# taz.de -- Politische Satire: Prekäre Angelegenheit
       
       > Schlechte Zeiten für die, die gern politische Witze reißen. Die
       > Herrschenden der Welt sind schon so absurd, dass sie für Satire kaum noch
       > taugen.
       
 (IMG) Bild: Es gibt Dinge, über die man wahrhaft keine Witze machen soll, aber Satire ist eben genau das nicht: Witze machen
       
       Vor Kurzem entbrannte, wie man so sagt, in der taz eine Debatte über einen
       satirischen Text, der einen Freizeitpark zum Gaza-Krieg imaginierte. Was
       kann, was darf und was muss Satire? Eine Frage, die sich immer wieder neu
       stellt und immer wieder anders beantwortet werden muss. Ein schlichtes
       „alles“ war wohl nie angebracht, anders denn als Herausforderung an den
       realen und imaginären Zensor. Denn wenn Satire auch alles darf, heißt das
       ja nicht, dass man für sie keine Verantwortung übernehmen muss.
       
       Wenn Satire alles darf, heißt das: Sie darf nicht verboten werden. Es heißt
       nicht: Sie darf nicht kritisiert werden. Durch Kritik entwickelt sich
       Kultur, durch Verbot schrumpft sie ein. Wir leben allerdings derzeit in
       einer Gesellschaft, in der sowohl das Kränken als auch das Gekränktsein
       nicht bloß ein psychosozialer Zustand ist, sondern immer auch eine
       rhetorische und politische Waffe. Jener intellektuelle Liberalismus, in dem
       man mit scharfer Kritik und nicht mit melodramatischer Empörung auf
       Verstöße gegen Gebote von Moral und Vernunft reagiert, hat wohl für längere
       Zeit Pause.
       
       Aber genau diese Ununterscheidbarkeit zwischen Empfinden und Rhetorik macht
       auch Satire zu einer prekären Angelegenheit. Satire soll und muss wehtun.
       Aber wem? Und auf welcher Ebene seiner sozialen Seele? Die erste Forderung
       an [1][Satire] also ist, dass sie genau sein muss und sich ihrer Methoden
       und Wirkungen sehr bewusst. Eben das, was der rechte Kulturkampf gerade aus
       ihr macht, darf Satire niemals sein: ein Deckmantel oder eine Ausrede für
       Hetze und [2][Propaganda].
       
       Zur Wohlfühloase für moralische Überlegenheit darf sie allerdings auch
       nicht dienen. Die langlebige US-amerikanische Satire-Serie „[3][South
       Park]“ etwa scheint auf einer sicheren Seite, weil sie einfach alle Seiten
       der politischen Konfliktlinien und alle Milieus des ewig währenden
       Kulturkampfes gleichermaßen mit Hohn und Spott überzieht. Man kann daher
       die gelegentliche Treffsicherheit bewundern, aber auch den Fatalismus
       dahinter kritisieren.
       
       ## Kritik an herrschenden Menschen und Meinungen
       
       Satire ist Herrschaftskritik, das heißt ein literarisches oder
       bildnerisches Aufbegehren gegen Macht, das Mittel der Verzerrung, der
       Übertreibung, der Verdichtung und der Übertragung verwendet, um an einen
       Wesenskern dieser Macht zu gelangen. Wenn eine Art von Herrschaft
       „satirisch“ behandelt wird, um einer anderen zu dienen, haben wir es nicht
       mehr mit Satire, sondern mit mehr oder weniger witziger Propaganda zu tun.
       Herrschaft meint im Übrigen nicht nur herrschende Menschen und ihre
       Institutionen, sondern auch „herrschende“ Meinung, herrschenden Geschmack,
       herrschende Gewohnheit. Von da an wird’s kompliziert.
       
       Denn wenn wir auch von einer Satire verlangen, gleichermaßen
       kritisch-komisch gegen jeden Anspruch und jede Methode von Herrschaft
       vorzugehen, dürfen wir von ihren Autorinnen und Autoren doch auch eine
       Haltung erwarten. Das beschreibt eine Grenze zwischen boshafter
       Gerechtigkeit und Zynismus, zwischen ästhetischem Protest und Nihilismus.
       In guten Zeiten akzeptiert man vielleicht sogar solche Grenzverletzungen.
       Aber dies sind keine guten Zeiten.
       
       Früher behauptete man gern, dass schlechte Zeiten gute Zeiten für Satire
       seien. Derzeit allerdings beklagen sich etwa Kabarettistinnen und
       Kabarettisten sehr zu Recht, dass die Herrschenden dieser Welt sich so
       obszön, skrupellos und narzisstisch benehmen, dass keine Satire mehr ihren
       Auftrag erfüllen könnte, sie „zur Kenntlichkeit zu verzerren“. Die
       Grundfrage lautet: In welchem Namen spricht Satire gegen wen oder was? Und
       man kann antworten: Die Satire spricht im Namen der Menschen gegen die
       Macht.
       
       Oder im Namen der Opfer gegen die Täter. Es gibt kaum etwas Abscheulicheres
       als „Satire“, die von oben nach unten, im Namen der Macht (und sei’s die
       Macht der Mehrheit, der „Normalität“ oder der Mitte) gegen die Minderheiten
       agiert. Anders gesagt: Rechte Satire ist ein Widerspruch in sich. Im
       Übrigen gehört es zur Kunst der Satire, auch sich selbst nicht zu schonen.
       So wie ja auch Kritik keinen Sinn macht, wenn sie nicht die Fähigkeit zur
       Selbstkritik einschließt.
       
       ## Satiriker leben gefährlich
       
       Satire nutzt den Humor als Waffe, aber sie ist keineswegs darauf
       beschränkt, eine Erleichterung durch das Lachen zu verschaffen. Sie reicht
       auch in Sphären, in denen einem das Lachen vergehen kann. Es gibt Dinge,
       über die man wahrhaft keine Witze machen soll, aber Satire ist eben genau
       das nicht: Witze machen.
       
       Daher ist ein satirischer Text, in dem auf die Leiden von Menschen, die
       Brutalität von Herrschenden und das schreckliche Chaos zwischen
       menschlichem Mitgefühl und ideologischer Parteilichkeit mit der Projektion
       eines „[4][Freizeitparks]“ reagiert wird, zwar schwer auszuhalten, aber er
       trifft durchaus die Macht von Unterhaltungsindustrie und medialer
       Ausbeutung. Über die Gelungenheit eines solchen Textes [5][kann man
       diskutieren].
       
       Und natürlich kann eine Redaktion darüber befinden, ob ein solcher Text zur
       eigenen Position und zum eigenen Geschmack passt oder nicht. Worüber man
       indes nicht diskutieren kann, ist ein grundsätzliches Recht, auf die
       Schrecken der Welt mit dem verzweifelt-komischen Mittel der Satire zu
       reagieren. Wer es mit der Satire ernst meint, lebt durchaus gefährlich.
       Auch Jonathan Swift, auf den sich auch hierzulande die Vertreter einer
       härteren Satire beziehen, wurde von Staat und Kirche verfolgt.
       
       Was wäre das auch für eine Satire, die sogar den Mächtigen oder dem
       herrschenden Mainstream gefallen würde? Die Kunst der Satirikerin oder des
       Satirikers ist also zugleich gefährlich und anspruchsvoll. Die Suche nach
       den eigenen Grenzen gehört zu dieser Kunst. Dort wo Menschen anderen
       Menschen die Hölle bereiten, zieht das Mitleiden der Satire vielleicht eine
       weitere Grenze. Offensichtlich gibt es Zeiten, die so schlecht sind, dass
       sie nicht einmal gut für Satire sind.
       
       8 Oct 2025
       
       ## LINKS
       
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