# taz.de -- Tag der Befreiung in Russland: Feiern, aber vorsichtig
       
       > Der „Tag des Sieges“ fällt in Moskau bescheiden aus, das Gedenken selbst
       > steht im Hintergrund. Dafür bringt Putin einen alten Freund ins Spiel.
       
 (IMG) Bild: Sicherheitszone: Militärparade ohne schweres Gerät am Roten Platz
       
       US-Präsident Donald Trump sei Dank! Bis zum Vorabend des 9. Mai stand der
       reibungslose Ablauf der Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau auf der
       Kippe. Denn der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wollte zunächst
       nicht ausschließen, Drohnen auf die Parade abzufeuern, was bei Moskaus
       Führung zu sichtbarer Nervosität geführt hatte.
       
       Unter Trumps Vermittlung einigten sich Moskau und Kyjiw schließlich
       kurzfristig auf eine dreitägige Waffenruhe vom 9. bis 11. Mai. Auf seiner
       Online-Plattform Truth Social erläuterte Trump, dies stehe in Verbindung
       mit dem Tag des Sieges. Der werde nicht nur in Russland gefeiert, sondern
       auch in der Ukraine, die schließlich auch einen entscheidenden Beitrag im
       Zweiten Weltkrieg geleistet habe. Vereinbart wurde zudem ein weiterer
       Austausch von je 1.000 Kriegsgefangenen. Am Sonntag jedoch warfen sich
       beide Länder gegenseitig bereits den Bruch der Waffenruhe vor.
       
       Selenskyj erlaubte sich einen scherzhaften Seitenhieb gegen den
       Aggressorstaat Russland. In einem gesonderten Erlass erklärte er, dass er
       aus „humanitären Gründen“ beschlossen habe, „die Durchführung einer Parade
       in Moskau am 9. Mai 2026 zu genehmigen“. Man habe es nicht nötig, eine
       Erlaubnis für eine Parade in Moskau einzuholen, reagierte Kremlsprecher
       Dmitri Peskow verschnupft.
       
       Am Abend des 9. Mai erklärte Putin vor Journalisten, der Krieg gegen die
       Ukraine nähere sich dem Ende. Die Siegesparade sei nur deshalb ohne
       Kriegsgerät abgehalten worden, weil sich das Militär auf die endgültige
       Zerschlagung des Feindes konzentrieren müsse. Solche Töne kennt man zur
       Genüge, neu hingegen ist Putins Vorschlag, [1][Ex-Bundeskanzler Gerhard
       Schröder als Vermittler] zwischen Russland und den europäischen Ländern
       einzusetzen. Dieser werde sich dazu nicht äußern, erklärte sein Büro.
       Schröder steht seit Langem als [2][Gaslobbyist und Putinfreund] in der
       Kritik. Auch die deutsche Bundesregierung wies den Vorschlag bereits als
       „Scheinangebot“ zurück.
       
       ## Die Allgegenwart des Ukrainekriegs
       
       Mit Selenskyj sei Putin im Übrigen bereit, sich auch in einem Drittland zu
       treffen, allerdings nur zu einer Vertragsunterzeichnung. Gemeint war wohl
       Kyjiws Kapitulation. Von der Bereitschaft zu einem Kompromiss war
       jedenfalls nichts zu hören.
       
       Bei der Siegesparade selbst gab es dann eine neue Sitzordnung auf der
       Tribüne. Erstmals durfte direkt neben Putin mit Leonid Ryschow ein Kämpfer
       in Russlands Krieg gegen die Ukraine Platz nehmen. Auf der anderen Seite
       saß ein Veteran des Zweiten Weltkriegs, neben ihm [3][der belarussische
       Machthaber Alexander Lukaschenko]. Der Einladung gefolgt waren
       Staatsoberhäupter aus den ehemaligen Sowjetrepubliken und Malaysias König
       Sultan Ibrahim.
       
       Gerade mal eine Dreiviertelstunde lang dauerte die Veranstaltung, die ohne
       schweres Kriegsgerät abgehalten wurde, dafür unter Beteiligung befreundeter
       Militärs aus Nordkorea. Per Bildschirm wurden Szenen von der ukrainischen
       Front gezeigt. Bei seiner Rede betonte Putin, die Heldentaten der
       Siegergeneration inspirierten auch die Teilnehmer an der
       „Spezialoperation“. Eine kurze Show der Fliegerstaffel bildete den
       krönenden Abschluss.
       
       Die Sicherheitsvorkehrungen bei den diesjährigen Veranstaltungen zum Tag
       des Sieges waren beispiellos – nicht nur in Moskau, wo das Internet teils
       komplett blockiert worden war. Der traditionelle Aufmarsch des
       „Unsterblichen Regiments“, bei dem Menschen mit Porträts ihrer am Zweiten
       Weltkrieg beteiligten Angehörigen auf die Straße gehen, wurde in Moskau nur
       virtuell abgehalten.
       
       ## Protest der Überlebenden
       
       In Sankt Petersburg lag die Teilnehmerzahl bei der genehmigten
       Demonstration bei über 100.000. In weit über einem Dutzend Regionen fielen
       geplante Siegesparaden komplett aus. Wo sie dennoch stattfanden, war der
       gegen die Ukraine geführte Krieg allgegenwärtig. So bildeten Frauen und
       Mütter von Kämpfern in Tschita erstmals eine eigene Kolonne.
       
       Proteste blieben aus, mit einer Ausnahme. In St. Petersburg hatte sich die
       85-jährige Überlebende der Leningrader Blockade Ludmila Wasiljewa mit einem
       Plakat auf die Straße gestellt. „Vertuscht eure Verbrechen nicht mit dem
       Sieg des Volkes“, stand darauf geschrieben. Die Polizei nahm Wasiljewa zwar
       mit auf die Wache, beließ es jedoch bei einer mündlichen Verwarnung.
       
       10 May 2026
       
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