# taz.de -- 9. Mai in Russland: Keine Siegesparade
       
       > Russlands Präsident Putin inszeniert den Angriff auf die Ukraine als die
       > Fortsetzung des Großen Vaterländischen Kriegs. Nach fünf Jahren
       > Kriegsdauer wird dies immer fragwürdiger.
       
 (IMG) Bild: Der Siegesmythos soll das öffentliche Bewusstsein dominieren
       
       Der 9. Mai rückt näher – ein von Wladimir Putin annektierter Tag, einst der
       wichtigste Gedenk- und Trauertag für viele Menschen in Russland. Seit 1945
       sind 81 Jahre vergangen, und so sehr Putin auch an die Veteranen
       appellieren möchte – die jüngsten von ihnen müssten heute mindestens 100
       Jahre alt sein; der letzte Einberufungsjahrgang im Großen Vaterländischen
       Krieg war 1927. Die neben ihm auf der Tribüne sitzen könnten, sind ganz
       sicher keine echten Frontkämpfer.
       
       Von Anfang an hat Putin seinen Angriff auf die Ukraine mit dem Großen
       Vaterländischen Krieg verknüpft und versucht, die russischen Bürger davon
       zu überzeugen, ihn als dessen faktische Fortsetzung zu betrachten. Bereits
       zehn Monate vor dem Angriff auf die Ukraine sprach er 2021 bei der
       [1][Parade zum 9. Mai] von „Haufen unbesiegter Henker und ihren Anhängern“,
       von „Versuchen, die Geschichte umzuschreiben, Verräter und Verbrecher zu
       rechtfertigen, an deren Händen das Blut Hunderttausender Zivilisten klebt“.
       
       Zugleich erklärte er, Russland werde „entschlossen die nationalen
       Interessen verteidigen und die Sicherheit unseres Volkes gewährleisten … Es
       gibt weder Vergebung noch Rechtfertigung für jene, die erneut aggressive
       Pläne schmieden.“
       
       Seit Beginn der Aggression beschwört Putin die Bevölkerung mit diesem
       längst vergangenen Sieg. Daher nimmt auch die Verherrlichung von Stalin zu
       – allein im letzten Jahr sind etwa 20 neue Denkmäler entstanden. Auf
       absurde Weise wird Wolgograd neunmal im Jahr zu Gedenktagen wieder in
       Stalingrad umbenannt. Der örtliche Flughafen heißt inzwischen dauerhaft
       „Stalingrad“.
       
       Diese Verherrlichung trägt fast heidnische Züge – als könnten Denkmäler für
       ein früheres Idol bei der heutigen Aggression helfen. Denn der Krieg gegen
       die Ukraine dauert inzwischen länger als der Große Vaterländische Krieg;
       doch ist in diesem Angriffskrieg kein Ende und kein Sieg in Sicht.
       
       ## Gefahren durch ukrainische Drohnen
       
       Vor dem Hintergrund einer im fünften Kriegsjahr zunehmend erschöpften
       Bevölkerung, die die Folgen immer stärker spürt, kursierten sogar Gerüchte
       über eine mögliche Absage der Parade – die Gefahren durch ukrainische
       Drohnen sind zu offensichtlich. In jedem Fall fällt in diesem Jahr auf,
       dass die Moskauer Straßen nicht wie sonst zehn Tage vor der Parade vom Lärm
       endloser Proben schwerer Militärtechnik erschüttert werden.
       
       Offenbar soll der Siegesmythos nun das öffentliche Bewusstsein dominieren –
       alles, was ihm widerspricht, wird entfernt: [2][Die Organisation Memorial
       wurde als extremistisch eingestuft].
       
       Das Gulag-Museum wurde in ein Museum über den „Genozid am sowjetischen
       Volk“ im Zweiten Weltkrieg umgewandelt, Denkmäler für die Opfer von
       Repressionen werden zerstört, und am Ort der Erschießung polnischer
       Offiziere in Katyn wurde eine Ausstellung über den angeblich
       jahrhundertelangen Hass der Polen auf Russland eröffnet. Es fehlt nur noch,
       den Solowezki-Stein vom Lubjanka-Platz zu entfernen und dort wieder ein
       Denkmal für [3][Felix Dserschinski] aufzustellen.
       
       Es ist offensichtlich: Je schlechter die Lage im Krieg und in der
       Wirtschaft wird, desto stärker werden diese Tendenzen – das Regime
       versucht, die Erinnerung an den Massenterror wie mit einem Radiergummi aus
       dem nationalen Gedächtnis zu löschen. Alles soll sich in einem Teufelskreis
       wiederholen, in dem man dieses Gedächtnis selbst, die Erinnerungsorte und
       die eigene Geschichte zum „Extremismus“ erklärt.
       
       Doch im fünften Kriegsjahr wird all dies zunehmend fragwürdig – der
       vergangene Sieg lässt sich nicht mehr an die Stelle der gegenwärtigen,
       zähen Katastrophe setzen. Deshalb wird die Parade zwar stattfinden – das
       wichtigste Fest Putins –, jedoch in deutlich bescheidenerer und verkürzter
       Form, scheinbar auch ohne Panzer und Raketen.
       
       7 May 2026
       
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