# taz.de -- Studierende über Bafög-Reform: „Bei uns überwiegt die Frustration“
       
       > Union und SPD haben ihren Bafög-Streit beigelegt, die Reform kommt. Warum
       > Studierendenvertreterin Katharina Rummenhöller trotzdem nicht happy ist.
       
 (IMG) Bild: Die Freude am Lernen oder zumindest das, was davon nach der Bafög-Reform übrig ist
       
       taz: Frau Rummenhöller, was überwiegt bei Ihnen: die Erleichterung, dass
       sich die Bundesregierung [1][nach monatelangem Streit] auf eine
       Finanzierung der Bafög-Reform einigen konnte – oder die Wut, dass die Nöte
       von Studierenden bei Union und SPD offenbar keine Priorität haben?
       
       Katharina Rummenhöller: Natürlich freut uns die Nachricht, dass jetzt die
       Finanzierung für die Bafög-Reform stehen soll. Trotzdem überwiegt bei uns
       die Frustration über das mangelnde Engagement der Bundesregierung, sich um
       die Belange von Studierenden zu kümmern. Wir erwarten, dass Union und SPD
       zügig einen belastbaren Gesetzesentwurf vorlegen und in das
       parlamentarische Verfahren geben, damit die Bafög-Versprechen wie geplant
       zum Wintersemester greifen.
       
       taz: Stimmen Bundestag und Bundesrat der Reform zu, erhöht sich zum Herbst
       die Wohnkostenpauschale von 380 auf 440 Euro. Ein WG-Zimmer [2][kostet
       aktuell im Schnitt aber bereits 512 Euro]. Wie zufrieden sind Sie mit
       dieser Aufstockung? 
       
       Rummenhöller: Die Aufstockung kommt zu spät und sie reicht vor allem nicht
       aus. In Großstädten wie Köln oder München kann man für 440 Euro jedenfalls
       kein WG-Zimmer mehr finden. Da liegen die Preise jetzt schon bei 650
       beziehungsweise 800 Euro. Bis zum Start des Wintersemesters dürften die
       Mieten ja auch noch weiter steigen. Wir hätten uns gewünscht, dass sich die
       Wohnkostenpauschale nach dem tatsächlichen Mietniveau vor Ort berechnet und
       künftig regelmäßig miterhöht – so wie das jetzt für die Bafög-Bedarfssätze
       geplant ist.
       
       taz: Eine solche Dynamisierung der Bafögsätze fordern Sie und andere
       Studierendenverbände schon lange. Union und SPD führen sie nun ein. Ist das
       ein Gamechanger?
       
       Rummenhöller: Die Dynamisierung der Bedarfssätze begrüßen wir auf jeden
       Fall sehr. Wir hätten uns aber gewünscht, dass das auch für die
       Wohnkostenpauschale gilt. Dann müsste man nicht alle paar Jahre, wenn eine
       Bafög-Novelle ansteht, eine neue Zahl erkämpfen, die dann wieder viel zu
       spät kommt.
       
       taz: Für die exorbitant steigenden Mieten scheint sich die Bundesregierung
       nicht sonderlich zu interessieren. In der Vergangenheit empfahl sie
       Studierenden schon mal, fürs Studium einfach in günstigere Unistädte zu
       gehen … 
       
       Rummenhöller: Mit dieser Haltung macht man das Studium wieder zur sozialen
       Frage. Die Wahl des Studienplatzortes sollte nicht davon abhängig sein, ob
       man sich in der Stadt ein Zimmer leisten kann oder nicht. Das ist aber der
       Fall, wenn man einen Studiengang machen möchte, den es vielleicht nur in
       Hamburg oder einer anderen teuren Metropole gibt, aber man sich das dort
       gar nicht leisten kann. Die Konsequenz daraus darf aber nicht sein, dass
       man dann einen anderen Studiengang wählen muss.
       
       taz: Eine höhere Wohnkostenpauschale wäre eine Verbesserung, sie käme
       allerdings [3][nur den wenigen Bafög-Empfänger:innen] zugute. Was sollte
       die Bundesregierung noch für bezahlbaren Wohnraum machen? 
       
       Rummenhöller: Es stimmt, mit einer höheren Wohnkostenpauschale allein ist
       es natürlich nicht getan. Grundsätzlich finden wir es fragwürdig, dass
       große Konzerne so von steigenden Mieten profitieren. Die Bundesregierung
       sollte hier stärker regulieren. Darüber hinaus brauchen wir mehr günstige
       Studierendenwohnheime. Aktuell bieten die nur für rund zehn Prozent der
       Studierenden Platz. Ein Vorteil der Wohnheime ist neben der oft deutlich
       günstigeren Miete, dass Studierende keine Nebenkosten bezahlen müssen. Sie
       müssen auch nicht mit hohen Nachzahlungen für Strom und Gas rechnen. Diese
       Kostensicherheit fehlt den meisten Studierenden.
       
       taz: Die aktuelle Lage mit den steigenden Strom- und Gaspreisen erinnert an
       die Zeit nach der russischen Invasion in die Ukraine. Damals hat die
       Ampelregierung [4][Studierenden mit einer Einmalzahlung] unter die Arme
       gegriffen. Erwarten Sie so etwas auch von der Groko? 
       
       Rummenhöller: Wir sind nicht gegen punktuelle Hilfen. Das Problem ist aber:
       Einmalzahlungen lösen kein strukturelles Problem. Das aber haben wir.
       Studierende haben meist kein geregeltes Einkommen, viele leben unterhalb
       der Armutsgrenze. Bei Studierenden, die nicht zu Hause wohnen, sind fast
       zwei Drittel von Armut bedroht. Diese Zahlen machen uns große Sorgen.
       
       taz: Zum Ende der Legislatur steigt der Bafög-Höchstsatz inklusive
       Wohnpauschale auf über 1.100 Euro. Reicht das, um davon leben zu können? 
       
       Rummenhöller: Ich würde sagen, die höheren Sätze werden es dann ein
       bisschen einfacher machen. Zum Leben wird das Bafög auch dann nicht
       reichen. Dafür bräuchte es einen Höchstsatz, der sich an der
       Armutsgefährdungsgrenze orientiert. Aktuell liegt die Grenze bei etwas mehr
       als 1.400 Euro. Das entspricht nach meiner Erfahrung in etwa dem, was
       Studierende so im Monat mindestens benötigen.
       
       taz: Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts zeigt, dass 70 Prozent
       der Bafög-Berechtigten keinen Antrag auf Bafög stellen. Wie erklären Sie
       sich das?
       
       Rummenhöller: Das Bafög hat einfach keinen guten Ruf. Für viele lohnt sich
       der bürokratische Aufwand nicht, weil ja nicht alle den Höchstsatz
       bekommen. In unserer Wahrnehmung sind aber die langen Wartezeiten das
       Hauptproblem. In Thüringen beispielsweise liegt die bei mindestens sechs
       Monaten – bei einem vollständig eingereichten Antrag. Ich kenne Studierende
       aus Thüringen, die haben sogar vier Semester warten müssen, weil das
       Bafög-Amt so überlastet ist. Das schreckt natürlich ab. In der Wartezeit
       kommen die meisten natürlich nicht wirklich zum Studieren, weil man ja
       arbeiten oder Schulden aufnehmen muss, bis das Bafög bewilligt wird. Das
       ist ein Teufelskreis.
       
       taz: Das Studierendenwerk fordert, dass der Bafögantrag nur mehr einmal pro
       Studium gestellt werden muss. Könnte das helfen?
       
       Rummenhöller: Definitiv. Studierende sollten nicht jedes Jahr aufs Neue
       nachweisen müssen, dass beispielsweise ein Elternteil tatsächlich
       verstorben ist. Das ergibt doch keinen Sinn. Stattdessen sollte es einen
       Antrag geben, in dem Studierenden mitteilen können, ob sich etwas geändert
       hat. Das wäre für alle Beteiligten deutlich weniger Arbeit und dürfte die
       Antragsflut in den Bafög-Ämtern vermeiden.
       
       taz: Was müsste sich noch ändern, dass das Bafög wieder attraktiver wird?
       
       Rummenhöller: Das Bafög muss endlich elternunabhängig gezahlt werden. Wir
       hören von vielen Studierenden, dass sie kein Bafög beantragen können, weil
       ihre Eltern Daten wie Einkommensnachweise nicht rausrücken. Die Kinder
       müssen also ihre Eltern verklagen, um Bafög beantragen zu können. Eine
       zweite wichtige Änderung wäre aus unserer Sicht, dass das Bafög wieder zum
       Vollzuschuss zurückkehrt. Dass man nach dem Studium die Hälfte des Bafögs
       zurückzahlen muss, schreckt viele ab. Ohne solche Verschuldungsängste
       würden bestimmt auch wieder mehr Menschen Bafög beantragen.
       
       13 May 2026
       
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