# taz.de -- Debatte zum Elterngeld: Leistung für die Mittelschicht?
       
       > Das Elterngeld hatte von Anfang an einen Makel. Vielleicht wird’s Zeit,
       > ihn zu vergessen?
       
 (IMG) Bild: Das Elterngeld gilt als soziale Errungenschaft vor allem für die Mittelschicht, für arme Familien wurde das Erziehungsgeld halbiert
       
       Es ist ein paar Jahre her, dass ich eine gewisse Freude an historischen
       Parallelen entdeckte. Vermutlich war es zum Start der Ampelregierung, in
       deren erste 100 Tage der Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022
       hineingekracht war wie ein Meteorit. Ich ertappte mich dabei, etwas zu
       ausführlich über Ähnlichkeiten mit der rot-grünen Regierungszeit zu
       sprechen.
       
       Auch die Koalition aus SPD und Grünen hatte ab 1998 mit einem Krieg zu tun,
       der nicht ins Koalitionsprogramm passte, wobei die sich immerhin
       vorbereiten konnten, denn – nein, das dauerte zu lange. Ich zog die Luft
       ein und dachte: „Oh je, Mutti erzählt vom Krieg.“
       
       Wann ist diese Schwelle überschritten, dass man Politik nicht mehr im
       Querschnitt – „was machen die da, was soll das, das machen andere doch auch
       nicht“ – wahrnimmt, sondern im Längsschnitt – „das haben X und Y vor 20, 40
       oder 90 Jahren auch gemacht“? Fängt das nach dem 50. Geburtstag automatisch
       an oder müssen dafür bestimmte Reize ausgelöst werden? „Oh, ein
       SPD-Kanzler, das gibt’s nur einmal pro Generation, Moment, dazu fällt mir
       was ein“?
       
       ## Persönlicher Prüffall: Elterngeld
       
       Das Wissen oder jedenfalls die Erinnerung, wie etwas schon einmal war oder
       wie etwas entstanden ist, liefert Gesprächsstoff. Das ist nichts Böses. Wie
       stark es die Sicht aufs Jetzt und Hier prägt, bedarf allerdings ab und zu
       der Überprüfung. Ein solcher persönlicher Prüffall ist bei mir das
       Elterngeld.
       
       Wie die ganze Bundesregierung soll auch Familienministerin Karin Prien
       (CDU) bei sich sparen – also auch beim Elterngeld, das mit 7,5 Milliarden
       Euro den größten Einzelposten in ihrem Haushalt ausmacht. Anfang Juli soll
       der Plan stehen, ob und wie zum Beispiel die Bezugsdauer gekürzt wird, wenn
       die Väter zu wenig Auszeit nehmen – was in etwa Priens Plan zu sein
       scheint, wie sie [1][zuletzt im Radio] andeutete.
       
       Wie das Elterngeld überhaupt zur Welt kam, habe ich ab 2005 aufmerksam
       verfolgt. Ich sprach viel mit der jungen Wissenschaftlerin, die am Konzept
       für den Ökonomen Bert Rürup arbeitete, [2][der es für die
       SPD-Familienministerin] Renate Schmidt entwickelte, die es ihrer
       CDU-Nachfolgerin Ursula von der Leyen übergab, unter der es dann zum 1.
       Januar 2007 umgesetzt wurde. Das Elterngeld hatte, soll das heißen, viele
       Eltern, und die brauchte es auch.
       
       Ein großer Hebel in der bundesdeutschen Sozialstaatsmaschine wurde
       umgelegt: Weg von einer Sozialleistung für Bedürftige – dem Erziehungsgeld
       –, hin zu einer Lohnersatzleistung für Berufstätige. Nur wurde das
       Erziehungsgeld für arme Familien eben satt halbiert, um es als Elterngeld
       nach oben durchzureichen. Beim letzten Streit ums Elterngeld 2023 habe ich
       das schon einmal mit ein paar mehr Zahlen [3][an dieser Stelle
       aufgeschrieben].
       
       ## Ansprüche haben sich verschoben
       
       20 Jahrgänge von Müttern und Vätern durften sich inzwischen darüber freuen.
       Sehr viele von ihnen müssen nun gegen explodierende Mieten ankämpfen. Sie
       beobachten unruhig ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt und staunen jede Woche
       über die [4][steigenden Nahrungsmittelpreise]. Die wenigsten von ihnen
       werden wissen, wie vergleichsweise jung ihr Anspruch aufs Elterngeld ist.
       Überhaupt haben sich die Ansprüche insgesamt verschoben: Die
       Besserverdienerpresse beschäftigte sich zuletzt [5][erstaunlich ausführlich
       damit], ob es fair ist, Paaren mit über 175.000 Euro (!) zu versteuerndem
       (!) Jahreseinkommen kein Elterngeld zu zahlen.
       
       Mir fällt es schwer, das Elterngeld abgelöst von seinem Geburtsfehler zu
       betrachten, dass es vor allem Alleinerziehende ärmer gemacht hat. Aber die
       Chancen und Mittel haben sich in 20 Jahren neu verteilt. „Das Elterngeld
       ist doch längst eine notwendige Leistung für die Mittelschicht“, sagte
       jüngst ein Kollege, frisch zurück aus der Elternzeit, in der Konferenz. Er
       hatte recht. Die 175.000-Euro-Grenze kann trotzdem noch mal gesenkt werden,
       finde ich.
       
       6 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.deutschlandfunk.de/sparen-bei-familien-und-bildung-interview-karin-prien-cdu-bundesministerin-100.html
 (DIR) [2] https://www.zeit.de/2003/50/R_9frup_2fSchmidt
 (DIR) [3] /Streit-um-Elterngeld/!5943130
 (DIR) [4] /Inflation-in-Deutschland/!6178525
 (DIR) [5] https://www.welt.de/debatte/plus6a16ed45074b8cc92f72858e/kuerzungen-ausgerechnet-beim-elterngeld-das-wird-sich-raechen.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ulrike Winkelmann
       
       ## TAGS
       
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