# taz.de -- „Istanbul“ am Stadttheater Fürth: Er akzeptiert, dass er nie ganz dazugehört
       
       > Das Stadttheater Fürth dreht das Anwerbeabkommen zwischen der Türkei und
       > Deutschland um. „Istanbul“ erzählt vom Ringen um den Platz in der
       > Gesellschaft.
       
 (IMG) Bild: Trauer um Gastarbeiter Klaus – eine Szene aus „Istanbul“
       
       Klaus Gruber ist gestorben – in Istanbul, der Stadt, in die er als
       Gastarbeiter in der Hoffnung auf ein besseres Leben gekommen ist. Sofort
       entbrennt zwischen den Hinterbliebenen ein Streit: Die Asche im Bosporus
       verstreuen ist verboten, sie nur in der Türkei oder nur in Deutschland zu
       begraben, fühlt sich falsch an, weil beide Länder sein Zuhause waren. Was
       tun?
       
       „Istanbul“ von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akın Emanuel Şipal kehrt
       mit Klaus’ Geschichte die historische Begebenheit des Anwerbeabkommens
       zwischen der Türkei und Deutschland von 1961 um: Jetzt sind es die
       Deutschen, die in die Türkei kommen. Regisseurin Berfîn Orman setzt am
       Stadttheater Fürth durch Lara Duymuş’ minimalistisches Bühnenbild den Fokus
       auf die Sprache und Musik. An passenden Stellen bezieht sich der Text auf
       Fürth, Franken und den fränkischen Dialekt, was dem Ganzen ein charmantes
       Lokalkolorit verleiht und verdeutlicht, dass die Stadt ihre türkische
       Community feiern will. Und das gelingt.
       
       Klaus, als unbedarft und bis zuletzt zuversichtlich gespielt von Matthäus
       Zaborszyk, erlebt all das, was [1][türkische „Gastarbeiter*innen“] erlebt
       und gefühlt haben müssen, als sie nach Deutschland gekommen sind. Er lebt
       in einem winzigen Apartment, vollbringt zehn Stunden am Tag schwerste
       körperliche Arbeit auf dem Bau und ist überwältigt von all den neuen
       Eindrücken – und der Einsamkeit. Sein einziger Freund ist lange der
       fröhliche Ismet, ein Übersetzer, den Aydın Aydın mit unbändiger Energie
       füllt. Seiner Frau in Deutschland gaukelt Klaus vor, alles wäre in Ordnung,
       und lässt dabei die Anfeindungen aus, die er erfährt.
       
       Wie auch den „Gastarbeiter*innen“, die aus der Türkei und anderen Ländern
       nach Deutschland gekommen sind, wird Klaus vermittelt, er sei hier nur auf
       Zeit. Von ihm wird erwartet, dass er nach ein paar Jahren wieder
       verschwindet, dauerhaft ist er hier ungewollt. Alles, was von ihm gebraucht
       wird, was seinen Wert ausmacht, ist sein Körper, bis dieser kaputt
       gearbeitet ist und er in grünem Stroboskoplicht in die vollkommene
       Erschöpfung stolpert.
       
       ## Sie singen auf Türkisch
       
       Das ganze Ensemble erbringt eine ganz hervorragende und berührende
       Leistung, sowohl schauspielerisch als auch musikalisch. Alle
       Ensemblemitglieder, auch Zaborszyk und Hannah Candolini, die seine Frau
       Luise spielt, singen auf Türkisch Lieder der Künstlerin [2][Sezen Aksu],
       die seit ihrem Debüt 1975 zur Pop-Ikone der Türkei geworden ist. Die
       vierköpfige Live-Band spielt dazu unter anderem auf traditionellen
       türkischen Instrumenten. Für die türkischen Sprech- und Gesangstexte gibt
       es keine Übertitel, weswegen manchmal nur der Teil des Publikums mitlachen,
       -feiern und -singen kann, der Türkisch versteht.
       
       Das mag sich für die, die es nicht können, unfair anfühlen, aber hierin
       liegt die Crux des Abends: Die deutsche Gesellschaft wird nicht müde, zu
       behaupten, die „Gastarbeiter*innen“ seien nicht erfolgreich integriert
       worden. Aber sie haben die deutsche Sprache gelernt, haben versucht, die
       deutsche Kultur zu verstehen, haben hart und noch härter gearbeitet. Auf
       ihren Schultern wurde das „deutsche“ Wirtschaftswunder getragen, und als
       Dank werden sie bis heute als Fremdkörper betrachtet?
       
       Klaus hat sich damit abgefunden, nie ganz dazuzugehören. Er ist in Istanbul
       mit seiner Familie und seinen Freund*innen glücklich. Doch die Isolation,
       die Sehnsucht nach Heimat, das beschwerliche Ringen um einen Platz in einer
       Gesellschaft, die dich nicht will, sie haben ihn gezeichnet. So zollt das
       Stück mit wunderschöner Sprache und Musik und einem tollen Ensemble
       denjenigen Respekt und Anerkennung, die mutwillig vergessen und
       ausgeschlossen werden.
       
       8 Jun 2026
       
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