# taz.de -- Asiatische Perspektiven im HAU: Kunst gegen das Alleinsein
       
       > Das Festival „Being Alone“ im Berliner HAU verhandelt Einsamkeit zwischen
       > zentralasiatischer Arbeitsmigration und digitaler Isolation.
       
 (IMG) Bild: Mit einer Wegwerfkamera ließ der kirgisische Fotograf Danil Usmanov drei Mädchen ihre Welt in der Grenzregion Batken dokumentieren
       
       Der Lichtkegel lässt den Bühnennebel wie eine undurchdringliche Wolkendecke
       wirken, die die Schwerkraft außer Kraft setzt. Langsam verlischt er und
       Lichtpunkte poppen auf. Es ist, als hätte sich das Firmament [1][das HAU 2]
       für eine exklusiv-intime Präsentation seiner Sternkollektion ausgesucht.
       
       [2][„Dragonfly – the Homeland of the soul]“ von Gana, Lihla, Ray Tseng
       arbeitet mit der artifiziellen Herstellung der Naturphänomene und
       verdichtet sie zu einer immersiv-poetischen Raumerfahrung. Produziert wurde
       die Performance vom „XAOS – international festival of experimental music
       and visual art“ in Ulaanbaatar und vom Goethe-Institut Mongolei.
       
       In Berlin wurde sie im Rahmen von [3][„Being Alone – Artistic Perspektives
       from Central and East Asia and Beyond“] gezeigt. Zwei Jahre lang befassten
       sich die Goethe-Institute Zentral- und Ostasiens in dem Regionalprojekt
       „Solitude: Loneliness & Freedom“ mit den Erfahrungsdimensionen von
       Vereinzelung. Im „HAU Hebbel am Ufer“ zeigten sie Perspektiven aus neun
       asiatischen Ländern und Deutschland.
       
       So gab [4][der kirgisische Fotograf Danil Usmanov] drei Mädchen, die in der
       Grenzregion Batken leben, eine Wegwerfkamera, damit sie ihre Welt
       dokumentieren. Die zwölf Fotos der achtjährigen Nazbiike Nurgaziyeva
       erzählen von einer weiten, kargen Landschaft, in der der Mensch
       verschwindet. Nurgaziyeva fotografiert spielende Kinder bei
       Sonnenuntergang, ältere Frauen, die um ein weißes Tuch mit traditionellem
       Brot sitzen, und ein altes Ehepaar vor einem nicht fertig gebautem Haus.
       
       ## Der Mensch verschwindet
       
       Usmanovs DIN-A4-Blatt, das sie engmaschig beschrieb, hängt im HAU 2 neben
       ihren Fotos. Nurgaziyeva erzählt hier von ihrem Leben und schreibt: „Meine
       Mutter wurde eine Migrantin. Sie ist weggegangen … Mein Vater verließ mich,
       als ich sieben Monate alt war und ging zur Armee … Meine Oma bringt mich
       jeden Tag mit dem Motorrad zur Schule.“
       
       Im Podiumsgespräch erläutert Usmanov die Verfasstheit [5][der
       Gesellschaften in den zentralasiatischen Staaten], die bis 1991 zur UdSSR
       gehörten: Aufgrund der prekären ökonomischen Situation vor Ort findet in
       fast jeder Familie Arbeitsmigration in Richtung Russland statt. Zurück
       bleiben Kinder und Alte.
       
       „Being Alone“ befasste sich auch mit dem Alleinsein beziehungsweise der
       [6][Einsamkeit im Kontext von Internet und KI]. In dem Panel „Loneliness in
       Future Societies“ wurden zwei sich ergänzende Positionen deutlich. So
       beschrieb Payal Arora, Professorin für AI Cultures an der Universität
       Utrecht, dass das Internet oft der einzige Raum für Solidarität, Bildung
       und Entfaltung für Frauen in repressiven Gesellschaften wie Iran und
       Afghanistan ist.
       
       Elira Turdurbaeva, Forschungsstipendiatin an der [7][Forschungsstelle
       Osteuropa der Universität Bremen], wies anhand von über 250 Interviews mit
       Frauen in den zentralasiatischen Staaten nach, wie dort repressive Regime
       das Internet nutzen, um kritische Stimmen durch Einschüchterung zum
       Schweigen zu bringen.
       
       ## Glöckchen, Gesänge und Glück
       
       Auf der Leinwand im Foyer das HAU 2 liefen menschenähnliche Wesen mit einem
       alten Radio als Kopf durch zerstörte urbane Räume. Liu Zhyus Film „Echo“
       ist einer von 11 Kurzfilmen der Reihe „AIsolation“, die im HAU gezeigt
       wurden. Lu Shans „Island Man“ wiederum durchdringt eine eigenartige Poesie.
       Digitale Fische durchschwimmen in orangefarbenen Schwärmen graue
       entvölkerte Großraumbüros. Der Icherzähler läuft mit einem Aquarium, in dem
       ein Stein liegt, als Kopfersatz herum.
       
       Cha Yeonsas „Spring Night“ schließlich, in Korea als dreistündige
       Performance aufgeführt, dauert in Berlin exakt eine Stunde und entfaltet
       ihre Poesie, wenn man sich auf das vorgeschlagene Spiel einlässt: Schließe
       die Augen, wenn du über die Bühne des HAU 1 gehst und grüße den anderen,
       wenn du ihn berührst.
       
       Das ist eine beglückende Erfahrung: Man ist für sich und gleichzeitig
       verbunden. Der Klang eines Glöckchens und buddhistische Gesänge erfüllen
       nach einigen Minuten den Raum. Die Augen immer noch geschlossen, die
       anderen Sinne geschärft, lässt man sich in diesem Klangraum fallen, öffnet
       irgendwann die Lider und blickt in den Saal des HAU 1, als hätte man ihn
       noch nie gesehen.
       
       2 Jun 2026
       
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