# taz.de -- Ein Bafög-Brief an Dorothee Bär: Von wegen schönste Zeit des Lebens
> Wer unprivilegiert studiert, ist auf Bafög angewiesen. Nicht, um sich ein
> nettes Leben zu machen. Sondern, weil man sonst zerquetscht wird.
(IMG) Bild: Ein Beleg dafür, dass ein Studium in Deutschland immer noch ein Privileg ist, ist die Quote von Nichtakademikerkindern an der Uni
Liebe Frau Bär,
geht’s noch? Studierenden [1][pauschal unterstellen, dass sie privilegiert
sind?] Deswegen die Bafög-Reform abblasen? Sagen, die sollten einfach ein
bisschen jobben, die faulen Studis? Ihre Aussage ist realitätsfern. Drei
von vier Studierenden jobben sowieso schon, unabhängig davon, ob sie BaföG
erhalten oder nicht.
Kennen Sie überhaupt die Rahmenbedingungen von Bafög, Frau Bär? Ihre
Aussagen lassen daran zweifeln. Sie sagen, es sein kein Drama, wenn Studis
neben dem Lernen jobben. Dabei ist der Nebenjob für viele Studis eine
Notwendigkeit, um sich die steigenden Lebenskosten sowie die Miete für ein
WG-Zimmer überhaupt leisten zu können. Bricht dann der prekäre Nebenjob
weg, schlittert der Student trotz Bafög, sofern er keine unterstützende
Familie hat, in eine finanzielle Notlage.
Bafög-Empfänger erhalten eine Wohnungskostenpauschale: Selbst wenn diese,
wie geplant, von 380 Euro im Monat auf 440 Euro im Monat angehoben würde,
reicht das den meisten nicht – denn im Durchschnitt (!) legen Studierende
in Deutschland 2026 [2][512 Euro für ein WG-Zimmer] hin – in einigen
Städten sogar 700 bis 800 Euro.
## Dann ist die Lebenszeit weg
Beim Bafög-Höchstsatz von 992 Euro bleiben also, wenn man Miete, Kranken-
und Pflegeversicherung (137 Euro) abzieht, rund 350 Euro zum Leben – ein
bisschen mehr als 10 Euro pro Tag –, und dann hat man noch nicht gegessen,
sein Monatsticket bezahlt, die kaputte Waschmaschine ersetzt, den Laptop
repariert. Daher ist der [3][603-Euro-Minijob] für viele keine Option,
sondern Notwendigkeit – schon jetzt. Selbst die geplante Reform wäre nur
eine Krücke – die jedoch einige bedürftige Studierende genug stützen
könnte, um von den steigenden Lebenskosten nicht vollkommen zerquetscht zu
werden.
Wer auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, der überlegt sich gut, ob
er diesem Druck standhält. Denn sollte man zu langsam studieren oder aus
anderen Gründen das Bafög gekürzt bekommen, ist die Lebenszeit, das
Karriereziel erst mal weg. Dies sind Gedanken, die unprivilegierte
Studierende während der Studienzeit plagen.
Und ob jemand neben einem stressigen Jura-, Lehramts- oder Medizinstudium
nach einer durch die Pandemie zerfledderten Abizeit die Nerven für einen
Nebenjob hat, steht auf einem anderen Blatt – und sollte nicht von oben
herab von Ihnen bestimmt werden.
Ein Beleg dafür, dass ein Studium in Deutschland immer noch ein Privileg
ist, ist die Quote von Nichtakademikerkindern an der Uni. Klar, nicht alle
Arbeiterkinder sind arm, aber die Wahrscheinlichkeit liegt da höher.
## Ein Gegenvorschlag
Und die Quoten von Akademiker- und Nichtakademikerkindern, die studieren,
machen traurig: Laut [4][Hochschulbildungsreport] machen von 100
Nichtakademikerkindern 15 einen Bachelor zu Ende und 7 einen Master – bei
Akademikerkindern erreichen 63 einen Bachelor- und 45 einen
Masterabschluss. Die „Dunkelziffer“ ist dabei die große Zahl der jungen
Menschen, die aufgrund der fehlenden finanziellen Möglichkeiten schon jetzt
kein Studium erwägt.
Ich habe einen Gegenvorschlag für Sie, liebe Frau Bär: Schaffen Sie den
riesigen Bafög-Apparat mit kleinteiligen Anträgen und unzähligen
Bafög-Beamten ab. Investieren Sie die so freigewordenen Ressourcen in eine
unbürokratische Grundeinkommenslösung für Studierende, von mir aus auch
unbürokratische Studiendarlehen oder einfache, automatisierte Anträge. Es
wäre möglich, dies umzusetzen.
[5][Die Schweden machen vor, wie es gehen könnte: CSN, ein Studienkredit,]
der sich relativ bürokratielos digital beantragen lässt und von dem nur 70
Prozent zurückgezahlt werden müssen – und zu dem man sich dann noch etwas
dazuverdienen, sich absichern kann. So etwas sorgt für Fairness, dafür dass
Studierende nicht nur überleben, sondern sich während des Studiums auf das
konzentrieren können, was eigentlich in ihrem Fokus sein sollte: das
Studium, ihre Zukunft.
Damals, als ich als Halbwaise und armutsbetroffenes Arbeiterkind mein
Bachelorstudium begann, vergoss ich viele Tränen, aus Angst und Sorge.
Angst, irgendwas beim Antrag falsch zu machen. Sorge, bis der Antrag nach
Wochen bewilligt war. Sorge, dass ich zu langsam studiere, weil ich
nebenbei arbeiten und unbezahlte Praktika machen musste. Und vor und nach
diesen Pflichtpraktika für eben unbezahlte Zeit Lohn vorarbeiten musste.
Sie löste immensen Druck in mir aus, diese gern romantisierte „schönste
Zeit des Lebens“. Für diejenigen, die unprivilegiert studieren, beginnt die
„schönste Zeit“ nämlich oft erst nach dem Studium, mit dem Job – wenn man
endlich seine Zeit nicht zwischen Nebenjobs und Studium aufteilen muss und
trotz Arbeit nicht mehr die ganze Zeit mittellos ist, sondern man einfach
einer Arbeit nachgehen kann, die ausreichend honoriert wird.
Ich wünsche Ihnen, Frau Bär, dass Sie nie die Sorgen und Ängste durchstehen
müssen, die all die unprivilegierten Studis durchstehen müssen, die Sie mit
Ihren Aussagen diskreditiert haben.
1 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ministerin-Baer-gegen-Bafoeg-Erhoehung/!6182955
(DIR) [2] https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/studenten-mieten-wg-sommersemester-wohnen-100.html
(DIR) [3] https://www.minijob-zentrale.de/DE/die-minijobs/minijob-mit-verdienstgrenze
(DIR) [4] https://www.hochschulbildungsreport2020.de/chancen-fuer-nichtakademikerkinder
(DIR) [5] https://www.csn.se/languages/english.html
## AUTOREN
(DIR) Klaudia Lagozinski
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