# taz.de -- Drei Tage nach Gerichtsurteil: Trifft sich hier eine Neonazisekte trotz ihres Verbots?
       
       > Die taz beobachtet eine Feier auf einem Bauernhof in Brandenburg. Viele
       > Gäste lassen sich der verbotenen „Artgemeinschaft“ oder deren Umfeld
       > zurechnen.
       
 (IMG) Bild: Schwer einzusehen: das Anwesen in Arenzhain (Brandenburg) am ersten Mai-Wochenende
       
       Eigentlich ist für Heike und Dirk Kupke samstags immer Markt. Feinste
       Wurst, geräuchertes Fleisch, Schinken oder Chiliknacker bietet das Paar auf
       seinem Stand [1][auf den Berliner Wochenmärkten am Südstern] in Kreuzberg
       oder auf [2][dem Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg] an. Die Spezialitäten
       stammen aus der eigenen „Schweinemeisterei“ im Süden Brandenburgs.
       
       Dort, im Dorf Arenzhain, das in die Stadt Doberlug-Kirchhain eingemeindet
       wurde, haben sich die Kupkes 1997 in einen über Hundert Jahre alten
       Bauernhof verliebt. Nun züchten sie seltene Wollschweine ohne „Antibiotika
       oder Wachstumsförderer“, in Ruhe und „geborgen in familiären Verbänden“. So
       zumindest [3][beschreibt es das Landwirtschaftsministerium Brandenburgs
       2022 in einer Broschüre], die sich um „gefährdete Rassen“ sorgt und das
       Paar porträtiert.
       
       Doch am ersten Mai-Wochenende dieses Jahres geht es in Arenzhain nicht nur
       um Landwirtschaft, und um „gefährdete Rassen“ – und um „familiäre Verbände“
       höchstens in einem anderen Sinne. Es ist Samstag, der 2. Mai, und auf dem
       alten Hof blitzen über ein Dutzend Limousinen, Kleinbusse und Wohnwagen in
       der Mittagssonne. Das Anwesen liegt taktisch günstig: umgeben von weiten
       Feldern, schwer einsichtig und grün umwachsen.
       
       Rund 15 Familien, insgesamt mehr als 70 Kinder und Erwachsene, verbringen
       nach Beobachtungen der taz das Wochenende auf dem Bauernhof von Heike und
       Dirk Kupke. Vom Hof hört man Musik, zu sehen ist aber wenig – da das
       Anwesen zur Straße hin mit hohen Mauern und Toren abgeschirmt ist.
       
       Was nach außen wie ein harmloses Familientreffen wirken könnte, führt nach
       taz-Recherchen zahlreiche Personen aus dem völkisch-rassistischen Teil der
       Neonaziszene zusammen: Frauen, Männer und ganze Familien mit Bezügen zu
       rechtsextremen oder völkischen Organisationen und Netzwerken, darunter zur
       verbotenen Wiking-Jugend, zur verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“,
       zum „Jungadler“, zum „Freibund“ und zum rechten
       „Hannibal“-Prepper-Netzwerk.
       
       ## Verbindungen zur alten Kaderschmiede
       
       Viele der angereisten Familien verbindet nach taz-Recherchen eine Nähe zur
       „Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer
       Lebensgestaltung“, bei mehreren Personen liegen Hinweise auf frühere
       Mitgliedschaften oder enge Verbindungen vor. Die rassistische und
       antisemitische Organisation existierte seit 1951 und galt bis zu ihrem
       Verbot 2023 über Jahrzehnte als Sammelbecken und Kaderschmiede der
       deutschsprachigen Neonaziszene.
       
       Die Rechtsextremismusexpertin Andrea Röpke beschäftigt sich seit Jahren mit
       der völkischen Szene und der Artgemeinschaft. Sie bezeichnet die
       Organisation als „toxisch“ und das Verbot 2023 als „längst überfällig“.
       Röpke erklärt: „Die Artgemeinschaft bot jahrzehntelang rechtem Terror und
       neonazistischer Militanz Obhut.“
       
       In der Anhängerschaft verbänden sich das strenge völkische Milieu mit
       neonazistisch-militantem Kameradschaftsspektrum. „Zentraler Gedanke bei den
       Anhängerinnen und Anhängern der Artgemeinschaft ist die Vormachtstellung
       der eigenen ‚Rasse‘, die Höherwertigkeit eines blutsbestimmten Volkes. Seit
       Generationen wachsen Kinder in diesem autoritären Milieu mit Feindbildern,
       Volkstum und Verschwörungsideologien auf.“
       
       ## Innenministerium zieht NS-Vergleich
       
       Auch das [4][Bundesinnenministerium] hat das mittlerweile erkannt. Aus
       dessen Sicht weist die Vereinigung eine „Wesensverwandtschaft mit dem
       Nationalsozialismus“ auf. Sie identifizierte sich mit der Rassenideologie
       des Nationalsozialismus, befürwortete eine biologisch definierte
       „Volksgemeinschaft“ und habe eine „antisemitische Grundhaltung“. Die
       genetische Reinheit und Entfaltung der eigenen „Art“, einem Euphemismus für
       vermeintlich differente menschliche „Rassen“, würden von den Mitgliedern
       als zentrales Glaubensgebot verstanden.
       
       Das Ministerium spricht von einer aggressiv-kämpferischen Haltung gegenüber
       der verfassungsmäßigen Ordnung. Zu den Aktivitäten gehörte unter anderem
       der Vertrieb nationalsozialistischer Literatur für Kinder und Jugendliche
       und deren Indoktrination.
       
       Auch den Schweinezüchtern Heike und Dirk Kupke wurde deshalb, als damals
       zentralen Mitgliedern der Artgemeinschaft, im August 2023 die
       Verbotsverfügung durch das Bundesinnenministerium zugestellt.
       
       ## Treffen trotz Verbot
       
       Kürzlich, am 29. April, hat das [5][Bundesverwaltungsgericht dieses Verbot
       der Artgemeinschaft höchstrichterlich bestätigt]. Nur drei Tage später
       treffen sich, davon scheinbar unbeeindruckt, ehemalige Mitglieder auf dem
       Bauernhof in Südbrandenburg. Mehrere Jurtezelte stehen im Hof, die Kinder
       spielen auf einer Wiese Fußball und „Räuber und Gendarm“ und tragen
       überwiegend die für die völkische Szene typische Kleidung mit weißem
       Baumwollhemd und lederner kurzer Hose, die ein wenig an die Hitlerjugend
       erinnert.
       
       Abends schallt Musik von dem abgeschotteten Gelände, man sieht Männer und
       Frauen – Letztere ebenfalls in typischen langen Röcken und gedeckten
       Farben. Vordergründig ein Maitanz-Treffen, eigentlich aber ein politisches
       Vernetzungstreffen von Anhänger*innen der Artgemeinschaft.
       
       Heike und Dirk Kupke haben auf mehrfache Anfragen der taz zu diesem Treffen
       und der Verbundenheit mit der Artgemeinschaft nicht reagiert.
       
       ## Verfahren nach taz-Anfrage
       
       Doch wie wirkt ein Verbot, wenn sich die ehemaligen Mitglieder der
       verbotenen Gemeinschaft schon wenige Tage nach dem Urteil eines
       Bundesgerichts wieder treffen und vernetzen?
       
       Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums wollte sich dazu auf Nachfrage
       nicht äußern. Ebenso wenig dazu, welche Erkenntnisse dem Ministerium über
       das Treffen vorliegen. Auch der Verfassungsschutz Brandenburg konnte zu
       diesem Treffen keine weiteren Erkenntnisse mitteilen. Das in Rede stehende
       Treffen sei der Polizei vorab nicht bekannt gewesen, erklärte eine
       Sprecherin des brandenburgischen Innenministeriums. Das Ministerium habe
       nach dem Verbot der Artgemeinschaft in Brandenburg bislang „keine
       einschlägigen Aktivitäten“ feststellen können.
       
       Nach der Anfrage der taz wurde allerdings ein Verfahren eingeleitet. „Die
       polizeiliche Prüfung hat ergeben, dass die Schilderungen aus Ihrer
       Presseanfrage einen Anfangsverdacht begründen“, erklärte die
       Ministeriumssprecherin. Und: Die Polizei habe „den Sachverhalt daher der
       zuständigen Staatsanwaltschaft zur rechtlichen Würdigung übergeben –
       insbesondere im Hinblick auf den Verdacht der Fortführung einer verbotenen
       Vereinstätigkeit nach dem Vereinsgesetz“.
       
       ## Expertin kritisiert Behörden
       
       Die Rechtsextremismusexpertin Röpke sieht das Verhalten der Behörden
       insgesamt kritisch: „Bei diesen fanatischen politischen Strukturen sollte
       den Behörden klar sein, dass sie auf jeden Fall weitermachen.“ Das könne
       beispielsweise in kleineren dezentralen Gruppen der Fall sein, die
       vermeintlich einfache Brauchtumsfeste veranstalten.
       
       Die Gefahr, die in den Aktivitäten liege, dürfe indes nicht unterschätzt
       werden: „Deren politische Radikalität überträgt sich gezielt auf den
       Nachwuchs, den sie auf keinen Fall einer weltoffenen, progressiven
       Gesellschaft überlassen wollen.“ Es sei ein Merkmal der
       völkisch-rassistischen Szene, dass das Private in diesen radikalen Kreisen
       immer politisch radikal aufgeladen sei.
       
       Dem nicht entgegenzutreten, bedeute, weitere Generationen im Geiste des
       Neonazismus heranwachsen zu sehen und sie einer ideologischen
       Indoktrination zu überlassen.
       
       1 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.diemarktplaner.de/schweinemeisterei-arenzhain-hof/
 (DIR) [2] /Wochenmarkt-in-Prenzlauer-Berg/!6175642
 (DIR) [3] https://mleuv.brandenburg.de/sixcms/media.php/9/Gefaehrdete-Rassen-BB.pdf
 (DIR) [4] https://www.bverwg.de/pm/2026/30
 (DIR) [5] /Verbot-der-Artgemeinschaft-bestaetigt/!6174992
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johannes Grunert
 (DIR) Nils Lenthe
 (DIR) Robin Fichtner
 (DIR) Jean-Philipp Baeck
       
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