# taz.de -- Die Kunst der Woche: Die anarchische Verselbstständigung der Form
> Man kann keinem Bild trauen, ob es nun von Anna & Bernhard Blume und
> Tatjana Danneberg ist oder zu Brook Hsus Aufbereitung eines modernen
> Klassikers gehört.
(IMG) Bild: Anna & Bernhard Blume „Vasenextase“, 1987 – 2002, Ausstellungsansicht bei Super Super Markt
Ist die Kochende im piefigen Hausfrauenkittel auf dem Küchenboden
ausgerutscht oder wurden die Kartoffeln von einer okkulten Energie
angetrieben, dass sie alle aus dem Topf springen wie die Frösche aus dem
Teich? Auf einer Reihe schwarz-weißer Fotografien des rheinischen
Künstlerpaars Anna & Bernhard Blume in den Räumen von Super Super Markt –
eher Zufall, dass der Name der Galerie zum Sujet passt – gerät das
Alltägliche aus den Fugen: Kartoffeln fliegen (Titel: „Küchenkoller“) und
Vasen fallen (Titel: „Vasenextase“).
Ähnlich, wie hier alles flieht, fällt, zerbirst, als wären die gewohnten
Dinge von einer sonderbaren Kraft bewegt, scheint auch die Kamera der
Blumes von einer surrealen Dynamik erfasst. Ihre Aufnahmen sind flüchtig,
Umrisse unscharf, Gesichter grotesk von der Bewegung verzerrt.
Die berühmten, gern albern inszenierten Fotografien der vor allem in den
1980ern und 1990ern tätigen Blumes – beide sind mittlerweile verstorben –
tauchen seit einigen Jahren vermehrt in Ausstellungen auf. Vielleicht, weil
es bei den heute so viel kursierenden Fake- und KI-Bildern wieder
interessant wird, wie sie schon vor Dekaden und mit oldschool analoger
Technik die Realität aus ihren Fotos hebeln konnten.
Auch dem chemisch-farblichen Bildgeschehen von Tatjana Danneberg, das den
Blumes bei Super Super Markt gegenübergestellt ist, will man nicht so ganz
glauben. In welche Kategorie soll man die abstrakten, metergroßen Bilder
der Wiener Künstlerin überhaupt einordnen: Fotografie? Malerei?
In ellenbreiten Pinselstrichen zieht die 1991 geborene Danneberg Klebstoff
als große Linien und Wellen auf eine Leinwand. Die ist zugleich
fotografischer Grund. Ein flüchtiger Moment, ein Lichtstrahl oder ein
farblicher Kontrast ist darauf in der Form von Pigmentdruck abgelichtet und
von den Klebstoff-Schlieren durchfressen.
Die Fotografie hat wohl auch zur Berühmtheit der idealisierten reduzierten
Aktplastiken Georg Kolbes beigetragen. Wer kennt nicht seine Nackte mit dem
Titel „Morgen“ von 1925 – ihre Arme leicht gehoben, der sanft gebogene,
weibliche Körper mit androgynen Zügen. Sie stand 1929 während der
Weltausstellung in Mies van der Rohes „Barcelona-Pavillon“, wurde zum
vielfach abgebildeten Attribut einer Architekturikone der Moderne.
In der Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler hat die in New York und Wyoming
lebende Künstlerin Brook Hsu den Plastiken Georg Kolbes ein ungebändigtes
Eigenleben gegeben. In einer raumgreifenden Installation, auf Zeichnungen,
Malereien, selbst auf den Mustern eines Teppichs existiert Kolbes Figur
wild fort. Mal präzise in der Mies’schen Architektur rekonstruiert, mal
traumhaft verschwommen, auch nur schemenhaft.
Kolbes schlanken Frauenkörper ersetzt Hsu mit dem einer Hochschwangeren
oder auch mal mit Schlachtvieh. Und mittendrin steht eine echte
Kolbe-Plastik: „Nacht“, das Pendant zum „Morgen“, ist geradezu verloren in
der anarchischen Verselbstständigung ihrer eigenen Form.
2 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Sophie Jung
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