# taz.de -- Bafög-Reform: Die Regierung riskiert sozialen Unfrieden
> Die Bundesregierung verkennt die reale Lage von Studierenden. Oder will
> sie verkennen – und fördert damit die weitere Spaltung der Gesellschaft.
(IMG) Bild: Viele Studierende könnten ohne Bafög ihr Studium nicht finanzieren
Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist ein schüchternes Pflänzchen, zumal
in diesen Tagen. Überall Krieg und Krisen, und die machen nicht mehr nur
schlechte Laune in der Insta-Timeline oder bei der „Tagesschau“ um 20 Uhr,
sie stören auch ganz real im Alltag: Der Irankrieg macht das Tanken teurer.
Bei den Landtagswahlen im Osten stehen die Rechtspopulisten vor absoluten
Mehrheiten. Und dazu sitzt da in Berlin eine Regierung, die sich streitet.
Angekündigte Reformen bei Rente, Pflege, Steuern könnten tatkräftig wirken,
aber was hängen bleibt, ist der Eindruck von Zumutungen: Seid fleißiger
([1][Lifestyle-Teilzeit)], geht weniger zum Arzt ([2][Gesundheitsreform]),
sterbt am besten früher ([3][Pflegereform]), dann kriegen wir für eure
Kinder die Rente mit 70 vielleicht gesichert.
Wer immer nur geben soll, findet das irgendwann ungerecht. Wer sich unfair
behandelt fühlt, neigt zum Populismus. Womöglich macht er im Herbst in
Sachsen-Anhalt oder in Mecklenburg-Vorpommern sein Kreuz dann bei der AfD.
Man sollte meinen, die noch an der Regierung befindlichen demokratischen
Parteien hätten inzwischen eine gewisse Vorsicht im Umgang miteinander
entwickelt. Aber nun hat Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) dem
verdatterten Koalitionspartner per Zeitungsinterview mitgeteilt: Die
bereits verabredete [4][Bafög-Reform stehe, ups, sorry, doch noch unter
Finanzierungsvorbehalt]. „Wenn Pflegebedürftige sparen sollen und beim
Elterngeld Kürzungen vorgenommen werden, dann ist nachvollziehbar, dass man
nicht gleichzeitig an anderer Stelle große zusätzliche Leistungen
verspricht.“
Große zusätzliche Leistungen? Das Bafög wird auch nach der Reform zum
Sterben zu viel und zum Studentenleben zu wenig sein. Der
Wohnkostenzuschuss soll von 380 auf 440 Euro steigen. Die WG-Zimmerpreise
in deutschen Uni-Städten liegen im Mittel bei über 500 Euro. Über die
Armutsgrenze von 1.445 Euro für einen Singlehaushalt käme man mit einem bis
zum Ende der Legislatur auf 1.100 Euro gestiegenen Bafög-Höchstsatz immer
noch nicht. Dabei müsste es dringend darum gehen, das Bafög attraktiver zu
machen: Nur 70 Prozent derjenigen, die eine Förderung bekommen könnten,
füllen einen Antrag aus. Weil ihnen der Kosten-Nutzen-Aufwand zu gering
scheint. Oder weil sie Angst vor Überschuldung haben. Letzteres hat die
Forschungsministerin übrigens in einer Sozialerhebung selbst
herausgefunden.
Wer keine Eltern hat, die das WG-Zimmer zahlen können, braucht Bafög plus
einen Nebenjob. 20 Stunden darf man maximal neben dem Studium arbeiten. Wer
das tut, bricht sein Studium häufig ab, wie Menschen aus der
Beratungspraxis berichten.
Die Bundesregierung findet 1,6 Milliarden Euro, um für ein paar Monate
billiger zu tanken. Aber sie findet die 1 Milliarde für die Bafög-Reform
nicht mehr, mit der sie langfristig in ein wenig mehr Bildungsgerechtigkeit
investieren wollte. Was ist das für eine Prioritätensetzung?
5 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Anna Klöpper
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