# taz.de -- Performance Kollektiv im HAU: Dann doch keine Schamhaarperücke
> She She Pop und das Sandbox Collective aus Bangalore balancieren in „Wait
> to be seated“ auf dem schmalen Grad von Diplomatie und Gastfreundschaft.
(IMG) Bild: She She Pop im Hebbel am Ufer
Das Spiel mit der Scham, es gehört zum Markenkern des
Performance-Kollektivs „[1][She She Pop]“. Sie haben damit den männlichen
Blick auf den weiblichen Körper und die weibliche Selbstermächtigung
ausgelotet, die Klassenverhältnisse zwischen Besitzenden und Ärmeren, und
das Schweigen der Erbenden gegenüber den sich prekär über Wasser Haltenden.
Weil sie oft ihre eigenen Biografien ebenso wie die Diskurse der Zeit
miteinbezogen, konnte man seit gut dreißig Jahren mit diesen
Künstler:innen langsam älter werden und sich immer wieder neu getroffen
fühlen in den wunden Punkten, wo das Sein dem Wollen und den Ansprüchen
hinterherhinkt. Nur milder sind sie geworden im Umgang mit den Schwächen,
die ihre und unsere sind.
Ihr jüngstes Stück „Wait to be seated“ entstand in Zusammenarbeit mit dem
Sandbox Collective aus Bangalore in Indien und hatte dort auch im November
Premiere. Jetzt begann im Berliner HAU 2 (Theater am Halleschen Ufer) eine
Tournee, die sie bald auch nach Düsseldorf, Dresden, Basel, Hamburg und
weitere Städte führen wird. Wie begegnen sich zwei feministische
Kollektive?
Die Inszenierung spielt mit den Codes der Höflichkeit und der
Gastfreundschaft, mit Dresscodes und den Regeln des diplomatischen
Umschiffens von Konfliktzonen. Aber auch viel mit dem, was man zu wissen
glaubt, mit den Imaginationen über das andere Land, die einem schon beim
Aussprechen nicht mehr ganz geheuer vorkommen.
## Mit glitzerndem Humor
Die Inszenierung ist bunt und lustig. [2][Der Glitzer von Bollywood] liegt
über dem Bühnenbild. „Dress for success“ heißt eine Strecke des
Warmlaufens, je eine Performerin aus Indien und Deutschland graben sich
durch Kleiderberge, während die anderen vom Rand her kommentieren. Zeige
Originalität, aber benutze keine Codes, die du nicht kennst. Zeige dein
feministisches Engagement, aber die Schamhaarperücke über dem Rock ist dann
doch übertrieben. Jedes Detail ist entscheidend, aber welches Teil die
Performerinnen auch ausprobieren, etwas ist immer schief.
Bald heißt eine Aufgabe „attempt open diplomacy“. Vier Performerinnen sind
als Blumendekor getarnt, die diesmal mit einer hinter allen lesbaren
Schrift die Gedanken hinter den ausgetauschten Floskeln tippen. Ein
alterndes feministisches Kollektiv mit verstaubten Botschaften ist dort als
vermuteter Gedanke der indischen Kolleginnen über die deutsche Seite zu
lesen, während laut Sätze über die gemeinsame Suche nach neue Ideen
ausgetauscht werden.
Selbstironie ist da auf beiden Seiten inklusive. Wenn dann Bilder
beschrieben werden, die ihnen jeweils typisch für die andere Kultur
erscheinen, geht es schon tiefer hinein in Sehnsüchte und im Bewundern von
etwas, was der eigenen Kultur zu fehlen scheint. Zwei alte Männer,
Politiker, die sich küssen, gesehen in der [3][East Side Gallery]: Da liegt
für eine indische Performerin ein Hauch von Utopie drin, wenn das
öffentlich ohne Skandal gezeigt werden kann. Für die deutsche Performerin
ist es das Bild einer Kuh, mitten im Straßenverkehr, die alle umfahren,
umschiffen, umgehen und ihr ihren Platz lassen.
## Auch die Kontroverse fehlt nicht
Es gibt auch Momente der Uneinigkeit. Wenn Ilia Papatheodorou sich selbst
als Geschenk verpackt hat und nun ausgepackt werden will, um mit ihrer
indischen Kollegin gemeinsam nackt sich vom male gaze zu befreien,
empfindet die das als einen unangemessen missionarischen Akt. Immer mehr
Fettnäpfchen kommen auf den Tisch, es geht um körperliche Nähe, schlecht
erzählte Witze, die Scham, nicht gut genug Englisch zu sprechen, und
Gespenster der deutschen Vergangenheit.
Die Performance folgt einem Set von Kapiteln und Spielen nach verabredeten
Regeln. Nicht jeden Abend sind die gleichen Künstler:innen aus den
Kollektiven am Start, Geschichten können sich noch verändern. Mehrmals
werden Sätze Wort für Wort zusammengebaut und je länger der Satz wird, umso
komplizierter scheint es, ihn ohne Affront zu Ende zu bringen. Es ist eine
Übung auf einem schmalen Grat.
In einem Prolog haben die Protagonistinnen in die Kamera gesprochen,
Erwartungen an ihre Begegnungen. Dabei war auch von den unterschiedlichen
Erfahrungen mit Faschismus in Vergangenheit und Gegenwart die Rede. Ein
Thema, das am ersten Abend dann aber nicht mehr auftauchte. Aber es werden
ja nicht alle Abende gleich sein.
Wie man Deutschland repräsentiert? [4][She She Pop werfen sich dabei mit
Freude in lächerliche Bilder.] Sie performen auf Blockflöten einen Song,
den sie alle gern als Teenager hörten. Wie das Lächeln des Wohlwollens
allmählich kaum noch zu halten ist auf den Gesichtern der indischen Gäste,
kann sich jeder vorstellen.
8 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://sheshepop.de/projekt/wait-to-be-seated/
(DIR) [2] /All-We-Imagine-as-Light-Regisseurin/!6054426
(DIR) [3] /Berliner-Mercedes-Benz-Arena/!5985391
(DIR) [4] /Neues-Stueck-von-She-She-Pop/!6042840
## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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