# taz.de -- Stück zum Ukraine-Krieg am Berliner HAU: Das Menschsein nicht einbüßen
       
       > In „She stands in the Middle of the Battlefield“ lässt Magda Szpecht ihre
       > Freundin zu Wort kommen. Die kämpft als Soldatin an der ukrainischen
       > Front.
       
 (IMG) Bild: „Ich bin eigentlich wie ein Vogel und ich möchte keine Waffe sein“, sagt die Drohne zu Darstellerin Agata Różycka
       
       „Ich bin total erschöpft. Mein Erschöpfungsgrad hat sich noch mal
       gesteigert. Aber ich lebe.“ Es ist der 22. Januar 2026 am späten Nachmittag
       und Lastivka schickt eine Sprachnachricht in den Gruppenchat. Lastivka
       heißt eigentlich anders. Sie kommt aus dem Donbass, ist 2014 vor den
       russischen Besatzern aus ihrer Heimat geflohen, hat ab 2019 in Polen und
       Deutschland als Regisseurin gearbeitet und schreibt am 4. Oktober 2023 an
       ihre polnische Freundin Magda Szpecht: „Ich bin in die Ukraine
       zurückgekehrt. Ich bin jetzt Soldatin.“
       
       Am vierten Jahrestag des russischen Überfalls auf das Land war Lastivka das
       direkte Gegenüber des Publikums im [1][HAU 2 (Hebbel am Ufer)]. Szpechts
       [2][„She stands in the Middle of the Battlefield“] erlebte dort seine
       Berliner Premiere.
       
       Die Regisseurin hat aus Lastivkas Text- und Sprachnachrichten eine
       Chronologie zusammengestellt, die uns an ihren Erfahrungen als Soldatin in
       der ukrainischen Armee teilhaben lässt. Performerin Agata Różycka spielt
       einen gängigen Handyklingelton auf dem Keyboard ein und drückt dann eine
       Taste ihres tragbaren Rekorders, aus dem jetzt Lastivkas Stimme kommt.
       Szpechts Sprachantwort spricht Różycka live ein.
       
       Dadurch, dass Szpecht die Nachrichten losgelöst vom Medium Handy
       präsentiert und sie mehrere Tonträger in ihre Rekonstruktion integriert,
       erweitert sie den Resonanzraum. Gleichzeitig spiegelt im Video eine
       schweigende junge Frau Lastivkas jeweilige Aussagen. Im Grunde wurde eine
       Choreografie entwickelt als indirekter Kommentar zu dem, was die Soldatin
       ihren Freundinnen berichtet. So hetzt eine schnelle, wackelige Kamera durch
       hügeliges Waldgebiet, als die Soldatin erzählt, wie sie einen
       schwerverletzten Soldaten ihrer Einheit fünf Kilometer hinter die Front
       brachte.
       
       ## Zurückgeworfen auf sich selbst
       
       Die junge Frau im Video ist allein auf weiter Flur. Sie wuchtet ihren
       großen Rucksack eine einsame Treppe auf und ab, springt wenig später über
       dicke Reifen und geht dann an Holzkonstruktionen vorbei, an denen in
       Plastik eingewickelte Lebensmittel hängen. Man sieht ihr beim Agieren zu
       und bekommt eine Ahnung, was für das Überleben als ukrainische Soldatin
       [3][in der alltäglichen Praxis] von Bedeutung ist. Gleichzeitig erzählen
       die Bilder von Lastivkas Zurückgeworfensein auf sich selbst. Parallel dazu
       hört man ihr zu.
       
       Sie beschreibt die Zustände in ihrer Einheit und berichtet ihren
       Freundinnen mit Abscheu von dem allgegenwärtigen Sexismus, von einer
       toxischen, aggressiven Atmosphäre und von dem extrem vulgären Umgangston.
       Różycka haut in die Moll-Tasten ihres Keyboards, dekliniert sich kreischend
       durch die ukrainischen Flüche und schraubt sich hoch zum allgegenwärtigen
       „Fuck“.
       
       [4][20 Prozent aller Armeeangehörigen in der Ukraine sind mittlerweile
       Frauen], erfährt man beim Publikumsgespräch mit Magda Szpecht und der
       ukrainischen Essayistin Kateryna Mishchenko. Eine einzige Frau hat es
       bisher zum General gebracht. Aber inzwischen sind wenigstens 20 Prozent der
       Studierenden an der Militärakademie weiblich, freuen sich beide. Mishchenko
       spricht, wie auch Lastivka, von den immer noch existierenden destruktiven
       sowjetischen Strukturen in der Armee. Parallel dazu gibt es extrem moderne
       Einheiten.
       
       ## Drohnen mit dezidierter Meinung
       
       Lastivka hatte Glück. Sie wurde kürzlich in solch eine Einheit versetzt, in
       der ihr Potenzial erkannt wurde und in der sie unter anderem für Drohnen
       verantwortlich ist. Auf der Bühne des HAU2 steht eine Drohne mit einer
       dezidierten Meinung. Mit sonorer Stimme stellt sie klar: „Ich bin
       eigentlich wie ein Vogel und ich möchte keine Waffe sein.“ Auf einmal wird
       es stockdunkel im Saal, Agata Różycka hat sich aus ihrem Rokoko-Ballkleid
       einen Unterstand gebaut.
       
       Ein Klangteppich laut wie ein Platzregen erfüllt den Saal. Kunstnebel
       flutet die fast leere Bühne und grüne Laserstrahlen markieren Territorium.
       Die grünlichen, wie marmoriert wirkenden Nebelflächen verzaubern,
       gleichzeitig erzählt jede Verschiebung des Laserstrichs indirekt vom
       Grabenkampf und der Front.
       
       Lastivka, auf Deutsch die Schwalbe, hat Angst, dass sie ihr Menschsein an
       der Front einbüßt. Und kann doch nicht anders. Sie konstatiert: „In unserem
       Kampf geht es um politische Identität und unsere Weltanschauung, nicht um
       ethnische Wurzeln. Leider sind die Menschen im Westen zu faul, um
       herauszufinden, was das für uns konkret bedeutet. Wir kämpfen gegen einen
       Gegner, der viel stärker ist als wir, und müssen uns zur selben Zeit
       ständig vor Europa rechtfertigen.“ Magda Szpecht schickt ihr den Berliner
       Applaus in einer Sprachnachricht. Sie hat sie sofort abgehört.
       
       25 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Inszenierung-von-Christiane-Roesinger/!6137219
 (DIR) [2] https://www.hebbel-am-ufer.de/programm/pdetail/magda-szpecht-she-stands-in-the-middle-of-the-battlefield
 (DIR) [3] /Serhij-Zhadan-und-Karl-Schloegel/!6156543
 (DIR) [4] /Ukrainische-Regisseurin-ueber-den-Krieg/!5916248
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katja Kollmann
       
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