# taz.de -- Von der Wut aufs Kochen: Bereitet eure Trendgerichte doch alleine zu!
       
       > Kochen wird als Achtsamkeitsübung verkauft, dabei ist es Höllenarbeit,
       > findet unsere Autorin. Und dann bleibt auch noch was vom Essen übrig...
       
 (IMG) Bild: Minusgeschäft: Viel Arbeit, schmutziges Geschirr, Speisereste um 15 Minuten zu essen
       
       Es ist halb zwei nachmittags, ich sitze zu Hause am Rechner und mein Magen
       knurrt. Jetzt kommt die Mittagspause und damit der entspannte Teil des
       Arbeitstages, könnte man meinen. Doch stattdessen geht für mich der Stress
       erst so richtig los. Ich liebe gutes Essen, [1][ich liebe es, essen zu
       gehen]. Sobald ich aber selbst dafür verantwortlich bin, meinen
       Energiebedarf zu decken, wird aus Liebe Hass.
       
       Manchmal wünsche ich mir, ich könnte wie Astronaut*innen im All auf
       hochkalorische Trinknahrung zurückgreifen, um mich anschließend dem zu
       widmen, was mir wirklich Spaß macht: einen Kaffee trinken, spazieren gehen,
       meinen Kater Hugo streicheln. Mein Kühlschrank und meine Vorratsschränke
       sind in der Regel gut gefüllt. Doch aus Gemüse, Nudeln und Eiern etwas
       zubereiten zu müssen löst in mir etwa die gleichen Gefühle aus wie das
       gelbe Post-it mit der Aufschrift „Steuererklärung“, das ich seit Mai in
       meinem Terminplaner von einer Woche in die nächste klebe. Obwohl ich nicht
       mal schlecht im Kochen bin.
       
       Gericht ausdenken, Zutaten suchen, Gemüse schnippeln, davor im schlimmsten
       Fall noch einen benutzten Topf waschen, auf den ich angewiesen bin, nur um
       ihn danach wieder dreckig in die Spüle zu stellen. Dann nichts anbrennen
       lassen, auf Garzeiten achten, die Drehknöpfe am Herd ständig nachjustieren,
       weil auf Stufe 3 alles überkocht und auf Stufe 2 nichts mehr geht. Dann die
       dreckige Arbeitsplatte, das Tetra Pak Passata, das wieder nur halb leer
       wurde und mir die nächsten Tage im Kühlschrank Druck machen wird, ein neues
       Gericht zu überlegen, für das es genau 150 Gramm pürierte Tomaten braucht.
       Die winzigen Salatreste, die sich in der Schleuder verfangen, die
       Rote-Beete-Spritzer, die sich auf den weißen Fliesen verirrt haben: All das
       nur, um 15 Minuten zu essen. Und danach die Reste in Tupperdosen zu
       verstauen, wofür erst einmal Platz im Kühlschrank geschaffen werden muss.
       Die Passata aber ja nicht zu weit nach hinten schieben! Was sonst damit
       passiert, ist allen klar.
       
       Lange dachte ich, ich bin die einzige, die so ein Problem mit dem Kochen
       hat. Doch ein Blick in die Internetforen offenbart das Gegenteil. „Ich
       hasse kochen. Bin ich damit alleine?“, fragt ein User auf gutefrage. Ein
       anderer antwortet: „Verstehe ich sehr gut, ich lebe seit kurzem alleine und
       ernähre mich eigentlich von Nudeln und Kartoffeln, weil ich nicht kochen
       will.“ Daisy74700 schreibt: „Ich hasse es wie die Pest und kann es auch
       nicht.“ Auf Reddit fragt eine Userin verzweifelt: „Wie haltet ihr das mit
       der Routine durch?“ In einem anderen Forum schreibt granatapfel90: „Kochen
       macht mich wahnsinnig:)“
       
       Der Markt hat Menschen wie uns längst entdeckt. Kochbücher wie „Ich hasse
       Kochen: 30 idiotensichere, leckere, einfache und vollwertige Rezepte“ oder
       Kochpakete wie von Hellofresh wurden entwickelt, bei denen man sich
       zumindest das Nachdenken über ein Gericht und das Kaufen der Zutaten sparen
       kann. Auf Chefkoch [2][gibt es sogar die Rezept-Rubrik „Ich hasse kochen“].
       
       Wenn es etwas gibt, was ich noch mehr hasse als kochen, dann ist es
       zusammen mit anderen zu kochen. Zwiebeln schneiden, nicht heulen, gut
       zuhören: Multitasking aus der Hölle, das eigentlich nur offenbart, worum es
       beim Kochen geht – Arbeit! Welcher Mensch würde auf die Idee kommen, seine
       Freunde zu fragen, ob sie mit ihm zusammen Wäsche aufhängen oder
       staubsaugen? Trotzdem wird Kochen immer noch als teambildende Maßnahme
       verkauft und vor allem als Achtsamkeitsübung: Lust nach acht Stunden Arbeit
       noch zwei Stunden lang die Petersilie zu streicheln? Währenddessen jazzen
       Tiktok und Lebensmittelanbieter [3][unnötige Gerichtideen mit Namen wie
       Green Goddess Salad, Butter Board oder French Toast Rolls] hoch, um uns
       bloß nicht zur Ruhe kommen zu lassen.
       
       Dabei muss die Leistungsverweigerung in der Küche nicht zwangsläufig das
       Ende der gesunden Ernährung bedeuten. Zwei Scheiben Vollkornbrot,
       Gemüseaufstrich, Möhrchen, Gürkchen, fertig. Man nennt es auch Stulle.
       
       13 Jul 2026
       
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