# taz.de -- US-News-Sendung „60 Minutes“: Hart und nicht fair
> Mit der Zerstörung der CBS-Nachrichtensendung „60 Minutes“ geht ein
> weiteres Stück US-Pressefreiheit verloren. Sehr zu kümmern scheint das
> aber niemanden.
(IMG) Bild: Berühmte Stoppuhr: US-Sendung „60 Minutes“
Als [1][Scott Pelley] am 1. Juni in die Belegschaftsversammlung der
legendären Nachrichtensendung „[2][60 Minutes]“ ging, hatte er vor allem
eines: Fragen.
In den Tagen zuvor waren einige seiner verdientesten Reporter-KollegInnen,
darunter Cecilia Vega und Sharyn Alfonsi, gefeuert worden; und der neue
Chef von 60 Minutes, Nick Bilton, hatte in einer scharfen E-Mail
mitgeteilt, dass es nicht mehr 1968 – das Gründungsjahr von 60 Minutes –
sei. Um das zu untermauern, erinnerte er daran, dass das Benzin nicht mehr
32 Cents pro Gallone koste.
Pelley, eine der verdientesten Figuren des investigativen TV-Journalismus
in den USA, fühlte sich vor den Kopf gestoßen. So schildert er es
jedenfalls ausführlich [3][der New York Times im Interview.]
Noch am Abend zuvor hatte er mit seiner Korrespondenten-Kollegin Tanya
Simon zwei Emmy-Preise für herausragende Fernsehreportagen
entgegengenommen. Das Publikum von 60 Minutes war in der laufenden Saison
um 9 Prozent gewachsen, die Onlinepräsenz um 190 Prozent. Insgesamt wurde
im vergangenen Jahr 2,5 Milliarden Mal 60 Minutes geschaut. Aus welchem
Grund die neu eingesetzte Führung der Sendung offenkundig tiefgründige
Umwälzungen plante, war Pelley deshalb rätselhaft.
## O.k., Millennial
Antworten darauf bekam er in der Sitzung mit dem neuen Chef jedoch nicht.
Stattdessen verlas Bilton, der sich vorher als Technologie-Korrespondent
und Drehbuchschreiber verdingt hatte, von seinem Telefon ein vorbereitetes
Statement ab, in dem unter anderem stand, dass „Fernsehen ein Eiswürfel
ist, der schmilzt“, und dass die „Welt sich stark verändert“ habe, seit 60
Minutes vor 58 Jahren erstmals ausgestrahlt wurde.
Pelley konnte das nicht ertragen. Gerade waren seine vertrautesten,
ältesten KollegInnen gefeuert worden und nun musste er sich von einem
Millennial, der keine einschlägige Erfahrungen im Fernsehjournalismus
hatte, erklären lassen, dass die erfolgreichste Nachrichtensendung aller
Zeiten ein Anachronismus sei.
Pelley, seit 37 Jahren bei 60 Minutes, hörte sich das nicht zu Ende an.
„Ihr seid gerade dabei, 60 Minutes abzuschlachten“, platzte es aus ihm
heraus, bevor er den Raum verließ.
Tags darauf wurde dann auch Pelley gefeuert. Die Zukunft des Sendeformats,
das mit gründlich ausrecherchierten Fernsehberichten und ausführlichen
Interviews seit Jahrzehnten den politischen Diskurs des Landes bestimmt,
ist ungewiss.
## Weiß jemand, wie man Fernsehen macht?
Bilton behauptet zwar, dass er einen Haufen Ideen für 60 Minutes habe.
Worin genau diese bestehen, weiß bislang jedoch niemand. Hinzu kommt, dass
weder er noch die neue Chefin seines Senders, [4][Bari Weiss], laut
langjährigen Mitarbeitern von 60 Minutes wirklich wissen, wie man Fernsehen
macht.
Natürlich könnte man sagen, dass 60 Minutes auf den ersten Blick angestaubt
wirkt. Aus Marken-Gründen wird die Sendung, wie seit über einem halben
Jahrhundert, mit einer tickenden Uhr eingeleitet.
Sowohl die Anmoderation als auch die je 20 Minuten langen Beiträge sind
überaus konventionell. Der anhaltende Erfolg erklärt sich alleine aus dem
Vertrauen in die Journalisten und die Integrität ihrer Arbeit. Immer wieder
hat 60 Minutes Skandale wie etwa den Missbrauch von
Gesichtserkennungssoftware, Folter in CIA-Gefängnissen oder Korruption bei
der UN aufgedeckt. Die Interviews, denen sich zu stellen für US-Politiker
Pflicht ist, waren immer hart, aber gut vorbereitet und fair.
So mag der wahre Grund für die Aufräumarbeiten bei 60 Minutes und seinem
Sender CBS weniger sein, dass das Format zwar erfolgreich, aber auch etwas
altbacken ist; das „Abschlachten von 60 Minutes“ scheint, auch wenn Scott
Pelley das immer noch nicht wahrhaben möchte, eindeutig politisch: „Es ist
ein Frontalangriff auf die Pressefreiheit“, sagte Pelleys langjährige
Kollegin Lesley Stahl, die noch nicht gefeuert wurde, sondern weiterhin
versucht, von innen „irgendwie die Seele von 60 Minutes“ zu retten.
## Fataler Vergleich mit Trump
Der Hintergrund für die Versuche, auf die journalistische Arbeit von CBS
einzuwirken, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Die Muttergesellschaft
von CBS, [5][Paramount,] wurde zu Beginn des Jahres von Skydance
geschluckt, der Firma von David Ellison, die neben Filmen und TV-Serien vor
allem Cloud-Dienste für die US-Regierung anbietet. Ellisons Vater Larry ist
bekanntermaßen ein enger Vertrauter von Donald Trump.
Mitten in die Verhandlungen über die Fusion fiel eine [6][Klage von Donald
Trump gegen CBS,] genauer gesagt gegen 60 Minutes. Angeblich hatte 60
Minutes ein Interview mit Kamala Harris so geschnitten, dass ihr dadurch
politische Vorteile entstanden. CBS ließ sich auf einen Vergleich mit Trump
ein und zahlte ihm 16 Millionen Dollar. Kurz darauf wurde die Fusion von
der Rundfunkaufsicht genehmigt. Der Comedian Stephen Colbert nannte den
Deal unverblümt eine Bestechung – woraufhin auch er seinen Sendeplatz
verlor.
Als neue Chefin von CBS eingestellt wurde Bari Weiss, eine ehemalige
New-York-Times Journalistin, die nach ihrer Kündigung bei der Times ihr
eigenes „antiwokes“ Nachrichten-Portal „The Free Press“ gegründet hatte.
Weiss begann bei dem Nachrichtensender rasch mit Entlassungen und
Neubesetzungen. Kritik an der Trump-Regierung wurde bei CBS immer rarer.
Mit der Ikone 60 Minutes ging Weiss noch zurückhaltend um. Nun hat sie
zugeschlagen.
Natürlich waren die Umwälzungen bei 60 Minutes nicht wirklich überraschend.
Und doch hat sie viele Leute auf dem falschen Fuß erwischt. „Es ist, als
hätte jemand deine Lebensgefährtin ermordet“, sagt Scott Pelley. Für
Pelley, wie für viele amerikanische JournalistInnen und
MedienkonsumentInnen, ist ein Leben ohne 60 Minutes nicht denkbar. Doch die
Realität ist, dass 60 Minutes, wie man es kannte, wohl nicht mehr
zurückkommt.
Der langsame Abschied von der Sendung ist indes nur ein weiterer, wenn auch
überaus schmerzhafter Meilenstein auf dem Weg zur Einschränkung der
Pressefreiheit in den USA. Wie Scott Pelley es in [7][seinem
New-York-Times-Interview] sagte: „Ich bin Journalist geworden, weil ich an
die Meinungs- und Pressefreiheit glaube. Ohne sie gibt es keine
Demokratie.“ Nun ist Pelley im erzwungenen Vorruhestand, und die vierte
Säule der Demokratie ist schwächer denn je.
Die größte Sorge für die Zukunft gilt nun dem TV Netzwerk CNN. CNN gehört
wie CBS zu Paramount, die Zusammenlegung der beiden Sender ist beschlossene
Sache. Die Zertrümmerung von CBS diente bereits der Vorbereitung dieser
unheilvollen Vermählung. Mit der Gleichschaltung von CNN fiele dann die
letzte Bastion unabhängigen Fernsehjournalismus.
Beinahe noch schlimmer als diese Tatsache ist jedoch der mangelnde
Aufschrei der Öffentlichkeit. „Die Menschen scheinen die Bedeutung einer
freien, unabhängigen Presse in unserer Demokratie nicht mehr wertzu
schätzen“, sagt Lesley Stahl. Die Folgen eines fehlenden Machtkorrektivs
wird man dann freilich schon spüren. Und sich verwundert fragen, wie es so
weit kommen konnte.
11 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Klage-gegen-renommierten-US-Sender/!6088381
(DIR) [2] https://www.youtube.com/60minutes
(DIR) [3] https://www.nytimes.com/2026/06/07/magazine/scott-pelley-interview.html
(DIR) [4] /Bari-Weiss-ist-Chefredakteurin-bei-CBS/!6115416
(DIR) [5] /Filmstars-protestieren-gegen-Warner/!6170929
(DIR) [6] /US-Medienlandschaft/!6161466
(DIR) [7] https://www.nytimes.com/2026/06/07/magazine/scott-pelley-interview.html
## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
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