# taz.de -- Schutzzölle für die Stahlindustrie: Die EU setzt auf Protektionismus
> Am Dienstag will das Europaparlament neue Schutzzölle für Stahl
> beschließen. Linke fordern Maßnahmen für soziale und ökologische
> Transformation.
(IMG) Bild: Stahlarbeiter bei Thyssenkrupp: Seit dem Jahr 2008 gingen in der europäischen Stahlindustrie rund 100.000 Jobs verloren
Die große Zeit des Freihandels ist zu Ende. Nicht nur jenseits, sondern
auch diesseits des Atlantiks. Am Dienstag wird das Europaparlament aller
Voraussicht nach den Weg frei machen für neue Schutzzölle für europäischen
Stahl. Dies sei ein Schritt weg von einer „übertriebenen Freihandelspolitik
hin zu starken protektionistischen Maßnahmen“, sagt Martin Schirdewan. Er
sitzt für [1][die Linke im Europaparlament] und ist der einzige deutsche
EU-Abgeordnete, der unmittelbar an der Ausarbeitung des Vorhabens beteiligt
war.
Demnach soll die Stahlmenge, die zollfrei in die europäische
Staatengemeinschaft importiert werden darf, auf 18,3 Millionen Tonnen
jährlich fast halbiert werden. Für Stahl, der über diese Menge hinaus
eingeführt wird, soll künftig ein Zollsatz von 50 statt 25 Prozent gelten.
Auf diese Maßnahmen einigten sich das EU-Parlament und die 27
Mitgliedstaaten im April. Dass nun noch mal abgestimmt wird, gilt lediglich
als Formsache.
Die neuen Regeln müssen spätestens im Juli in Kraft treten, weil die
aktuell geltenden Ende Juni auslaufen. Sie sollen die hiesige
Stahlindustrie vor der wachsenden Konkurrenz vor allem aus der Türkei,
China und Indien schützen. Denn derzeit herrschen immense globale
Überkapazitäten bei der Stahlproduktion. Die EU-Kommission schätzt diese
auf das Fünffache des europäischen Stahlverbrauchs. Der Handelskonflikt mit
Donald Trump und hohe Energiepreise belasten die hiesige Industrie
zusätzlich.
Die Folge: Seit dem Jahr 2008 gingen in der europäischen Stahlindustrie
rund 100.000 Jobs verloren. Und weitere Entlassungen drohen. Die hiesigen
Stahlwerke sind nur zu rund zwei Dritteln ausgelastet, während für einen
gesunden Geschäftsbetrieb eine Auslastungsquote von 80 Prozent notwendig
wären.
## Einigkeit bei Industrie und Gewerkschaften
Laut dem EU-Abgeordneten Schirdewan herrscht deswegen bei Industrie,
Gewerkschaften und über Parteigrenzen hinweg weitestgehende Einigkeit über
die Notwendigkeit der Maßnahmen. [2][Auch Kanzler Friedrich Merz (CDU)
stellte sich hinter das Vorhaben].
„Mit den neuen Regelungen wird der Schutz der Stahlhersteller in
Deutschland und der EU erheblich gestärkt“, hieß es etwa seitens der
Wirtschaftsvereinigung Stahl. Der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Jürgen
Kerner, sagte: „Die strikten Importquoten in Kombination mit wirksamen
Zöllen sind die richtige Antwort auf den verzerrten Wettbewerb.“ Die
Einigung zwischen EU-Staaten und Parlament sei eine gute Nachricht für
Zehntausende Beschäftigte – „nicht nur in der Stahlindustrie selbst,
sondern auch in den nachgelagerten Wertschöpfungsketten“.
Denn Stahl wird in vielen anderen Branchen wie der Bauwirtschaft, dem
Maschinenbau oder der Automobilindustrie gebraucht. Die
Wirtschaftsvereinigung Stahl spricht von „etwa vier Millionen Menschen“,
die in „stahlintensiven Branchen“ beschäftigt sind. Ökonomen berechneten
für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung, dass der deutschen
Wirtschaft ein jährlicher Wertschöpfungsverlust von 50 Milliarden Euro
drohten, wenn es zu einem „Stahlschock“ kommen und die gesamte inländische
Produktion abwandern würde.
Allerdings, so warnt Schirdewan, reichten die nun beschlossenen Maßnahmen
nicht aus, um die europäische Stahlindustrie zukunfstfest zu machen. „Es
muss darüber hinaus nachgedacht werden, wie die soziale und [3][ökologische
Transformation des Stahlsektors] gewährleistet werden kann.“ Mit dem
Zollpaket werde ein Status quo beibehalten, bei dem die Industrie weniger
in Verantwortung gezogen werde, als es ihm aus einer linken Perspektive
lieb sei, so Schirdewan.
## Buy European für grünen Stahl
So hält der Linken-Parlamentarier die Idee von staatlichen Beteiligungen in
strategischen Industriesektoren für sinnvoll, auch „weil dadurch die
Menschen nicht nach Markterfordernissen entlassen werden“. Ansonsten wären
auch Maßnahmen wie ein Industriestrompreis oder starke „Buy
European“-Vorgaben für klimafreundlich erzeugten grünen Stahl, wie sie
derzeit im Rahmen des Industrial Accelerator Act (IAA) in der EU diskutiert
werden, für ihn immerhin schon ein Schritt nach vorne.
18 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nach-Abschluss-des-EU-Mercosur-Abkommens/!6051818
(DIR) [2] /Stahlgipfel-im-Kanzleramt/!6127742
(DIR) [3] /Stahlgipfel-im-Kanzleramt/!6126888
## AUTOREN
(DIR) Simon Poelchau
## TAGS
(DIR) Stahlindustrie
(DIR) Schutzzölle
(DIR) EU-Kommission
(DIR) GNS
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Friedrich Merz
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Stahlgipfel im Kanzleramt: Deutschland braucht Stahl – aber in Grün
Die Bundesregierung setzt auf Maßnahmen, die maximal den Status quo
konservieren – statt auf eine Politik, die die Stahlindustrie langfristig
sichert.
(DIR) Stahlgipfel im Kanzleramt: Merz will Stahlindustrie vor Konkurrenz schützen
Der Kanzler sieht die Branche in einer existenzbedrohenden Krise, auch
wegen des schwierigen Umbauprozesses. Schutzzölle und billigere Energie
sollen sie stützen.
(DIR) Klimaneutraler Umbau: Der Weg zum grünen Stahl ist steinig
Die klimafreundliche Produktion von Stahl ist komplex und teuer. Mit Hilfe
aus Australien könnten jedoch die meisten hiesigen Jobs erhalten bleiben.