# taz.de -- Ungerechtes Schulsystem: No future für die Bildung
> Am kommenden Dienstag wird der Chancenmonitor vorgestellt. Politische
> Sonntagsreden sind zu erwarten. Gleichzeitig wird massiv an der Bildung
> gespart.
(IMG) Bild: Bildungschancen? Bitte mit dem Mikropskop suchen!
Kommende Woche ist es mal wieder so weit. Dann werden unsere
Politiker:innen wieder hübsche Sonntagsreden schwingen, in denen sie die
Bedeutung von Bildung für unsere Gesellschaft hervorheben. Sie werden
Erklärungen finden, warum unser Schulsystem trotz aller Mühen [1][eines der
ungerechtesten] in ganz Europa ist. Und zähneknirschend bedauern, dass das
Aufstiegsversprechen in diesem Land leider immer noch nicht eingelöst
wurde. Sie werden ihre wortfeilen Sätze aufsagen – wahrscheinlich ohne zu
kapieren, wie kurzsichtig sie selbst agieren.
Anlass für das bevorstehende Ritual ist der „Chancenmonitor“. Am Dienstag
stellt das Münchner Ifo-Institut seine Ergebnisse vor. Um einen
Vorgeschmack zu bekommen: Die letzte solche Erhebung zeigte, dass sich die
Chancenungleichheit in den vergangenen zehn Jahren kein My verbessert hat.
Nach wie vor entscheiden Einkommen und Bildungsgrad der Eltern, ob man sehr
gute oder eben sehr schlechte Chancen hat, es auf ein Gymnasium zu
schaffen. Zuletzt machten nur 31 von 100 Kindern aus sozial benachteiligten
Familien Abitur oder Fachabi – bei Kindern aus besser gestellten
Elternhäusern waren es 79. So ähnlich dürften die Zahlen auch am Dienstag
aussehen. Alles andere wäre eine faustdicke Überraschung.
Dass die wohl ausbleiben wird, liegt auch an vergangenen und aktuellen
Sparorgien. Egal ob Kommunen, Länder oder Bund – wenn gespart werden muss,
müssen Sozial- und Bildungsprogramme oft als erstes dran glauben. Beispiel
gefällig? In Sachsen hat binnen zwei Jahren mehr als jeder zweite Landkreis
Stellen in der [2][Schulsozialarbeit] gekürzt oder ganz gestrichen. Mehrere
Länder – darunter Sachsen und Berlin – haben die Schulbudgets und ähnliche
Programme runtergekürzt, über die Klassenfahrten, Sportkurse oder Workshops
bezahlt werden. Hessen hat soeben hunderte Lehrerstellen an Gesamt– und
Integrierten Sekundarschulen gestrichen. Also an jenen Schulen, die ohnehin
mit einem erhöhten Stundenausfall zu kämpfen haben. Die Liste ließe sich
beliebig fortführen.
Wie weit auch der Bund gehen würde, zeigt das [3][vom Kanzleramt
beauftragte Papier] zu Kürzungsideen, die Kinder, Jugendliche und Menschen
mit Behinderung hart treffen würden – zum Beispiel bei der inklusiven
Schulbegleitung. Für vulnerable Gruppen scheint sich die Bundesregierung
ohnehin nicht sonderlich zu interessieren. Siehe [4][das Hin und Her beim
Bafög]. Seit Monaten streiten Union und SPD darüber, aus welchem Etat die
versprochenen (und überfälligen) Erhöhungen kommen sollen. Es sagt
eigentlich alles, dass die Koalition für einen zweimonatigen Tankrabatt mal
eben mehr Kohle in die Hand nimmt, als sämtliche Bafög-Versprechen in der
gesamten Legislatur kosten würden. Diese Prioritätensetzung ist ein
Armutszeugnis.
## Angebote für junge Menschen? Bringt mir ja nichts!
Dazu passt, dass Deutschland mit seinen Bildungsausgaben – gemessen am
Bruttoinlandsprodukt – EU-weites Schlusslicht ist. Man muss sich ernsthaft
fragen, ob eigentlich irgendjemand noch Bildungsforscher:innen zuhört. Seit
Jahren betonen die: Jeder Euro, der in Bildung gesteckt wird, zahlt sich
doppelt und dreifach aus. Nach einer aktuellen Modellrechnung könnte
Deutschland mit gezielten Investitionen in Kitas und Schulen in 50 Jahren
6,7 Billionen Euro zusätzlich einnehmen – mehr als das Zehnfache des
aktuellen Bundeshaushalts.
Das Problem – Sie ahnen es – ist die langfristige Perspektive. Zu der
scheinen Politiker:innen, die ohnehin [5][lieber die für Wahlen relevanten
älteren Semester] umgarnen, einfach nicht bereit. Nach dem Motto: Angebote
für junge Menschen, Investitionen in deren Zukunft? Bringt mir ja nichts.
Der renommierte Kieler Bildungsforscher Olaf Köller hat die Lage kürzlich
so zusammengefasst: „Jede Kürzung im Bildungsbereich führt nur zu
langfristig weiteren wirtschaftlichen Problemen in Deutschland.“ Er
schätzt, dass aktuell 25 bis 30 Prozent der Jugendlichen kaum eine Chance
auf eine Ausbildung haben, so abgehängt sind sie. Dass die Quote so hoch
ist, liegt auch an der frühen Aufteilung in Gymnasien und andere
Schulformen. Auch das ist lange bekannt.
Doch an das Thema wagt sich niemand mehr ran, seitdem Hamburg 2010 mit
seinem Reformeifer den Widerstand des bürgerlichen Lagers provozierte, das
im längeren gemeinsamen Lernen offenbar eine Zumutung für die eigenen
Kinder sieht. Dann also lieber Prekaritätsverwaltung als gleiche
Bildungschancen für alle.
Den einzigen bildungspolitischen Lichtblick hat die GroKo übrigens von der
Ampel geerbt. [6][Dank des „Startchancenprogramms“] erhalten bundesweit
4.000 Brennpunktschulen zusätzliche Ressourcen. Allerdings gibt es auch
hier einen Wermutstropfen: Manche Länder freuen sich über die Bundesgelder
– und fahren nun ihre eigenen Programme runter.
Mit dieser Halbherzigkeit dürfte es schwer werden mit der
Chancengleichheit. Am Dienstag wissen wir immerhin, wo wir stehen. Ich bin
schon gespannt auf die unglaubwürdigen Sonntagsreden.
26 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ralf Pauli
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