein Salat aus Lindenblättern mit Senfsaat und
       rohem Eigelb sowie ein Kartoffelbrei mit Spargel. Alle Gerichte werden von
       unterschiedlichem Personal serviert. Klassische Kellner_innen gibt es
       nicht, auch die Köch_innen arbeiten mit den Gästen. Und alle müssen Teller
       waschen. Der körperlich anstrengende und unbeliebte Job des Spülers in der
       hinteren Küche wurde abgeschafft.
       
       Am Abend ist die Stimmung in der Küche entspannt. Einer brät das Fleisch,
       weitere gießen Soße über die Teller, andere servieren und füllen minütlich
       die Wassergläser der Gäste auf. Dabei wird gescherzt und gelacht, niemand
       wird laut. Es ist keine Hektik wahrzunehmen.
       
       Chef Schäfer lehnt entspannt am Pass, nur gelegentlich hilft er beim
       Anrichten. Das Prinzip einer offenen Küche soll nicht nur für Effizienz und
       Kommunikation sorgen, sondern auch Transparenz herstellen. Gleichzeitig
       wissen alle in der Küche, dass sie beobachtet werden. Es ist ein
       Theaterstück, das sie jeden Abend fürs Publikum aufführen. Da muss alles
       sitzen.
       
       Nur einmal wird es an diesem Abend kurz stressig: bevor die Hauptspeise
       serviert wird. Auf einem Teller ist zu viel Soße gelandet, Schäfer richtet
       ihn neu an. Ein weiterer Koch ruft zu seinen Kolleg_innen: „Jetzt brauche
       ich alle Hände. 4/5 Veggie, 7/8/9 einmal Veggie, zweimal Fleisch, 28/29
       Veggie und Fleisch.“ Die Hauptspeise muss gleichzeitig raus, damit das
       Essen warm bei allen Gästen ankommt. Außerdem soll sich der Abend nicht zu
       sehr in die Länge ziehen, pro Gast sind zweieinhalb Stunden eingeplant.
       
       ## Implosion statt Wutanfall
       
       Damit stressige Momente nicht in Geschrei und Gewalt umschlagen, hat Wagner
       Anti-Diskriminierungs-Workshops durchführen lassen, einen Guide of Conduct
       erstellt, um mit missbräuchlichen Situationen besser umzugehen, ein
       Warnsystem bei übergriffigen Gästen eingeführt und eine externe
       Vertrauensperson gesucht. „Es ist gut, dass in der Branche darüber
       gesprochen wird, was René Redzepi im Noma falsch gemacht hat. Aber wir
       sollten nicht so tun, als sei das nur das Problem von einem Mann in einem
       Restaurant. Wir alle haben dieses Problem, und deswegen müssen wir auch
       alle dagegen was tun“, sagt er.
       
       Trotzdem sei Stress an diesem Arbeitsplatz normal: „Die Küche ist ein
       Hochleistungsbusiness. Stress und Hitze lassen sich nicht vermeiden. Und an
       manchen Tagen kommt dann einfach alles zusammen“, sagt Wagner. Man hat
       schon von zu Hause schlechte Laune mitgebracht, dann öffnet eine Sommelière
       eine Champagnerflasche kurz vor Ladenschluss, obwohl schon eine offen war,
       ein Wasserglas eines Gastes bleibt zu lange leer und dann geht auch noch
       ein Teller kaputt.
       
       Und dann wird geschrien? „Nein, ich muss nicht laut werden. Ich implodiere
       innerlich und das sehen die Leute. Aber das ist auch nicht besser“, sagt
       Wagner. Er selbst habe Therapie gemacht, um damit besser umzugehen.
       
       Verheißungsvolles Zischen in der Pfanne: Die Hauptspeise ist das einzige
       Gericht der Sechs-Gänge-Folge, das Fleisch enthält. Wenige Minuten später
       liegt da ein Stück Kalbfleisch mit grünem Spargel und Safransauce
       übergossen.
       
       Dass es Safran gibt, ist neu. Bedingt durch die Klimakrise herrschen in
       Brandenburg wärmere Bedingungen, sodass es zum Anbaugebiet geworden ist.
       „Ich esse ihn immer mit einem weinenden Auge“, sagt die Sommelière beim
       Servieren. Nicht nur das Niveau der Lebensmittel in der Berliner Umgebung
       ist über die Jahre besser geworden, sondern auch die Vielfalt. Micha
       Schäfer verneint die Frage, ob ihm beim regionalen Kochen bestimmte
       Lebensmittel fehlen. „Aktuell sind wir ein sehr fruchtbarer Breitengrad. In
       Frankreich und Italien lässt sich nicht mehr so viel anbauen wie hier.“
       
       Also fehlt wirklich nichts? „Zitrusfrüchte vielleicht“, sagt er.
       Anstrengend sei manchmal eher die Erwartungshaltung der Gäste. „Sobald der
       März da ist und die ersten warmen Tage kommen, wollen alle Spargel oder
       Radieschen. Aber die haben erst im Mai Saison.“
       
       Es ist 22 Uhr, als der letzte Gang am Platz serviert wird. Ein Babka, ein
       geflochtenes Hefegebäck, statt mit Schokolade mit Kürbiskernen gefüllt. „Am
       besten mit den Händen essen, so lange er noch warm ist.“ Micha Schäfer
       verabschiedet sich mit einem Handschlag von seinem Team. Er hat Feierabend.
       Auch Billy Wagner geht an diesem Abend, bevor der letzte Gang serviert ist.
       Verantwortung abgeben ans Team, das scheint ihnen beiden zu gelingen.
       
       Als Arbeitgeber gibt das Nobelhart & Schmutzig ein positives Bild ab. Muss
       es auch, sie haben den Ruf als „politischstes Restaurant Deutschlands“ zu
       verteidigen. Mark Baumeister von der Gastro-Gewerkschaft sagt, dass durch
       Corona 25 Prozent weniger Fachkräfte auf dem Markt zur Verfügung stehen.
       Das Nobelhart & Schmutzig bemerkt davon laut Wagner wenig. Auch hier
       kündigen immer wieder Angestellte, manche hätten dann eben doch mehr Lust
       auf klassische gehobene französische Küche, aber sie bekämen immer
       ausreichend Bewerbungen.
       
       Die Köchin Freya Charreron arbeitet seit zwei Jahren hier und sagt:
       „Eigentlich gehe ich immer mit einem guten Gefühl zur Arbeit.“ In ihrer
       Laufbahn habe sie es auch schon mit ausrastenden Chefs und unangenehmen
       Drucksituationen zu tun gehabt. „So etwas habe ich im Nobelhart noch nie
       erlebt. Hier muss ich jeden Tag 100 Prozent geben, das ist anstrengend,
       aber wir sind wirklich gut besetzt. Sodass es auch kein Problem ist, wenn
       jemand krank ist“, sagt sie.
       
       Ein Kompliment für den Arbeitgeber. Bezahlen tun das am Ende die Gäste. Im
       Nobelhart & Schmutzig bekommen sie wenig Fleisch, kein Chichi und keine
       Gerichte, die aus 20 Komponenten bestehen. Das Essen schmeckt trotzdem
       herausragend. Der Abend kostet inklusive Getränke über 200 Euro. Ein Luxus,
       den sich nur wenige leisten können. Und diese wenigen zu erreichen, wird
       immer herausfordernder.
       
       ## Und dann sind alle Gäste nackt
       
       Um mehr Gäste anzulocken, hat das Nobelhart & Schmutzig in diesen Monaten
       zusätzlich montags geöffnet. Auch Themenabende sollen helfen – zuletzt war
       das „Marihuana“, im Laden durfte geraucht werden. Angedacht ist außerdem
       ein Dinner, bei dem alle Gäste nackt sind. Wagner ist freudig aufgeregt,
       als er die letzte Idee vorstellt. „Sowas hat noch nie ein Restaurant in
       Deutschland gemacht“.
       
       Billy Wagner scheut sich nicht, auch ungewöhnliche Wege zu gehen. „Nur wer
       bereit ist, sich ständig neu zu erfinden, kann weiter existieren“, sagt
       Gewerkschaftler Baumeister. Es sei zwar nicht schlimm, wenn einzelne
       Restaurants nur für eine bestimmte Zeit bestehen können, doch er sieht auch
       die Politik in der Pflicht. Viel größer sei jedoch die fehlende
       Wertschätzung für gutes Essen bei den Deutschen, denn im Vergleich mit
       anderen Nationen werde hierzulande grundsätzlich weniger Geld für
       Lebensmittel und Restaurantbesuche ausgegeben.
       
       Kleiner wird die Gastrobranche trotz allem nicht. Selbst in Krisenzeiten
       machen mehr Läden auf als dass sie schließen. Und doch hängen an jedem
       geschlossenen Restaurant Geschichten und Emotionen. Und zwar nicht nur die
       der Chefs und Angestellten, sondern auch die der Stammkund_innen.
       
       Nach zweieinhalb Stunden ist der Abend im Nobelhart & Schmutzig vorbei. Den
       letzten Gang gibt es auf die Hand, einen Windbeutel, gefüllt mit
       Kondensmilch. Vor dem Reinbeißen vor der Tür wird schnell ein Foto
       geschossen, der berühmte Anti-AfD-Sticker ist mit im Bild.
       
       Das neue Konzept des schnelleren Abends mit weniger Gerichten geht auf und
       fühlt sich nicht gehetzt an. „Ohne diese Umstellung gäbe es uns nicht mehr.
       Dank ihr kämpfen wir jetzt nicht um unsere Existenz“, sagt Billy Wagner.
       Doch genau wie die Themenabende seien das nur kleinere Maßnahmen.
       Irgendwann brauche es eine Neuerfindung.
       
       Das weiß auch Micha Schäfer. „Es ist klar, dass wir uns irgendwann
       verändern müssen“, sagt er. „Ich weiß nur noch nicht wie.“ Es wäre
       wünschenswert, das rechtzeitig rauszufinden.
       
       23 Jun 2026
       
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