# taz.de -- Gedenktag in der Ukraine: Parade in Moskau, Wracks in Kyjiw
> Die Menschen haben Angst vor Beschuss und trauern um ihre Angehörigen.
> Wie Kyjiw den Jahrestag des Weltkriegsendes begeht.
(IMG) Bild: Eine ausgestellte russische Shahed-Drohne in Kyjiw, 6. Mai 2026
Während [1][Moskau] bei der Parade am 9. Mai deutlich weniger schweres
Militärgerät auffährt als sonst, stehen im Zentrum von Kyjiw ausgebrannte
russische Panzer. Die Ausstellung mit den zerstörten russischen
Militärfahrzeugen wurde bereits zu Beginn des russischen Großangriffs auf
dem Michael-Platz in Kyjiw neben dem großen, gleichnamigen Kloster
aufgebaut.
Kurz vor dem Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs wurde die Schau um
abgeschossene russische Kamikazedrohnen erweitert. Die Ingenieurin Iryna
Bakijewa bleibt genau vor einer solchen stehen – einer großen schwarzen
Geran-2-Drohne. „Genau so eine Drohne hat erst kürzlich mein Nachbarhaus
getroffen“, erzählt die 52-jährige Kyjiwerin, deren Mann in den
ukrainischen Streitkräften in der Ostukraine kämpft.
Am 8. Mai begeht die Ukraine offiziell das Ende des Zweiten Weltkriegs,
doch Iryna hat ihre eigenen Rituale. Genau um 9 Uhr hält sie auf dem Weg
zur Arbeit für die landesweite Schweigeminute an, um der Opfer des
[2][aktuellen Krieges] zu gedenken.
„Der 8. Mai ist ein Tag der Trauer und des Schmerzes, kein Tag für Feiern
und Paraden. Es ist ein Tag wie alle anderen seit Beginn dieses Krieges“,
sagt Iryna. Auch an diesem Tag werde sie um 9 Uhr eine Schweigeminute
einlegen, werde sich genauso um ihren Mann an der Front sorgen und auf den
nächsten russischen Beschuss warten. „Die Erinnerung an den Zweiten
Weltkrieg verblasst, während wir an der Schwelle zum dritten Weltkrieg
stehen“, sagt die Frau, die einen massiven russischen Angriff auf Kyjiw am
Wochenende befürchtet.
## Eine Waffenruhe für weniger als einen Tag
Die Ukraine hatte ab Mitternacht des 6. Mai eine Waffenruhe verkündet,
quasi als Replik auf die Erklärungen der Russischen Föderation über einen
Waffenstillstand bis zum 9. Mai. Doch bereits am Abend des 6. Mai erklärte
der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf seinen offiziellen
[3][Social-Media-Konten, dass Russland die Waffenruhe verletzt habe.]
„Für die Russen ist der Zweite Weltkrieg das einzige positive Ereignis in
ihrer Geschichte, deshalb wird diese Erinnerung daran schon in der Schule
gepflegt – es ist die Grundlage ihrer Propaganda“, sagt Iryna. Die Ukraine
hingegen sei ein demokratisches Land. „Wir waren vor der Invasion nicht auf
militärische Ziele ausgerichtet, daher ist für uns jeder Krieg ein Grund
zur Trauer und kein Anlass zur Freude“, meint sie und macht ein Foto des
verbrannten Triebwerks einer russischen ballistischen Rakete, auf das
jemand mit einem Filzstift „FCK PTN“ geschrieben hat.
Neben den ausgebrannten Fahrzeugen ist im Zentrum der ukrainischen
Hauptstadt auch eine Fotoausstellung zu sehen, in der Aufnahmen des
zerstörten Mariupols denen des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Warschaus
gegenübergestellt werden. Die getöteten Zivilisten auf den Fotos, zwischen
denen mehr als achtzig Jahre liegen, sehen fast gleich aus.
„Früher hat meine Familie diesen Tag gefeiert. Wir waren im Park des
Sieges, wo die offiziellen Veranstaltungen zum Tag des Sieges stattfanden“,
erzählt Kostjantyn Hotsjaniwskyj, Angestellter im ukrainischen
Außenministerium. „Aber jetzt ist es seltsam, an den Zweiten Weltkrieg zu
denken, während Russlands Krieg gegen uns andauert“, meint der 24-Jährige.
Für die Russen sei dieser Sieg ein Mythos, um den herum sie ihren Staat
aufgebaut haben und mit dem sie versuchen, ihre Bevölkerung zu vereinen.
„Für uns hingegen ist es ein historisches Datum. Ich denke, sie könnten an
diesem Tag einen Angriff starten, aber wir können genauso reagieren. Sollen
sie sich also jetzt ruhig um ihre Parade sorgen“, so Hotsjaniwskyj.
Ironisch ergänzt er noch, Russland habe seit 2022 einen beträchtlichen Weg
zurückgelegt: von der Ankündigung, Kyjiw in drei Tagen einzunehmen bis hin
zu Anti-Drohnen-Netzen über Moskau.
## Von Hass zerfressen
Der bekannte ukrainische Historiker Vladlen Marayev, der sich mit dem Thema
des historischen Gedächtnisses befasst, meint, dass sich die Bedeutung und
die Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs sowohl für die Ukrainer als auch für
die Russen während der Präsidentschaft von Wladimir Putin gewandelt hat.
„Gerade Putins Politik hat den Tag des Sieges zum wichtigsten Feiertag des
Jahres gemacht. Denn selbst zu Sowjetzeiten wurde er nicht in diesem Ausmaß
begangen; Paraden gab es nur an runden Jahrestagen“, erklärt Marayev. Und
jetzt kultiviere dieser Feiertag die Idee, dass Krieg etwas Gutes sei, dass
die heutige Generation siegen müsse, wie ihre Vorfahren damals gesiegt
haben, dass nur der Sieg zähle, so der promovierte Historiker gegenüber der
taz.
Und er ergänzt noch, dass Putins Politik das Paradigma des Zweiten
Weltkriegs auf den aktuellen Krieg gegen die Ukraine übertrage. „In diesem
Paradigma gibt es ‚die Guten‘ – das sind sie – und alle anderen sind ‚die
Bösen‘. Genau deshalb bezeichnen russische Soldaten die Ukrainer in diesem
Krieg als Faschisten, Deutsche und ‚Banderisten‘ (nach dem
nationalistischen ukrainischen Politiker Stepan Bandera, 1909-1959; Anm. d.
Redaktion). Und so wird es mit jedem ihrer Feinde sein. Wenn sie gegen die
Litauer in den Krieg ziehen, werden sie diese ebenfalls als Faschisten
bezeichnen. Sie sind von Hass zerfressen“, so der Historiker Marayev.
Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey
7 May 2026
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