# taz.de -- Die Kunst der Woche: Das Stadtbild der Töchter
       
       > Bei Künstlerinnen geht es gerade viel um die Zumutungen der patriarchal
       > geprägten Stadt, die spielerisch-subversiv aufgearbeitet werden.
       
 (IMG) Bild: Anita Steckel, NY Skyline on Canvas #5 (Eat Your Power Honey, Before It Grows Cold), ca. 1970–1972, Öl und Siebdruck auf Leinwand
       
       Gerade war Gallery Weekend – und die Stadt eine andere. In die Galerien,
       die man sonst oft für sich allein hat, strömten Massen von Menschen, gut
       gelaunt und neugierig, was es noch zu sehen gebe bei [1][Buchholz],
       [2][Eigen + Art] oder [3][Nagel Draxler]. Bei letzteren konnte man sich
       Gedanken über den Minimalismus in der Kunst und die Billy-Regale im
       Galerieraum machen. Sie sind ein altes Thema von Heimo Zobernig. Neu ist,
       dass er sie jetzt in Aluminium gegossenen hat.
       
       Spannender war es aber bei Cosima von Bonins Zigarette rauchender
       Straßenlaterne vor der [4][Galerie Neu]. Neu feiert tatsächlich die andere,
       die „Counter City“, kuratiert von Juliette Desorgues mit Werken aus der
       Zeit von 1970 bis heute. In ihren Arbeiten stellen alle elf Künstlerinnen
       klar, welche Zumutungen die Stadt unter gender- und identitätspolitischen
       Gesichtspunkten für ihre Bewohner*innen bereithält.
       
       Die Komplexität der Situation macht Anita Steckels von Pop und Street art
       inspirierte „NY Skyline on Canvas #5“ (1970) deutlich. Die New Yorker
       Wolkenkratzer werden bei ihr als erigierte Schwänze kenntlich. Auf ihnen
       thronen weibliche Akte, zwischen denen man den Führer entdeckt. Neben einem
       verdrehten Hakenkreuz über dem Namen „Adolph“ wird das Panorama aber von
       Davidsternen und Inschriften wie „Sarah Uman lives“ „Lenny Bruce lives“ und
       „Genet lives“ beherrscht.
       
       Die Stadt als patriarchale Superstruktur war erst kürzlich Anlass der
       „Stadtbild“-Debatte. Aber es sind die Töchter, die ihr mit subversiven,
       spielerischen Aktionen zusetzen. Wie Pippa Garner, die mit der Fotoserie
       „Future Man!“ den Auftritt des Geschäftsmanns auf die Schippe nimmt, wie
       Sophie Ricketts Stehpinklerinnen oder Klara Lidén, die die Stadt als
       einzigen Baustellenmarathon zur Performance macht. Dieser Marathon kennen
       die Berliner*innen als ganz alltägliche Übung, was sie freilich
       demnächst an der Wahlurne abstrafen werden.
       
       Auch die „Vertical Highways“ von Bettina Pousttchi in der [5][Buchmann-Box]
       berichten spielerisch-subversiv von der Counter City. Mit einiger Wucht
       verformt die Künstlerin Leitplanken, lackiert sie in farblich aggressivem
       Rot und gruppiert sie dann hochkant zur Skulptur, die als Zeichen des
       Wandels und der gestürmten Barrikaden gelesen werden kann.
       
       Zum Komplex der Counter City gehört unbedingt Tracey Emins wunderbar
       radikale Selbstauskunft „Why I Never Became A Dancer“ (1995) in der von
       Cornelius Tittel kuratierten Selbstporträt-Schau „The Self Assessed“ bei
       [6][Max Hetzler]. Die damalige Verliererin im englischen Küstenkaff
       Margate, die inzwischen als Dame Tracey Emin zurückkehrte, ist nun –
       zusammen mit den vielen Künstler*innen die ihr nachfolgten – prägend für
       das Stadtbild. Was die Kunst der Töchter doch kann!
       
       12 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.galeriebuchholz.de/exhibitions/yuji-agematsu-galerie-buchholz-berlin-2026#?_ec
 (DIR) [2] https://eigen-art.com/ausstellungen/aktuell/brett-seiler_berlin-2026/
 (DIR) [3] https://nagel-draxler.de/exhibition/new-works-hamlet-totally-abstract/
 (DIR) [4] https://galerieneu.net/exhibition/countercity
 (DIR) [5] https://buchmanngalerie.com/de/exhibitions/berlin/bettina-pousttchi-clare-woods/variations-subject-and-object/2026
 (DIR) [6] https://www.maxhetzler.com/exhibitions/self-assessed-rita-ackermann-lorenzo-amos-oliver-bak-georg-baselitz-giorgio-de-chirico-michaela-eichwald-tracey-emin-grant-falar
       
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 (DIR) Brigitte Werneburg
       
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