# taz.de -- Beduinen im Westjordanland: Die Vertreibung eines Dorfes
       
       > Finanzminister Smotrich will ein gesamtes Dorf im Westjordanland
       > evakuieren. Und behauptet, der Internationale Strafgerichtshof wolle ihn
       > verhaften. Aber stimmt das?
       
 (IMG) Bild: Im Beduinen-Dorf Khan Al-Ahmar, Januar 2023
       
       Es sind zwei Vorgänge, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun
       haben. Und doch sind sie unterdes in Medienberichten eng verflochten. Das
       eine ist die [1][Vertreibung eines kleinen, beduinischen Dorfes] nicht weit
       von Jerusalem im von Israel besetzten Westjordanland. Das andere ist ein
       angeblicher Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gegen einen
       israelischen Politiker. Gemeinsamer Nenner: Israels Finanzminister Bezalel
       Smotrich, Vorsitzender der rechten Religiösen Zionistenpartei.
       
       Denn am Dienstag hat Smotrich bei einer Pressekonferenz angekündigt, einen
       Evakuierungsbefehl für das Dorf Khan al-Ahmar zu unterzeichnen, und dies
       später getan. Auf derselben Pressekonferenz gab er bekannt, die
       Staatsanwaltschaft des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag wolle
       einen Haftbefehl gegen ihn ausstellen. Laut der israelischen Zeitung
       Jerusalem Post ist der Räumungsbefehl eine Reaktion auf die mutmaßliche
       Haftanordnung. [2][Diese gleiche einer „Kriegserklärung“, so der Minister.]
       
       Seit Sonntag kursieren Berichte über weitere Ermittlungen des
       Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) gegen mehrere israelische
       Politiker. Doch dieser hat bisher keinen weiteren Haftbefehl erlassen. Auf
       Nachfrage der taz schrieb die Presseabteilung, Haftbefehle blieben bis zur
       Autorisierung durch eine*n Richter*in geheim. Daher könne sich der
       Gerichtshof noch nicht dazu äußern.
       
       Bislang hat der ICC solche Anordnungen gegen Israels Premierminister
       Benjamin Nethanjahu und Ex-Verteidigungsminister Joav Galant ausgestellt,
       und zwar wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die
       Menschlichkeit im Gazakrieg. Eine Anfrage an das israelische
       Finanzministerium blieb bis zur Veröffentlichung unbeantwortet.
       
       ## Das Dorf wehrt sich
       
       Die Bewohner*innen von Khan al-Ahmar wollen sich jedoch nicht
       geschlagen geben. Zusammen mit der israelischen Menschenrechtsorganisation
       Bimkom haben sie Einspruch eingelegt.
       
       Für die NGO hängt der Befehl mit der Ausweitung der Siedlung Ma’ale Adumim,
       auch E1-Projekt genannt, zusammen. Die israelische Regierung wolle die
       Beduinen zwangsvertreiben, und zwar in eine urbanisierte Gegend, die mit
       ihrem Lebensstil nicht kompatibel sei. Solche beduinischen Gemeinschaften
       weiden ihre Tiere gemeinsam auf dem Land nahe ihren Behausungen.
       
       Das zeige, dass „ein Plan verfolgt wird, der Beduinengemeinschaften in der
       Region konzentriert und zwangsweise urbanisiert“, sagt Alon Cohen-Lifshitz
       von Bimkom. Es handele sich hierbei nicht um eine Planungsmaßnahme, sondern
       um einen „Plan zur Zwangsumsiedlung“.
       
       ## Vereinte Nationen kritisieren Räumung
       
       Den Medien sagten die Dorfbewohner*innen, dass sie die Ortschaft nicht
       verlassen werde, weil sie ihr gesamtes Leben hier gewohnt haben. Bereits
       etwas länger droht den Menschen in Khan al-Ahmar die Vertreibung.
       
       2018 hatte Israels Oberstes Gericht entschieden, dass sie ausgesiedelt
       werden dürfen. Daraufhin haben sich sogar die Vereinten Nationen dagegen
       ausgesprochen – die Räumung käme einem Kriegsverbrechen gleich. Die
       israelische Regierung verschob damals den Abriss der Zelte und Hütten, in
       denen die etwa 350 Bewohner*innen leben. Bis jetzt.
       
       20 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Schwerpunkt-Nahost-Konflikt/!t5007999
 (DIR) [2] /Internationaler-Strafgerichtshof/!6180432
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Serena Bilanceri
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Israel
 (DIR) Beduinen
 (DIR) Westjordanland
 (DIR) Kriegsverbrechen
 (DIR) Benjamin Netanjahu
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Westjordanland
 (DIR) Israel Defense Forces (IDF)
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Israel
 (DIR) Israel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Besiedelung des Westjordanlands: Israel enteignet erstmals heilige Stätte im Westjordanland
       
       Das Grab des Propheten Samuel wird nahe Jerusalem verortet. Nun ist es
       unter israelischer Kontrolle – und ähnliche Pläne soll es für den
       Tempelberg geben.
       
 (DIR) Israelische Aktivitäten in Irak: Israel versteckt Militärposten in der Wüste
       
       Israelische Soldat*innen sollen im Irak laut Medienberichten geheime
       Militärbasen errichtet und auf Zivilisten geschossen haben. Wie souverän
       ist der Irak?
       
 (DIR) Schritt in Richtung Neuwahl: Israels Parlament stimmt für Auflösung
       
       Das israelische Parlament hat für seine Auflösung gestimmt. Die
       UN-Berichterstatterin verurteilt indes Folter und Todesfälle in
       israelischer Haft.
       
 (DIR) Internationaler Strafgerichtshof: Smotrich spricht von „Kriegserklärung“
       
       Weil ihm ein Haftbefehl aus Den Haag droht, will Israels ultrarechter
       Finanzminister die Beduinensiedlung Chan al-Ahmar im Westjordanland räumen
       lassen.
       
 (DIR) Humanitäre Lage im Gazastreifen: Israels Armee stoppt Großteil der Gaza-Hilfsflotte
       
       Rund 250 Aktivisten wurden westlich von Zypern festgenommen, zehn Boote
       sind noch unterwegs: Israels Marine geht weiter gegen die „Global Sumud
       Flotilla“ vor.