# taz.de -- Tagebuch aus Kirgistan: Drei Tage im Mai
> Aus dem Tag der Arbeit wurde in Kirgistan der Auftakt zu einer
> Feiertagsperiode. Im Land wird diskutiert, ob das nicht zu sehr der
> Wirtschaft schadet.
(IMG) Bild: Last standing 1.-Mai-Kämpfer: Lenin-Denkmal in Bischkek
In Zentralasien ist der 1. Mai längst kein Feiertag der Arbeitersolidarität
mehr. In [1][Kasachstan] wurde er zum „Tag der Einheit des Volkes“
umbenannt, in Usbekistan zum „Tag der Springbrunnen“, und sowohl in
Tadschikistan als auch in Turkmenistan ist er ganz aus dem offiziellen
Feiertagskalender verschwunden. Nur Kirgistan hat die Tradition aus
sowjetischer Zeit bewahrt. Zwar wird der Tag dort kaum noch groß begangen,
doch er markiert den Beginn der Maifeiertage, die in diesem Jahr ganze zehn
Tage dauern.
2025 wurden die Gesetze der [2][Kirgisischen Republik] entsprechend
geändert. Der Zeitraum vom 1. bis zum 9. Mai wurde offiziell zu einer
zusammenhängenden Feiertagsperiode erklärt. Hintergrund ist nicht nur der
Tag der Arbeit, am 5. Mai wird zudem der Tag der Verfassung gefeiert, am
[3][9. Mai] der Tag des Sieges über den Nationalsozialismus. Um keine
Lücken zwischen den Feiertagen zu lassen, hat die Regierung sie zu einem
längeren Zeitraum zusammengefasst.
Heute finden in der Hauptstadt Bischkek keine Massenkundgebungen und
Demonstrationszüge statt. Dabei war der 1. Mai früher einer der wichtigsten
Feiertage. Der Tag der Solidarität der Werktätigen wurde in Kirgistan 1919
eingeführt und seitdem nie wieder abgeschafft. Heute wird dieser Tag jedoch
nur noch von den Kommunisten begangen, und die sind eine sehr kleine Partei
in Kirgistan. Ihre Vertreter versammeln sich jedes Jahr am Lenin-Denkmal im
Zentrum der [4][Hauptstadt] (ja, das gibt es bei uns noch), halten eine
kleine Kundgebung mit Reden ab und gehen friedlich auseinander. Sie stellen
keinerlei politische Forderungen, und in ihren Äußerungen sind sie sehr
zurückhaltend.
Für die meisten Kirgisen aber sind die Maifeiertage vor allem eines: Zeit
zum Reisen, für Ausflüge ins Grüne oder für Tage mit der Familie. Besonders
beliebt sind Picknicks. In den Bergen und Naturparks des Landes wird dann
gegrillt, gekocht und gemeinsam gefeiert.
## Feiertage und Arbeitsausfall
In der kirgisischen Gesellschaft wurde die Entscheidung der Regierung über
die verlängerten Feiertage kontrovers aufgenommen. Sie wirkt sich nämlich
erheblich auf die wirtschaftliche Aktivität der Bevölkerung aus.
In den sozialen Netzwerken wird empört darüber diskutiert, dass staatliche
Behörden, Ministerien, Ämter und kommunale Dienste seit mehr als einer
Woche nicht arbeiten. Es ist derzeit unmöglich, offizielle Dokumente oder
Bescheinigungen zu erhalten oder beglaubigen zu lassen, größere Geschäfte
abzuwickeln, sich im Krankenhaus anzumelden, die Rente zu beziehen und
vieles mehr.
Das Leben scheint stillzustehen, viele Prozesse kommen zum Erliegen.
Umfragen, die am Vorabend der Maifeiertage durchgeführt wurden, haben
erbracht, dass die langen Feiertage durchaus um die Hälfte gekürzt werden
sollten.
Lange Feiertage haben ihren Preis. Das zeigen bereits die Feiertage zum
Jahreswechsel in Kirgistan, die wieder über zehn Tage andauern. Wenn so
lange nicht gearbeitet wird, leidet die Wirtschaft. Wer dennoch arbeitet,
hat Anspruch auf doppelte Bezahlung – eine Belastung vor allem für kleine
und mittlere Unternehmen. Am Ende trifft es wieder die Schwächsten:
Beschäftigte im öffentlichen Dienst und Staatsbedienstete.
[5][Mahinur Niyazova] ist freie Journalistin und stammt aus Bischkek in
Kirgistan. Sie war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der [6][taz
panterstiftung].
Aus dem Russischen von [7][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [8][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
1 May 2026
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