# taz.de -- Bilanz von Linken-Chef Jan van Aken: Demnächst wieder öfter im Hoodie unterwegs
> Als Parteichef hat Jan van Aken der Linken seinen Stempel aufgedrückt und
> dafür gesorgt, dass sie außenpolitisch ernster genommen wird. Über das
> Ende seiner Amtszeit.
(IMG) Bild: Jan van Aken verabschiedet sich von seinem Amt als Parteichef der Linken
Zum Ende seiner Amtszeit wartet Jan van Aken mit einem Geständnis auf. „Wir
haben Sie zwei Jahre lang beschummelt“, eröffnet er den Journalisten im
Karl-Liebknecht-Haus bei seiner letzten Pressekonferenz, bei der er neben
Ines Schwerdtner hinter einem Tisch steht. „Wir haben hier so ein Podest
gehabt“, sagt er, und holt hinter dem Tisch wie ein Zauberer, der einen
Trick verrät, einen schwarzen Kasten hervor, auf dem seine Co-Chefin zuvor
stand.
Dadurch wird der Größenunterschied zwischen dem 1,96-Meter-Hünen und
Schwerdtner, die er um mehr als einen Kopf überragt, deutlicher. Doch, fügt
er galant hinzu: „In den letzten zwei Jahren habe ich die meiste Zeit zu
Ines Schwerdtner aufgeschaut.“ Sie habe einen „ganz großartigen Job“
gemacht, bedankt er sich für die gute Zusammenarbeit. [1][Das Video dieser
Aktion] teilten beide anschließend auf ihren Social-Media-Kanälen.
Der 65-Jährige verabschiedet sich von seinem Amt als Parteichef so, wie er
angetreten ist: mit Humor, Charme und einem Sinn für Inszenierung. Am
Samstag wird die Linke bei ihrem Parteitag in Potsdam seinen Nachfolger
wählen, der, wenn alles glattgeht, Luigi Pantisano heißen wird. Er wird in
große Fußstapfen treten. Denn die Amtszeit von Jan van Aken als Parteichef
war zwar eine der kürzesten in der Geschichte der Linken. Doch in dieser
kurzen Zeit hat er die Partei so stark geprägt wie wenig andere.
Sein Anteil an der Wiederauferstehung der Linken ist groß. Nachdem
Schwerdtner und er im Oktober 2024 die Parteiführung übernommen hatten,
steigerte sich die Linke innerhalb weniger Monate von Umfragewerten um 2
bis 3 Prozent [2][auf 8,8 Prozent bei der Bundestagswahl 2025.] Er sei
schon „ein bisschen stolz“, dazu beigetragen zu haben, sagt van Aken
gegenüber der taz, auch wenn er katholisch aufgewachsen und Stolz ja „eine
Todsünde“ sei. „Plötzlich war Die Linke cool“, und die Stimmung bei den
Wahlkampf-Veranstaltungen in überfüllten Sälen „wie auf einem Rockkonzert“.
## Schwerpunkt: friedliche Konfliktlösung
Als Spitzenkandidat neben Heidi Reichinnek, die auf Tiktok & Co und mit
ihrer Brandrede im Bundestag vor allem junge Wähler:innen mitriss,
sprach Jan van Aken im Wahlkampf die etwas älteren Semester an. Mit seinen
Talkshowauftritten und in Interviews mit Leitmedien sorgte er dafür, dass
die Partei insbesondere in außenpolitischen Fragen wieder ernst genommen
wurde – eine wichtige Leistung, denn gerade das außenpolitische Irrlichtern
hatte bis dahin viele Sympathisanten abgeschreckt.
Van Aken zeigte, dass es möglich ist, [3][Solidarität mit der angegriffenen
Ukraine zu zeigen, ohne immer mehr Waffenlieferungen] an das Land das Wort
zu reden, und verwies auf nicht ausgeschöpfte Sanktionsmittel. Und er
vermochte es, Verständnis für die Traumata der israelischen Gesellschaft zu
zeigen, ohne damit die Verbrechen der israelischen Regierung in Gaza, im
Westjordanland und im Libanon zu relativieren, und setzte sich damit
erfolgreich vom außenpolitischen Mainstream in Deutschland ab. Dass er bis
kurz nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober in Tel Aviv war, wo er an
seinem Buch über friedliche Formen der Konfliktlösung arbeitete, verlieh
ihm Glaubwürdigkeit.
Van Aken dürfte es die Linke zu einem guten Teil zu verdanken haben, dass
über 700.000 Wählerinnen und Wähler, die in der Ampel-Zeit von den Grünen
enttäuscht wurden, bei der letzten Bundestagswahl im Februar 2025 ihr
Kreuzchen bei ihr machten. Denn ein wenig erinnert er selbst an die Grünen
in früheren Zeiten, als sie noch unangepasst und rebellisch waren.
Habituell ist der FC-St-Pauli-Fan schließlich ein alter Sponti: In den
sozialen und ökologischen Bewegungen der 1980er Jahre sozialisiert, ist ihm
der laute Straßenaktivismus nicht fremd. Er denkt in Kampagnen, wie er es
in seiner Zeit bei Greenpeace gelernt hat. Als promovierter Biologe, der
zwei Jahre lang als offizieller Biowaffeninspektor für die Vereinten
Nationen arbeitete, ist ihm aber auch der Marsch durch die bürokratischen
Organisationen vertraut. Doch selbst im Bundestag ist er lieber im T-Shirt
oder Hoodie und bestenfalls im Sakko statt in Anzug und Krawatte unterwegs.
## Kritiker werfen ihm Populismus vor
Auch rhetorisch gibt er sich gern hemdsärmelig. Der Merz-Regierung wirft er
vor, sie gehe mit ihren Kürzungsplänen „mit der Kettensäge“ vor und plane
„nicht weniger als den größten Sozialraub in der Geschichte dieses Landes“.
Nach dem Scheitern Deutschlands, einen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen zu ergattern, lästerte er: „Das passiert, wenn man das Völkerrecht
schreddert.“ Diese Schnoddrigkeit hat ihm gelegentlich den Vorwurf
eingebracht, ein Populist zu sein. Den Vorwurf lässt er an sich abprallen
und begreift ihn sogar als Kompliment.
Der Vorwurf ist nicht ganz unbegründet, denn Van Aken verbreitet gern
prägnante bis populistische Botschaften. Im November 2025 fischte er vor
laufenden Kameras Bälle aus einer Lostrommel und verlas die darin
enthaltenen Namen von drei jungen CDU-Abgeordneten, die „einen Monat im
Schützengraben“ gewonnen hätten. Die Aktion richtete sich gegen die
geplante Wiedereinführung der Wehrpflicht, die Junge Union reagierte
empört.
Im Mai 2026 drohte er dem Wohnungskonzern Vonovia, man werde ihm „aufs Dach
steigen“, und warf ihm illegale Mieterhöhungen sowie „fast mafiöse
Strukturen“ vor. Mit solchen plakativen Aktionen hat er die Linke wieder
sichtbar gemacht, er hat sie in die Medien und ins Gespräch gebracht. Nun
wird er in die zweite Reihe zurücktreten und zumindest bis zum Ende dieser
Legislaturperiode weiter als Abgeordneter im Bundestag wirken. Dort wolle
er zu seinem „Herzensthema“ zurückkehren, der Außenpolitik. „Ich möchte
zeigen, dass es Hoffnung in Diplomatie gibt. Dass Kriege auch beendet
werden können. Dass es immer Möglichkeiten gibt, dass die Dinge auch wieder
besser werden“, sagt er der taz.
[4][Luigi Pantisano ist als Nachfolger] zuzutrauen, bei potenziellen und
ehemaligen Grünen-Wählerinnen und Wählern ebenfalls zu punkten. Als er 2020
in Konstanz für das Amt des Oberbürgermeisters kandidierte, versammelte der
gelernte Architekt und Stadtplaner mit einem sozial-ökologischen Programm
ein breites Bündnis von SPD, Grünen und Linken hinter sich und scheiterte
am Ende nur knapp. Habituell wirkt er selbst wie ein linker Grüner, der in
urbanen und gesellschaftspolitischen Debatten zu Hause ist. Doch sein
biografischer Hintergrund als Sohn italienischer „Gastarbeiter“ ist ein
Pluspunkt und wirkt dem Eindruck entgegen, die Linke sei eine vorwiegend
„weiße“ Partei, die sich nur paternalistisch für die Ausgegrenzten
einsetze.
Dass ihm van Aken seinen Platz aus freien Stücken räumt, ist ein
Fortschritt in einer Partei, in der verbissene Machtkämpfe eine unselige
Tradition haben. Mit van Aken und Schwerdtner ist in der Linken offenbar
tatsächlich etwas „revolutionäre Freundlichkeit“ eingekehrt. Dass er seinen
Abgang aus gesundheitlichen Gründen damit begründete, die politische Arbeit
sei „Raubbau am Körper“, sendet das Signal, dass auch Boomer nicht bis zum
Umfallen arbeiten und sich für unersetzlich halten müssen. Auch das gehört
zum Erbe, dass er hinterlässt.
19 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.youtube.com/live/KjXCPmR_acs?si=zsTQegbPngN6f7Vo
(DIR) [2] /Jan-van-Aken-gegen-Aufruestungspolitik/!6073757
(DIR) [3] /Jan-van-Aken-gegen-Aufruestungspolitik/!6073757
(DIR) [4] /Neue-Linken-Spitze-ueber-Klassenpolitik/!6187787
## AUTOREN
(DIR) Daniel Bax
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