# taz.de -- Afghanische Designerin Katayon: Die Frau, die mit ihrer Mode den Taliban trotzt
> Die afghanische Designerin Katayon rief unter der Taliban-Herrschaft ihr
> eigenes Modelabel ins Leben. In Pakistan lebt sie in Angst vor
> Abschiebung.
(IMG) Bild: Die afghanische Designerin Katayon
Eine gebrauchte Nähmaschine und kaum Geld in der Tasche: Das war alles, was
die junge Afghanin Katayon hatte, um ihren Traum von einem eigenen
Modelabel zu verwirklichen. In ihrem Heimatland am Hindukusch waren die
Taliban [1][gerade wieder an die Macht gekommen] und hatten damit begonnen,
Frauen wieder zurück ins häusliche Leben zu drängen. Doch Katayon hatte
andere Pläne: Sie wollte sich einen Namen als Modedesignerin machen, als
alleinstehende Frau in Kabul, mitten im Emirat der Taliban.
Heute, fast fünf Jahre später, steht Katayon in ihrer eigenen Werkstatt in
Islamabad, umringt von Stoffen, Fäden und Knöpfen. Sie hat viel zu tun
dieser Tage, für eine Kundin aus Deutschland fertigt sie ein Kleid. Auf der
[2][sozialen Plattform Instagram] folgen ihr fast 100.000 Menschen, vor
allem in Afghanistan hat sie sich einen Namen als Designerin,
Modeunternehmerin und Influencerin gemacht. Ihre Heimat hat sie inzwischen
in Richtung des benachbarten Pakistans verlassen. Obwohl sie dort in
ständiger Angst vor Abschiebung lebt, arbeitet sie weiter öffentlich.
Als Designerin bricht sie mit dem gängigen Stereotyp über afghanische
Frauen, doch ihre Geschichte steht exemplarisch für die Realität vieler
Afghaninnen: Sie erzählt von Flucht und Migration, einem Land im Umbruch
und dem Versuch einer jungen Frau, ihren Platz im Spannungsfeld zwischen
Tradition und Moderne zu finden.
Katayon trägt einen Blazer, die dunklen Haare sind zu einem Zopf gebunden.
Ihre Kollektionen verbinden afghanische Stoffe mit westlichen Schnitten:
Farbenfrohe Miniröcke und lange Kaftans, Jeansjacken mit bunten
Stickereien. Inspiration schöpft sie aus der ethnischen Vielfalt und
jahrtausendealten Kultur ihres Heimatlandes. Auf einem von ihr entworfenen
weißen Korsett prangt die Darstellung des persischen Dichters und
Sufi-Mystikers Rumi, dessen Geburtsort im heutigen Afghanistan liegt.
## Vor den Scherben ihrer Träume
Aufgewachsen ist Katayon in der nordafghanischen Stadt Masar-i Scharif.
Ihre Schwester, eine Schneiderin, lehrte ihr die wichtigsten Techniken im
Umgang mit Faden und Nähmaschine. Doch ursprünglich hatte Katayon andere
Pläne gehabt. Nach ihrem Studium zog sie in die Hauptstadt Kabul, wollte
Karriere im Fernsehen machen. Um Geld zu verdienen, arbeitete sie bei einer
Modefirma, lernte dort viel über die vielen Stoffe und traditionellen
Muster im Vielvölkerstaat Afghanistan.
Dann kamen im August 2021 die islamistischen Taliban erneut an die Macht,
die bereits in den 1990er Jahren das Land unter ihrer Schreckensherrschaft
gehalten hatten. Katayon stand wie Millionen anderer afghanischer Frauen
vor den Scherben ihrer Träume. Sie zog zurück zu ihrer Familie nach
Masar-i-Scharif, wusste nicht, wie es mit ihr weitergehen sollte.
Denn schnell war klar, dass in dem Emirat der Taliban [3][kein Platz für
selbstbestimmte Frauen war]. Zwar beendeten die Taliban formal die
bewaffneten Auseinandersetzungen, das Land atmete nach Jahrzehnten des
Krieges wieder auf. Die neuen Machthaber versprachen, die Korruption zu
bekämpfen, die unter der vom Westen gestützten Vorgängerregierung grassiert
hatte. Straßen und Wege wurden wieder befahrbar, ohne dass Menschen
fürchten mussten, nicht lebend an ihr Ziel zu kommen.
Gleichzeitig begannen die neuen Machthaber schnell, Frauen systematisch aus
der Öffentlichkeit zu verdrängen. Erst schlossen sie höhere Mädchenschulen,
dann drängten sie Frauen aus Universitäten. Auch viele Berufe sind ihnen
inzwischen versperrt. Für Katayon war aber schnell klar, dass sie sich von
den voranschreitenden Repressionen nicht entmutigen lassen wollte. „Ich
wollte arbeiten, nicht zu Hause sitzen. Schließlich kam mir die Idee, mein
eigenes Modelabel zu gründen.“
Nur wenige Monate nach der erneuten Ankunft der Taliban packte sie ihre
Sachen und eine gebrauchte Nähmaschine und machte sich alleine auf in
Richtung Hauptstadt. „Ich wollte nach Kabul ziehen, da hier die Stoffe
aller Ethnien des Landes zu finden sind, auch wenn mir neben der
Monatsmiete kaum Geld übrigblieb.“
## Knielange Röcke und bunte Stöckelschuhe
„Am Anfang nähte ich vor allem afghanische Trachten“, erzählt Katayon
weiter. Da die Wirtschaft in Afghanistan aufgrund der Sanktionen gegen die
Taliban zusammenbrach und die Bevölkerung mit dem Überleben kämpfte, suchte
sie Kundinnen im Ausland, kombinierte traditionelle Muster mit neuen
Schnitten. Obwohl in Kabul der Gang auf die Straße inzwischen nur mit
vollständig bedecktem Körper und verhülltem Haar möglich ist, präsentiert
sie sich auf ihrem Instagram-Kanal in Kollektionen, die so gar nicht in die
Welt des Taliban-Emirats passen wollen. Ihre Bilder zeigen knielange Röcke
und bunte Stöckelschuhe, offenes Haar und rot geschminkte Lippen.
„Viele Leute konnten nicht glauben, dass ich im Afghanistan der Taliban als
Modedesignerin arbeite. Andere waren besorgt, weil ich mich im Internet
nicht den strengen Kleidervorschriften der Taliban beugte.“ Für viele junge
Frauen in ihrem Heimatland wurde die selbstbewusste Frau schnell zum
Vorbild. „Ich kriege bis heute so viele Nachrichten von Mädchen, die mir
schreiben, dass sie so werden möchten wie ich“, schildert sie.
Irgendwann wurde das Risiko jedoch zu groß, die Repressionen immer stärker.
Um ihr Modeunternehmen nicht aufgeben zu müssen, beschloss Katayon Ende
2023, ihre Heimat zu verlassen. Mithilfe eines Freundes gelang ihr die
Flucht in das benachbarte Pakistan.
Doch auch in ihrer neuen Heimat ist das Leben voller Schwierigkeiten. Ende
2023 hat Pakistan mit der massenhaften Abschiebung afghanischer Flüchtlinge
begonnen. Bereits einmal musste Katayon ihre Wohnung räumen, da es ihrer
Vermieterin vor dem Hintergrund der Massenabschiebung zu risikoreich
schien, weiter ein Zimmer an eine Afghanin zu vermieten.
## Bangen um die Zukunft
Seit vergangenem Februar befinden sich [4][Pakistan und Afghanistan
außerdem in einem Krieg], bei dem Islamabad auch die afghanische Hauptstadt
Kabul bombardiert hat. Mit spürbaren Folgen für afghanische Geflüchtete:
Medienberichten zufolge kommt es zu vermehrten Verhaftungen und Schikanen
durch pakistanische Behörden, auch seien in Katayons Umfeld afghanische
Flüchtlinge aufgefordert worden, Pakistan zu verlassen, wie die junge Frau
berichtet.
Eine Rückkehr kommt für Katayon jedoch nicht infrage. „Ich möchte endlich
an einem Ort ankommen, an dem ich nicht mehr täglich um meine Zukunft
bangen muss“, sagt sie. Sie träumt von einem Leben in Europa, einer eigenen
Boutique und Modeschauen, auf denen sie ihre Kollektionen präsentieren
kann. Eine Sache steht jedoch für sie fest: Auch aus dem Exil möchte sie
ein Vorbild für Frauen aus ihrem Land bleiben. „Ich möchte afghanische
Frauen dazu ermutigen, ihren Träumen zu folgen. Denn wenn wir erst einmal
Angst haben, wird es ihnen gelingen, uns zurück ins Haus zu verbannen.“
20 May 2026
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(DIR) Nabila Lalee
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