# taz.de -- Die Kunst der Woche: Der Alltag in Bildteppich und Rollenspiel
       
       > Ingrid Wiener bei Barbara Wien zeigt große Textilkunst. Klemm's Berlin
       > macht uns derweil mit frühen Videoarbeiten von Juan Pablo Echeverri
       > bekannt.
       
 (IMG) Bild: Juan Pablo Echeverri, BoYOs, 25 dreieckige Archivpigmentdrucke kaschiert auf Künstlerrahmen
       
       In einem Video von 2015 zeigt Oswald Wiener seine Frau Ingrid Wiener am
       Webstuhl, vertieft in die aufwendige, zeitintensive Arbeit an einem ihrer
       Gobelins, während er aus Hegels Phänomenologie des Geistes vorliest. Eine
       Situation von denkwürdiger Ironie, widmen sich die detailreichen
       Bildteppiche, die [1][Barbara Wien zurzeit in Gobelins, Films and Dreams
       ausstellt], doch sehr alltäglichen Motiven. So zeigt Plumbing (2020), ein
       hinreißendes Gemälde aus Woll-, Seiden- und Baumwollgarn, die unter dem
       Badezimmerboden ihres Holzhauses in Dawson City verlaufenden Wasserrohre
       und Stromkabel.
       
       Besonders faszinierend ist, wie Wiener die Materialität des schwarzen
       Plastikrohrs und seines spezifischen Plastikglanzes textil präzise
       wiedergibt. Auch Werke wie Gehirn (2025) oder Aorta (2023), in denen die
       1942 geborene Künstlerin medizinische Scans in Teppiche verwandelt, zeigen
       den Alltag – eben den eines alternden Menschen.
       
       Der Gobelin Schneidebrett mit Fisch und Frosch (2025) ist ein mögliches
       Echo auf ihre frühe Bekanntheit als Köchin. Sie suchte sich daher, wie sie
       sagt, noch „anderweitig zu beschäftigen“. Und knüpfte an ihre Anfänge an
       der Höheren Bundeslehranstalt für Textilindustrie an, als sie gemeinsam mit
       ihrer Kommilitonin Valie Export Goblins webte.
       
       „Träume mein Hirn ist ein verwelkter Salatkopf. Kleine Ameisen laufen
       darauf herum. …“ Die zarten Aquarellzeichnungen mit den Traumnotizen wirken
       wie Vorstudien für die Gobelins. Sie zeigen aber nur, wie Ingrid Wiener mit
       Haut und Haar Kunst lebt, webt, kocht und träumt, gerne in Zusammenarbeit
       mit ihrem Mann und anderen Künstlern, darunter Dieter Roth, mit dem sie von
       1974 bis 1997 an großen Gobelins arbeitete.
       
       Barbara Wien gallery & art book shop: Ingrid Wiener, „Gobelins, Films and
       Dreams“, Schöneberger Ufer 65, Mi-Sa 12-18 Uhr, bis 1. August
       
       ## Experimentieren mit Performance
       
       Die aktuelle Einzelausstellung bei Klemm's bietet einen Überblick über das
       Werk von Juan Pablo Echeverri (1978–2022) mit acht Videos aus den Jahren
       2002 und 2004 sowie vier Fotoarbeiten von 2009, 2015 und 2022. Die
       zeitliche Spannweite verdeutlicht sein kontinuierliches Experimentieren mit
       Performance, Film und Fotografie.
       
       In den frühen Videos sucht Echeverri noch nach sich selbst, indem er durch
       wechselnde Outfits unterschiedliche Identitäten erprobt und dabei das
       größere Bild erkennt: Gesellschaft als Rollenspiel und Identität als dessen
       Inszenierung. Seine am eigenen Leib vollzogene Auseinandersetzung damit,
       geprägt von Parodie, melancholischem Humor und deutlicher Kritik an
       essentialistischen Identitätsvorstellungen, macht ihn zu einer zentralen
       Stimme der zeitgenössischen Kunst in Kolumbien.
       
       Zentral ist [2][seine Arbeit mit dem Passbildautomaten], in dem er täglich
       Selbstporträts anfertigte und durch Variationen von Frisur, Make-up und
       Kleidung immer neue Selbstbilder entwarf. Mit großer Kenntnis kultureller
       und popkultureller Bildcodes und spielerischer Ernsthaftigkeit entwickelte
       er ein formal konsistentes, inhaltlich relevantes und spannendes Werk.
       
       Klemm's Berlin: Juan Pablo Echeverri, „w-o-r-k/s“, Leipziger Str. 57/58,
       Mi-Sa 12-18 Uhr, bis 6. Juni
       
       26 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.barbarawien.de/exhibition.php
 (DIR) [2] https://www.klemms-berlin.com/exhibitions/juan-pablo-echeverri-works/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Brigitte Werneburg
       
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