# taz.de -- Letzte Folge „The Late Show“ mit Colbert: Der Witz zieht nicht mehr
> „The Late Show“ mit Stephen Colbert endet nach 10 Jahren. Satiresendungen
> funktionieren nicht mehr – die Realität trifft längst härter als Pointen.
(IMG) Bild: Stephen Colbert bei der jährlichen Primetime Emmy Awards Party in Los Angeles, Kalifornien, 15. September 2025
Was darf Satire? Gähnend langweilig ist diese Frage mittlerweile. Sie wurde
hundertfach gestellt, in ebenso vielen Texten diskutiert und fast immer
gleich beantwortet: Alles.
Die viel dringendere Frage ist jetzt, was man überhaupt noch mit Satire
anfangen soll. Denn bitterböse Witze reißen, mal so richtig den Finger in
die Wunde legen, humorvoll die Herrschenden anprangern, das funktioniert
nicht mehr.
Am 21. Mai erscheint nach zehn Jahren die letzte Folge des
Late-Night-Formats „The Late Show“ mit Stephen Colbert, einer politischen
Satireshow aus den USA. [1][Der Sender CBS sprach von einer „rein
finanziellen Entscheidung“], als die Sendung des Trump-Kritikers
vergangenen Sommer abgesetzt wurde, obwohl CBS und Trump zuvor in einen
Streit geraten waren.
Trump hatte CBS mit einer Klage gedroht, weil der Sender ein Interview mit
Kamala Harris zu ihrem Vorteil geschnitten habe. Um einen Rechtsstreit zu
vermeiden, [2][zahlte CBS Trump 16 Millionen Dollar]. Colbert nannte dies
in seiner Sendung „a big fat bribe“, [3][eine fette Schmiergeldzahlung].
Auch in seiner vorletzten Folge ging es um Trumps dreckige Geschäfte – und
wie diese den US-Steuerzahler Milliarden kosten könnten.
## Diese Satire tut nicht weh
Satire muss wehtun, sagt man. Aber es tut nichts mehr weh an Colberts
Witzen über Trumps Dummheit. Es tut auch nichts weh an der scharfzüngigen
Kritik an seiner Korruption – außer dass sie in Erinnerung ruft, dass die
US-Bürger_innen dagegen völlig machtlos sind.
Am Mittwoch wurde bekannt, dass das [4][US-Justizministerium dauerhaft
untersagt, frühere Steuererklärungen von Trump, seinen Verwandten und
seinen Unternehmen zu prüfen]. Wie soll ein Witz darüber noch irgendeine
Pointe haben, wenn der Umstand selbst so viel Ungerechtigkeit offenbart,
dass einem die Ohren glühen?
Gleiches gilt für deutsche Satireformate wie „Die Anstalt“, „Fun Facts“
oder „Die Heute Show“, die humorvoll Merz, Pistorius oder Söder tadeln.
Heute ist Satire die Musikkapelle auf der sinkenden „Titanic“, höchstens
ein Coping-Mechanismus, um der Ohnmacht entgegenzuwirken, die man spürt,
wenn eine [5][existenzgefährdende Grundsicherung] beschlossen wird, wenn
Merz sagt, dass Arbeitende faul seien und dass es eine 70-Stunden-Woche
brauche – und er gleichzeitig [6][Waffendeals in Milliardenhöhe]
abschließt. Witze darüber, wie einem der Staat die Zukunft nimmt, ziehen
einfach nicht.
Abgesehen davon trifft satirische Kritik auf taube Ohren. Wenn man Kritik
formuliert, dann tut man das doch, weil man davon ausgeht, dass sie
irgendwo ankommt. Formate wie Stephen Colbert oder „Die Heute Show“ richten
sich entweder an Menschen, die ohnehin schon von der dort vorgetragenen
Position überzeugt sind, oder aber sie kritisieren Politiker_innen und
Regierungen, die nicht kritisierbar sind.
Wie soll man sich etwa über einen Kanzler lustig machen, der in der
Öffentlichkeit kaum auftreten kann, [7][ohne ausgebuht zu werden], und
trotzdem eine menschenfeindliche Entscheidung nach der anderen zu treffen
in der Lage ist?
## Satire lässt einen Ungerechtigkeit hinnehmen
Oder über einen Präsidenten, der als Witzfigur des Planeten gilt, sich
dieses Image aber zu eigen und [8][seine Politik memefähig macht]? Oder
über einen Außenminister, der öffentlich die [9][Schulstreiks gegen die
Wehrpflicht] lobt, also die Kritik an der eigenen Politik, und den
[10][Neuen Wehrdienst] dann trotzdem beschließt?
Politische Satire begeht einen weiteren Fehler. Sie stellt sich hin und
sagt: Guck mal, wie ungerecht! Ein guter Kanzler würde gerechter handeln.
Guck mal, wie dumm! Ein guter Präsident würde das nicht sagen. Aber was
wäre ein guter Kanzler, ein guter Präsident in kapitalistischen Systemen,
die nicht ihren Bürger_innen dienen, sondern dazu da sind, sich selbst zu
erhalten und Reiche reicher zu machen? In diesem System sind Merz und Trump
gute Staatsoberhäupter.
Im besten Fall ist gerade deutsche Satire unlustiger Boomerhumor. Im
schlimmsten Fall ist es eine Art, die herrschende Ungerechtigkeit
hinzunehmen. Die Rentner_innen, die Pfandflaschen sammeln, die Obdachlosen,
die auf der Straße verelenden, die alleinerziehenden Mütter, die auf
mehrere Jobs angewiesen sind, die Schüler, die bald zur Musterung antreten
müssen – ein Glück können sie sich über Politiker_innen lustig machen, ein
Glück bleibt ihnen die Satire.
Ein Format weniger haben nun die USA. Ob Trump dabei eine Rolle gespielt
hat oder nicht, ist Spekulation. Wahrscheinlicher ist, dass vielen
angesichts der absurden Ungerechtigkeit immer mehr das Lachen vergeht.
21 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /CBS-streicht-Late-Night-Show/!6101380
(DIR) [2] https://www.spiegel.de/kultur/donald-trump-paramount-zahlt-16-millionen-dollar-in-rechtsstreit-a-d001f972-577d-477a-83b0-8e6c61b045e9
(DIR) [3] https://www.nytimes.com/2025/07/18/arts/television/stephen-colbert-late-show-canceled-why.html
(DIR) [4] https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-05/donald-trump-steuererklaerung-beilegung-zugestaendnisse
(DIR) [5] /Das-neue-Grundsicherungsgeld/!6159963
(DIR) [6] https://www.capital.de/wirtschaft-politik/drohnen-hersteller-helsing-und-stark-bekommen-milliarden-auftrag-37122842.html
(DIR) [7] /Der-Kanzler-und-seine-falsche-Agenda/!6179311
(DIR) [8] /Social-Media-Account-des-Weissen-Hauses/!6104350
(DIR) [9] /Schulstreik-gegen-Wehrpflicht/!6177412
(DIR) [10] /Pistorius-neuer-Wehrdienst/!6096041
## AUTOREN
(DIR) Valérie Catil
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