# taz.de -- Linkspartei vor Parteitag: Wo das Rettende war, wächst die Gefahr auch
       
       > Auf dem Parteitag der Linken könnte es Krach geben: wegen Nahost und
       > einem Antrag, der die Abgeordnetendiäten deckeln soll.
       
 (IMG) Bild: Erfolgsverwöhnt: Linken-Chefs Jan van Aken und Ines Schwerdtner und Fraktionschefin und Parteistar Heidi Reichinnek (v.l.n.r.)
       
       Als Jan van Aken im Oktober 2024 zum Co-Vorsitzenden der Linkspartei
       gewählt wurde, stand in der Umfrage von infratest dimap bei „Die Linke“ ein
       Strich – nicht messbar. Die überalterte Partei schien ein sinkendes Schiff
       zu sein. Gut eineinhalb Jahre später steht die Partei solide bei 10
       Prozent, ihre Mitgliederzahl hat sich seit Ende 2024 auf 126.000 mehr als
       verdoppelt.
       
       Diese verblüffende Wiederauferstehung hatte viele Gründe – zentral ist wohl
       die brennende Sehnsucht, dem Rechtstrend in der Republik entschlossen zu
       begegnen. Mit der von seiner Co-Vorsitzenden Ines Schwerdtner und ihm
       betriebenen kampagnenmäßigen Fokussierung der Partei auf das Mietenthema
       und die Bezahlbarkeit des alltäglichen Lebens hatte auch van Aken an der
       linken Renaissance seinen Anteil. Auch beim anstehenden Parteitag in
       Potsdam sollen die Angriffe der schwarz-roten Berliner Koalition auf den
       Sozialstaat und die linken Antworten darauf im Mittelpunkt stehen.
       
       Vor allem hat der undogmatische Westlinke von Aken – neben der ausdauernd
       vorgetragenen Forderung „Tax the rich“ – den Kurs der Partei in einer
       wichtigen Frage elegant verändert. Auch nach dem Austritt von Sahra
       Wagenknecht klebte das Image der Putin-Nähe an den Genoss:innen. Van Aken
       gelang das Kunststück, dies zu korrigieren, ohne den Pazifismus und
       Antimilitarismus als noch immer identitätsstiftendes Alleinstellungsmerkmal
       zu zertrümmern. Seine mantrahaft vorgetragene Forderung, die
       Bundesregierung müsse Russland viel konsequenter sanktionieren, machte die
       Partei gerade für Jüngere wählbar.
       
       Wenn sich am kommenden Wochenende 562 Delegierte in Potsdam zum Parteitag
       treffen, wird es van Akens Abschied vom Parteivorsitz sein. [1][Aus
       gesundheitlichen Gründen verzichtet er auf eine erneute Kandidatur]. Seine
       Nachfolge strebt der 46-jährige Stuttgarter Bundestagsabgeordnete [2][Luigi
       Pantisano] an. Die erneut antretende Schwerdtner und auch van Aken begrüßen
       seine Kandidatur. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“,
       sagt der 65-jährige Hanseat. Er hätte die Partei gern vier Jahre geführt,
       freut sich aber auf die Erholung.
       
       ## Seine Street Credibility
       
       Der Parteitag in Potsdam wird für van Aken eine letzte Herausforderung. Es
       geht mal wieder um das hoch emotionalisierte Thema Israel und Gaza. Der
       Parteivorstand hat einen klugen, ausgewogenen fünfseitigen Antrag
       formuliert, der das Existenzrecht Israels verteidigt, eine „einseitig
       verstandene“ deutsche „Staatsräson“ aber scharf ablehnt, die Hamas als
       „islamistische Terrororganisation“ verurteilt und ein Ende der israelischen
       Besatzung fordert sowie einen [3][Stopp von Waffenlieferungen an Israel].
       
       Van Aken arbeitete am 7. Oktober 2023 in Israel für die
       Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er hat bei dem Thema eine gewisse Street
       Credibilty. „Wir wollen keine Wahrheit festlegen, sondern verschiedene
       Sichtweisen im konstruktiven Miteinander ermöglichen“, sagt van Aken zur
       taz. Also Palästinasolidarität plus besondere deutsche Verantwortung
       infolge des Holocaust.
       
       Das sehen nicht alle Mitglieder so. Es wird in Potsdam Änderungsanträge
       geben, die die Betonung des Existenzrechts Israels abschwächen und die
       Brandmarkung des militärischen Vorgehens der israelischen Regierung als
       Genozid verstärken wollen. Van Aken sieht das gelassen. Der Parteitag werde
       keine „extrem einseitige Positionierung beschließen“, sagt er. Es gebe
       Änderungsanträge, die er „grundsätzlich ablehne, aber die werden keine
       Mehrheit bekommen“.
       
       Allerdings weiß auch die Parteispitze nur so ungefähr, wer da nach Potsdam
       kommt. Die Delegierten sind so jung wie noch nie, im Schnitt knapp 37 Jahre
       alt. Und 135 Delegierte, ein knappes Viertel des Parteitags, sind erst 2025
       oder in diesem Jahr Mitglieder geworden und werden zum ersten Mal auf einem
       Bundesparteitag abstimmen. „Wir haben viele neue Delegierte, da kann es
       natürlich Überraschungen geben“, sagt van Aken. Vielleicht auch böse.
       
       Auch wenn die Delegierten dem besonnenen Kurs der Parteiführung folgen
       sollten – van Akens Platz bleibt vakant. Es wird niemanden in der neuen
       Führung der Linkspartei geben, der in Sachen Nahost über eine vergleichbare
       Mischung aus Erfahrung in der Region, politischer Weitsicht und Autorität
       verfügt.
       
       Wulf Gallert, erfahrener Linksparteipolitiker aus Sachsen-Anhalt, [4][warnt
       davor], in Potsdam „Entscheidungsschlachten über Begriffsinhalte wie
       Antisemitismus, Zionismus oder Genozid“ zu führen. Denn im Herbst stehen in
       Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin Wahlen an. Im Vorfeld
       dampfende Ideologieschlachten aufzuführen, dürfte die Chancen der Partei
       kaum erhöhen.
       
       Das gilt auch für eine Frage, die innerparteilich fast ebenso sehr die
       Gemüter erhitzt: Soll es künftig einen Gehaltsdeckel für Linke-Abgeordnete
       geben? „Wie häufig bei solchen Debatten gelingt es nicht immer,
       Missverständnisse und persönliche Verletzungen zu vermeiden“, sagt Gallert.
       
       ## Die Geldfrage
       
       Als van Aken und Schwerdtner im Herbst 2024 den Linke-Vorsitz übernahmen,
       war eine der ersten Amtshandlungen, demonstrativ nur 2.850 Euro netto von
       ihrem Gehalt zu behalten. Nun sollen nach den Vorstellungen des
       Parteivorstands alle Bundestags- und Europaabgeordneten der Linken ab der
       kommenden Legislaturperiode ihre monatlichen Bezüge aus der
       Abgeordnetendiät von derzeit rund 11.833 Euro auf einen durchschnittlichen
       Arbeitnehmer:innen-Bruttolohn begrenzen.
       
       Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamts sind das gegenwärtig 5.370
       Euro. Der verbleibende Nettolohn ist abhängig von der jeweiligen
       Steuerklasse. Laut Antrag soll es pro zu versorgendem Kind oder
       pflegebedürftigem Angehörigen einen zusätzlichen Freibetrag von jeweils 350
       Euro netto geben.
       
       Es gibt weitere Anträge, die eine noch stärkere und sofort geltende
       Reduzierung fordern. Geht es nach dem Parteivorstand, sollen die über den
       Deckel hinausgehenden Bezüge an einen Sozialfonds abgeführt und zur
       „Unterstützung von Menschen in sozialen Notlagen“ eingesetzt werden. Aber
       auch da gibt es unterschiedliche Ansichten.
       
       An der Parteibasis ist die Idee eines Diätendeckels populär. Bei
       zahlreichen Abgeordneten sorgt die Diskussion jedoch für Missstimmung, auch
       wenn sich der Großteil lieber öffentlich bedeckt hält. „Ich möchte mich zu
       diesem Sachverhalt derzeit nicht öffentlich bzw. über die Medien äußern“,
       antwortete beispielsweise die EU-Abgeordnete Özlem Alev Demirel, die für
       den stellvertretenden Parteivorsitz kandidiert, auf eine taz-Anfrage.
       Zunächst sollten die Delegierten „die Möglichkeit haben, die
       unterschiedlichen Vorschläge zu diskutieren und darüber zu entscheiden“.
       
       Allerdings haben die Bundestagsfraktionsvorsitzenden Heidi Reichinnek und
       Sören Pellmann einen Brandbrief an den Parteivorstand geschrieben. Sie
       nähmen wahr, „dass durch die Debatte Misstrauen gegenüber uns geschürt wird
       – ob beabsichtigt oder nicht“, schrieben sie. Dabei zahlten alle
       Bundestagsabgeordneten „schon heute Mandatsträger:innenabgaben,
       Mitgliedsbeiträge, Beiträge in den Fraktionsverein und in unterschiedlichem
       Maße weitere Spenden“.
       
       Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow hat sogar das Bundesschiedsgericht der
       Partei angerufen, weil er „die Gefahr einer verfassungswidrigen Regelung“
       sieht. Sein Thüringer Landesverband hat für den Parteitag einen Gegenantrag
       zum Vorstoß des Parteivorstands eingebracht. Danach solle es einen
       „transparenten, beteiligungsorientierten Prozess zur Erarbeitung eines
       satzungsändernden Antrags“ geben. Das würde auf eine Vertagung des Streits
       hinauslaufen.
       
       Die Diskussion könnte hitzig werden. Wulf Gallert befürchtet jedenfalls
       „eine weitere Zuspitzung auf dem Parteitag“.
       
       So könnte in Potsdam ein Effekt entstehen, die niemand anstrebt. Der Streit
       über Nahost und Diätenhöhe könnte verdecken, was die Linkspartei eigentlich
       will: den Widerstand gegen die schwarz-roten Sozialkürzungen forcieren.
       
       18 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Die-Linke-braucht-neuen-Co-Vorsitzenden/!6171393
 (DIR) [2] /Nachfolge-fuer-Jan-van-Aken/!6171516
 (DIR) [3] https://www.die-linke.de/fileadmin/1_Partei/parteitage/Parteitag_Potsdam/Antragsheft1_final.pdf
 (DIR) [4] https://www.links-bewegt.de/de/article/1098.auf-die-barrikaden-in-der-gesellschaft-nicht-in-der-partei.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pascal Beucker
 (DIR) Stefan Reinecke
       
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