# taz.de -- Kein Aufschwung in Sicht: Ökonom fordert mehr staatliche Investitionen
> Wann kommt der von Friedrich Merz versprochene Aufschwung? Wenn der Staat
> mehr Geld investiert, sagt der Wirtschaftsweise Achim Truger.
(IMG) Bild: Zieht die falschen Schlüsse aus der Krise, meint Ökonom Achim Truger: Bundeskanzler Friedrich Merz
Noch vor einem Jahr galt das Versprechen des damals gerade gewählten
Bundeskanzlers Friedrich Merz (CDU): Die Bürger:innen würden schon im
Sommer 2025 den Regierungswechsel spüren. Doch daraus wurde nichts, der
angekündigte Wirtschaftsaufschwung kam bis heute nicht.
Selbst wenn bis zum Sommer 2025 der Aufschwung gekommen wäre, hätte das
nicht an der neuen Regierung, sondern vorhergehenden Entscheidungen
gelegen. „Merz hat etwas angekündigt, worüber er keine Kontrolle hatte“,
sagt [1][der Ökonom Achim Truger, Mitglied im Sachverständigenrat zur
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung] – den sogenannten
Wirtschaftsweisen.
Der Kanzler hatte Pech, dass sich die Konjunktur nicht wie erhofft
entwickelt hat. Dabei war eine Erholung der Wirtschaft durchaus angelegt,
betont Truger, der an der Universität Duisburg-Essen lehrt. „Die Regierung
hat viel richtig gemacht.“ Mit dem [2][kreditfinanzierten
500-Milliarden-Euro-Paket für die Ertüchtigung der Infrastruktur] und dem
Aussetzen der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben haben Union und SPD
zu Beginn der Legislaturperiode einen guten Aufschlag gemacht, sagt der
Ökonom. Das hat unter anderem die Baukonjunktur belebt.
Doch statt an diesen Ansatz anzuknüpfen, zieht die Regierung nach Trugers
Ansicht die falschen Schlüsse aus den Krisen, die nahtlos aufeinander
folgten – von der Coronapandemie und damit verbundenen anhaltenden
Lieferkettenproblemen, den hochschnellenden Energiepreisen nach dem Angriff
Russlands auf die Ukraine, der Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump
bis zum durch den Irankrieg ausgelösten Ölschock, dessen Ende nicht
absehbar ist.
## Falsche Diagnose der Regierung
Hinzu kommen strukturelle Probleme, etwa [3][der von der Autoindustrie zu
spät begonnene Umbau hin zur Elektromobilität.] „Deutschland hat nicht nur
Probleme mit seiner preislichen Wettbewerbsfähigkeit, etwa wegen der hohen
Energiekosten“, sagt Truger. Das Land sei auch technologisch ins
Hintertreffen geraten, gerade gegenüber China. In früheren Krisen sind die
deutschen Exporte nicht über längere Zeit sehr stark eingebrochen. Ihr
Anspringen hat die deutsche Wirtschaft aus dem Tief geholt. Das ist diesmal
nicht so. „Dieses Muster ist durchbrochen“, sagt Truger.
Doch die Bundesregierung hantiert nach seiner Überzeugung mit einer völlig
falschen Diagnose der Lage. Sie macht den Sozialstaat, zu hohe Löhne und zu
hohe Steuern für die anhaltende Schwäche der Wirtschaft verantwortlich.
„Die tatsächlichen Krisenursachen werden ignoriert“, kritisiert der
Wirtschaftsweise.
Die Folge: Kürzungen etwa in der gesetzlichen Renten- und der
Krankenversicherung sollen zu einer „Wirtschaftswende“ führen. Die
angekündigten Reformen zielen auf den Abbau von Leistungen und größere
finanzielle Beteiligung der Bürger:innen. „Die Bundesregierung hat sich in
einen Reformtunnel manövriert“, sagt Truger. „Es ist eine naive
Vorstellung, damit einen Wirtschaftsaufschwung entfesseln zu können.“
## Schuldenbremse verhindert Investitionen
Die Konjunktur ankurbeln könne die Bundesregierung durchaus, aber anders.
„Sie muss ordentlich Gas geben bei den Investitionen“, fordert Truger. Als
Teil eines Konjunkturpakets wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um die
Beitragssätze der Sozialversicherungen zu senken, was
Arbeitgeber:innen und Beschäftigte entlasten würde. Aber die
Bundesregierung ist in finanziellen Bedingungen gefangen, die sie sich
selbst auferlegt. Die Schuldenbremse verhindert, dass genug Geld für
staatliche Investitionen mobilisiert werden kann.
„Das Dümmste, was man in dieser Lage machen kann, ist eine
Einkommensteuerreform, die Geld kostet und die Finanznot vergrößert“, sagt
Truger. Er plädiert unter anderem für eine möglichst gerechte Steuerreform,
etwa mit Blick auf die gegenüber hohen Vermögen lasche Erbschaftsteuer, und
einen Krisen-Soli, eine Abgabe für die obere Vermögenshälfte.
Werden die Einnahmen des Staates nicht erhöht, komme es zu weiteren
Kürzungen. „Dann bluten die Daseinsvorsorge und der Sozialstaat.“ Die
Folgen wären fatal. „Das ist demokratiegefährdend“, warnt der Ökonom. Denn
weitere Kürzungen würden der AfD noch mehr Wähler:innen zutreiben.
## Licht am Horizont
Damit sich die Lage für Menschen im Alltag nicht verschlechtert, fordert
der Ökonom eine Verbesserung der kommunalen Finanzen. In Städten und
Gemeinden ist im vergangenen Jahr ein Defizit von fast 32 Milliarden Euro
aufgelaufen. Bund und Länder sollten seiner Auffassung nach ein
Notfallpaket auflegen, damit vor Ort keine Leistungen für Bürger:innen
gekürzt oder Gebühren drastisch erhöht werden.
Trotz der schwierigen Lage sieht Truger durchaus auch Licht am Horizont:
Durch das 500-Milliarden-Paket des Staates werden immerhin Investitionen
angeschoben. Die Wirtschaftsdaten im ersten Quartal seien gar nicht
schlecht. Und man sollte die traditionelle wirtschaftliche Stärke der
Bundesrepublik auch nicht unterschätzen. Truger: „Es ist noch nicht lange
her, da konnte Deutschland vor Kraft kaum laufen.“
6 May 2026
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