# taz.de -- „Wachs und Gold“ von Joachim Bessing: Einübung in einen äthiopischen Blick
       
       > Ein Erzähler reist nach Addis Abeba und kommt recht weit damit, kulturell
       > zwischen den Zeilen zu lesen. „Wachs und Gold“ von Joachim Bessing.
       
 (IMG) Bild: Hier beginnt für Joachim Bessing die Kunst des Dechiffrierens: Speisesaal des Hotels Itegue Taitu in Addis Abeba
       
       Vor 14 Jahren hat der Schriftsteller, Übersetzer und Journalist Joachim
       Bessing rund ein Jahr lang im damals vergleichsweise beschaulichen Addis
       Abeba gelebt und, wie er in einem Insta-Video mitteilt, gleich drei Romane
       über diese Zeit geschrieben – einer davon habe seinem Verleger so gut
       gefallen, dass er jetzt unter dem Titel „Wachs und Gold“ veröffentlicht
       wurde.
       
       Bessing, der als Co-Autor der Dandyrunde „Tristesse Royale“ bekannt wurde,
       seither Romane, Sachbücher und Essays geschrieben hat, öffentlich Tagebuch
       führt und als Nuss-Influencer reüssiert, klammert seine Autofiktion mit der
       einleitenden Formulierung, dass ein 41-jähriger Mann „unter meinem Namen“
       in [1][Äthiopien] einreiste.
       
       Dieser Joachim Bessing bietet auch gleich mehrere Gründe für seinen
       Auslandsaufenthalt an: Vom Maya-Horoskop über ein Zeitschriftenprojekt
       („Chaos“) und Liebeskummer bis hin zu vagen, vom „polnischen Herodot“
       Ryszard Kapuściński geprägten Vorstellungen [2][des ostafrikanischen
       Landes] und seinem uralten Kaisertum.
       
       Kurioserweise hat die österreichische Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann
       dieses Jahr – ebenfalls inspiriert von Kapuścińskis Buch über den letzten
       äthiopischen Kaiser, Haile Selassie – einen Film mit demselben Titel auf
       der Berlinale vorgestellt.
       
       ## Das Gold unterm dem Wachs
       
       „Wachs und Gold“, auf Amharisch „Sem ena Werq“, ist nämlich eine aus der
       Goldschmiedekunst abgeleitete Metapher für jene Doppelbödigkeit, die als
       zentral für die äthiopische Kultur gilt: zwischen den Zeilen lesen, unter
       die Oberfläche schauen, unter weichem Wachs das wertvolle Metall freilegen.
       
       Für Bessings Alter Ego beginnt die Kunst des Dechiffrierens im ältesten
       Hotel des Landes, das er, weil Dauerregenzeit, zunächst kaum verlässt.
       Obendrein stirbt Ministerpräsident Meles Zenawi, und das Land erstarrt in
       Trauer. Erst nach einigen Wochen unternimmt er Spaziergänge und
       Shoppingtouren, schließlich auch Reisen ins Umland und zum krönenden
       Abschluss auf den ausgetrockneten Meeresboden der Wüste Danakil.
       
       Das seinem Namen kaum entsprechende Palasthotel ist also der erste
       Mikrokosmos, auf den der personale Erzähler sich einen Reim zu machen
       versucht: seien es die je nach Aufgabe farblich verschieden gekleideten
       Angestellten („Zunftkleider“), sei es die ihm willkürlich erscheinende
       Anordnung von Mobiliar, seien es andere Expats, in deren Gesellschaft er
       bald schon „St. George“-Bier und Honigwein frönt.
       
       An die Dauergäste docken wiederum lokale Kräfte wie Sprachlehrer oder der
       gutgelaunte „Fuhrunternehmer“ Adimasu mit den spitz gefeilten Eckzähnen an,
       der später seine Reisen in verschiedene Ecken des Landes organisiert.
       
       ## Kosmopolit und Romantiker
       
       Darin inszeniert der Autor sein Alter Ego nicht ohne Ironie als
       kosmopolitischen Schwärmer und naiven Romantiker, der sich wortreich an die
       gar nicht mal so schillernde Umgebung heranschreibt. Noch [3][die kleinste
       Alltäglichkeit] wird ihm zum Anlass origineller Formulierungen – den
       Weizenkornsnack Kolo nennt er „autochthone Knabberei“, die Stadt Harar ist
       „das Bordeaux des Kath“.
       
       Oder für selbst auf die Schippe genommenen Schlaumeierhumor: Eine Begegnung
       mit dem Regisseur des Videos zu Teddy Afros Sommerhit „Tikur Sew“, der 2012
       die legendäre Schlacht bei Adua 1895 (!) besang, in der die Äthiopier die
       Italiener schlugen, kommentiert er lakonisch: „Fragen à la: Könnte ein Lied
       über den Westfälischen Frieden zum Sommerhit auch in deinem Land werden,
       verboten sich von selbst in Anbetracht des heiligen Ernstes, mit dem
       Tamirat sein Konzept für die Dreharbeiten […] erläuterte.“
       
       In den elegant umständlichen Beschreibungen der Stadttopografie wie auch in
       all den Abschweifungen vom Hölzchen aufs Stöckchen verliert die Leserin
       schon mal den Faden. Dabei sind sie wohlrecherchiert und vermessen
       letztlich doch recht systematisch seine Eindrücke. Begegnungen mit Menschen
       vor Ort gestalten sich extrem hermetisch, wie die abrupte Sexofferte der
       Hotelbarista Meklit, vor der er die Flucht ergreift – aus Angst, sich zu
       verlieben.
       
       ## Psychopingpong mit Antiquitätenhändler
       
       Und die ihn doch lehrt, „dass es hier, an diesem Ort, bei aller
       Belanglosigkeit und seiner Langeweile auch einen Abgrund gab“. Oder sie
       führen zum Psychopingpong von antizipiertem Angebot und Nachfrage mit dem
       Antiquitätenhändler Saudi, dem er eine Murmel für 200 Dollar abkauft.
       
       Seinen Bettüberwurf teilt er mit einer Katze, deren plötzlicher Tod ihn so
       hart trifft wie der Verlust einer Geliebten – Grund für eingehende
       Reflexionen zu Mensch-Tier-Partnerschaften, die indirekt auf eine
       Leerstelle verweisen: Sind in der Enklave des Hotels vor dem Hintergrund
       von Geschichte und extremer ökonomischer Ungleichheit überhaupt
       Partnerschaften denkbar?
       
       Obwohl Bessings Alter Ego sich irgendwann „einen äthiopischer gewordenen
       Blick“ attestiert, gerät diese neue Sicherheit außerhalb der Hauptstadt
       wieder ins Wanken. Insbesondere seine letzte Reise zu den Afar, einem
       Nomadenvolk, das infolge der kolonialen Aufteilungen des Kontinents
       ziemlich unter die Räder gekommen ist und nun in der Wüste Danakil, der
       heißesten Senke des Planeten, Salz abbaut, wird zu seinem „Herz der
       Finsternis“-Moment.
       
       ## Vulkangas und Senfgas
       
       Bei 50 Grad besteigt er den Vulkan Erta Ale, atmet am Rand seines glühenden
       Schlundes giftige Gase ein und erinnert dabei an die italienischen
       Faschisten, die 1936 Hunderttausende Äthiopier mit deutschem Senfgas
       töteten.
       
       Nach dem Abstieg und einer Ohnmacht singt er ein italienisches
       Partisanenlied: so lächerlich wie seine hysterische Aufforderung an einen
       bewaffneten Nomaden, ihn doch zu erschießen. Sieht so das vom Wachs
       befreite Schuldgefühl aus? Auch wenn schließlich alle lachen, ist dies das
       denkbar harte Ende eines scheinbar heiteren Versuchs, schreibend zu
       verstehen – im besten Falle sich selbst.
       
       6 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Parlamentswahlen-in-Aethiopien/!6182971
 (DIR) [2] /Kleinbauern-in-Aethiopien/!6147472
 (DIR) [3] /Kulturszene-in-Aethiopiens-Addis-Abeba/!6141726
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eva Behrendt
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Literatur
 (DIR) Addis Abeba
 (DIR) Ostafrika
 (DIR) Reisen
 (DIR) Expats
 (DIR) Alltagskultur
 (DIR) Postkolonialismus
 (DIR) Kulturszene
 (DIR) Musik
 (DIR) Jazz
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kulturszene in Äthiopiens Addis Abeba: Im Museum fließt der Honigwein
       
       Theater mit Kaiserloge, Privatmuseen, Liveclubs: Ein Streifzug durch die
       vielfältige Kulturszene der ostafrikanischen Metropole Addis Abeba.
       
 (DIR) Band aus Kenia darf nicht einreisen: Unter Generalverdacht
       
       Die Blackmetalband Chovu aus Kenia musste ihre Europatour absagen, weil die
       Deutsche Botschaft ihre Visaanträge ablehnte. Die Kulturszene kennt das
       Problem.
       
 (DIR) Mulatu Astatke: Ein Dorf, aus dem Erfahrung und Weisheit kommt
       
       Mulatu Astatke ist das Mastermind des Ethio-Jazz. Jetzt geht der inzwischen
       81-jährige mit neuem Album auf Abschiedstournee in Europa.