# taz.de -- Weltkriegsgedenken in Russland: Siegesparade und Drohgebärden
       
       > Der Aufzug am 9. Mai in Moskau wird bescheiden ausfallen. Die Ukraine
       > greift das russische Hinterland an, der Kreml droht mit Schlägen gegen
       > Kyjiw.
       
 (IMG) Bild: Militärfahrzeuge schützen die Vorbereitungen der Militärparade zum 9. Mai in Moskau
       
       Raketenalarm im Ural? Zivile Tote nach einer ukrainischen Drohnenattacke im
       über 700 Kilometer östlich von der russischen Hauptstadt Moskau gelegenen
       Tschuwaschien? Wie sich Krieg weit weg von den Frontlinien im vermeintlich
       sicheren Hinterland anfühlt, bekommen im Vorfeld des „Tag des Sieges“ immer
       mehr Menschen in Russland zu spüren. In den Tagen und Wochen vor dem 9. Mai
       setzt das ukrainische Militär darauf, Russlands Energiesektor und die
       Rüstungsindustrie zu schwächen. Mit eklatanten Folgen.
       
       In der Nacht auf den 4. Mai schlug eine Drohne in einem nur wenige
       Kilometer vom Kreml entfernten Hochhaus ein, unweit der deutschen
       Botschaft. Zuvor traf es ein Wohnhaus im Zentrum von Jekaterinburg. Weitere
       Angriffsziele waren Ölraffinerien und Ölreservoire in Tuapse am Schwarzen
       Meer, in Perm, Orsk.
       
       Zerstörungen auch in den Verladehäfen in Ust-Luga und Primorsk an der
       Ostsee und im südöstlich von Sankt Petersburg gelegenen Kirischi.
       Tscheboksary, knapp 160 Kilometer westlich von Kasan, erlebte am Morgen des
       5. Mai die heftigste Attacke seit Beginn der russischen Vollinvasion. Dort
       befindet sich ein Betrieb, der Steuerungselemente für Drohnen herstellt –
       ein legitimes Ziel. Allerdings wurden auch Wohnhäuser getroffen. Zwei
       Menschen starben und Dutzende wurden verletzt.
       
       Das sei reiner „Terror“, befand Präsident Wladimir Putin bereits Ende April
       auf einer Sitzung, bei der es um die Gewährleistung der Sicherheit bei den
       im September anstehenden Dumawahlen ging. Wenn sich jemand damit auskennt,
       dann er. Denn was das russische Militär auf seinen Befehl in der Ukraine
       seit Jahren betreibt, ist nichts anderes als blanker Terror.
       
       ## Überflüssige Aufforderung
       
       Kürzlich ging ein Video viral, auf dem einige Frauen in Samara sich darüber
       beschweren, dass ihnen keine Schutzräume zur Verfügung stünden: „Gehen Sie,
       Herr Putin, doch selber in den Keller!“ Diese Aufforderung war überflüssig,
       denn Putin verfügt über etliche Bunker, in denen er sich zunehmend
       zurückzieht.
       
       So zumindest lautet die Einschätzung westlicher Geheimdienste. Selbst
       Aufenthalte in seinen Residenzen bei Moskau und im Waldai scheinen nicht
       mehr sicher genug. Aber auch ohne spezielle Quellen lässt sich deutlich
       nachverfolgen, dass Putin die Öffentlichkeit zunehmend meidet.
       
       Das Fernsehpublikum bekommt im Voraus produzierte Aufnahmen zu sehen.
       [1][Am 9. Mai muss der Oberbefehlshaber über eine alles andere als
       siegreiche Armee auf dem Roten Platz jedoch Gesicht zeigen]. Das ist ein
       reales Sicherheitsproblem, aber nicht nur. Als toxischer Gastgeber wird er
       auf der Bühne nur umgeben sein von den üblichen Verdächtigen.
       
       Sich angekündigt haben der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko,
       einige weitere Staatschefs ehemaliger sowjetischer Republiken und der
       slowakische Ministerpräsident Robert Fico, der jedoch nicht an der
       Militärparade teilnehmen wird. [2][Erstmals seit 19 Jahren wird an den
       Gästen auch kein bedrohliches Waffenarsenal vorbeiziehen.]
       
       Am Mittwoch forderte das russische Außenministerium alle Staaten dazu auf,
       ihre Botschaften aus der ukrainischen Hauptstadt zu evakuieren – „aufgrund
       der Unvermeidlichkeit eines Schlages der russischen Streitkräfte gegen
       Kyjiw und Entscheidungszentren, sollten die ukrainischen Streitkräfte am 9.
       Mai Moskau angreifen“.
       
       ## Drohne auf dem Weg ins Herz Moskaus
       
       Nicht auszudenken, was geschähe, wenn die Moskauer Luftabwehr, deren
       Führung Putin nach dem jüngsten Einschlag in einem Wohnhaus wohlweislich
       austauschen ließ, ausgerechnet während der Parade eine Drohne auf dem Weg
       ins Herz der russischen Macht übersehen könnte.
       
       Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gab zu verstehen, dass ein
       Angriff durchaus denkbar wäre. Prompt folgte aus dem russischen
       Verteidigungsministerium die Ansage, dass anlässlich der
       Siegesfeierlichkeiten für den 8. und 9. Mai eine Waffenruhe gelten solle.
       
       Selenskyj setzte noch eins drauf und verkündete, die Waffen bereits ab null
       Uhr in der Nacht auf Mittwoch schweigen zu lassen. In Russland blieb es
       weitgehend ruhig. In Dschankoj, im Norden der besetzten Krim, kamen nach
       Angaben der russischen Verwaltung fünf Menschen ums Leben.
       
       Die russischen Streitkräfte schossen ihrerseits unbeirrt weiter. Betroffen
       waren unter anderem Charkiw und Saporischschja. Ob Putin sich darauf
       verlassen kann, seine abgespeckte Siegesparade in Ruhe abzuhalten, bleibt
       fraglich. Der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha jedenfalls sieht den
       erklärten Waffenstillstand aufgrund des russischen Raketenbeschusses
       gebrochen. Putin, so Sybiha, interessiere sich nur für Militärparaden,
       nicht für Menschenleben.
       
       ## Oberste Führungsetage in Alarmbereitschaft
       
       Und für seinen Machterhalt möchte man hinzufügen. Rein äußerlich betrachtet
       deutet wenig darauf hin, dass dieser ernsthaft gefährdet ist. Westliche
       Geheimdienste hingegen wollen Anzeichen für eine erhöhte Alarmbereitschaft
       in Russlands oberster Führungsetage erkannt haben bis hin zu einer
       Putschgefahr.
       
       Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen um Putin und Reibereien zwischen
       Generalstabschef Waleri Gerassimow, dem Leiter des Inlandsgeheimdienstes
       FSB Alexander Bortnikow und dem Direktor der Nationalgarde Wiktor Solotow
       seien Indizien dafür.
       
       Als Kandidat dafür kommt angeblich Sergei Schoigu infrage, der als treuer
       Putin-Freund galt und sich über Jahrzehnte im Apparat hochgedient hatte,
       bis er 2024 seinen Posten als Verteidigungsminister verlor. Seither läuft
       wegen Korruption eine beispiellose Verhaftungswelle gegen Schoigus
       hochrangige Mitstreiter aus dem Ministerium.
       
       Nun liegt es in der Natur der Sache, dass sich jene Herren gegenseitig die
       Schuld für offensichtliche Defizite in die Schuhe schieben. Zu groß sind
       Schäden und Verluste, zu stark die Einschränkungen, die auch die russische
       Zivilbevölkerung immer härter treffen und die auf wenig Begeisterung
       stoßen. Das gilt vor allem für die aktuelle Blockade des mobilen Internets
       in Moskau und anderen Städten. Logisch ist auch, dass Putins Paranoia
       zunimmt, wo es für ihn nur noch ein blindes Voran gibt und kein Zurück.
       
       8 May 2026
       
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