# taz.de -- 25 Jahre Hamburger NSU-Mord: Familie beim Gedenken übergangen
> Die zentrale NSU-Gedenkveranstaltung in Hamburg fällt aus. Die
> Angehörigen des ermordeten Süleyman Taşköprü fühlen sich übergangen.
(IMG) Bild: Schmerzhafte Erinnerung: Straßenschild zu Ehren des vom NSU ermordeten Süleyman Taşköprü
Die Hamburger Bürgerschaft wollte ein Zeichen des Respekts setzen. Ein
Gedenken gegen den Rechtsterrorismus sollte die für den 27. Juni geplante
zentrale Erinnerungsveranstaltung anlässlich des 25. Todestages von
Süleyman Taşköprü werden. An jenem Tag vor 25 Jahren hatten die Mörder des
„Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) Taşköprü in seinem Gemüseladen
erschossen. Doch die Veranstaltung findet so nicht statt. Die Angehörigen
fühlten sich von der Politik übergangen, sagt der Neffe des Mordopfers Okan
Taşköprü.
Seit Jahren beklagten Familienmitglieder von Opfern rechtsextremen Terrors
beim Gedenken nicht einbezogen zu werden. Politik und Verwaltung
degradierten sie zu Statisten ohne Mitsprache.
[1][Gemeinsam hatten die Bürgerschaftsfraktionen der SPD, Grünen, CDU und
Linken 15.000 Euro bereitgestellt], um anlässlich des Todestages eine
Veranstaltung Ende Juni auszurichten. Gefordert wurde ein Konzept, das „den
Wünschen der Familie Taşköprü entspricht und gleichzeitig einen Beitrag zur
Erinnerungskultur und zur Auseinandersetzung mit dem Rechtsterrorismus in
Hamburg leistet“. Der Verein Licht ins Dunkel sollte das offizielle
Gedenken umsetzen.
Vor dem Beschluss am 16. März hatte die stellvertretende
SPD-Fraktionsvorsitzende Isabella Vértes-Schütter noch bekräftigt, der 25.
Jahrestag des Mordes an Süleyman Taşköprü verlange ein sichtbares Gedenken,
das der Perspektive der Familie den angemessenen Raum gebe. Und
CDU-Fraktionsvize Anke Frieling betonte, dass die Erinnerungskultur
zusammenführen und nicht trennen dürfe.
## Beschluss ohne Rücksprache
Der Beschluss ging aber nach hinten los. „Es war eine nett gemeinte Geste,
aber als die Politik es ohne Rücksprache an die Presse gegeben hat, haben
wir uns als Familie instrumentalisiert gefühlt“, sagt Okan Taşköprü, im
Interview mit dem Obdachlosenmagazin Hinz&Kunzt zu den Hintergründen.
Eine Gedenkveranstaltung ohne die Familie wolle der Senat jedoch nicht
ausrichten, wie die Bürgerschaftskanzlei mitteilte. Damit findet die
Hamburger Politik ein weiteres Mal keinen adäquaten Umgang mit dem
NSU-Komplex.
Süleyman Taşköprü war das dritte von zehn [2][Opfern des NSU-Kerntrios Uwe
Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe]. Der 31-Jährige hinterließ eine
Frau und eine dreijährige Tochter. Bereits am Tag der Ermordung von
Süleyman Taşköprü durch Mundlos und Böhnhardt fand der Vater kein Gehör bei
den Ermittelnden.
Kurz nachdem die beiden Mörder dem Sohn in dessen Gemüseladen in der
Schützenstraße direkt in den Kopf geschossen hatten, war der Vater zurück
in den Laden gekommen. Wenige Stunden nach der Tat gab er zu Protokoll, auf
dem Weg vom Wagen zum Geschäft zwei Männer gesehen zu haben: groß, schlank,
zwischen 25 und 30 Jahren – Deutsche. Dieser Hinweis wurde nie
nachdrücklich verfolgt.
Stattdessen wurde im familiären Umfeld ermittelt. Die Ermittelnden
vermuteten den Mord eher in einem Drogen- oder Schutzgeldkontext. In der
Folge wurde die Familie von vielen geschnitten. In den später bekannt
gewordenen Akten bezeichneten die Ermittelnden Süleyman Taşköprü als
„Schmarotzer“, in dem sie sich eine Zeugenaussage zu eigen machten. Erst
2018 entschuldigte sich die Bürgerschaft im Namen der Stadt bei der
Familie.
Bis heute ist Hamburg jedoch das einzige Bundesland, wo der NSU mordete,
aber [3][kein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingerichtet wurde.
Die rot-grüne Koalition] wehrte ihn ab. Stattdessen beauftragte die
Bürgerschaft die Ruhr-Universität Bochum mit einer Studie zur
wissenschaftlichen Aufarbeitung des NSU-Komplexes in Hamburg.
Deniz Celik, Bürgerschaftsabgeordneter der Linken sprach von einem „faulen
Kompromissversuch der Regierungsfraktionen, um dessen Unwillen der
Aufklärung zu kaschieren“. Lediglich die AfD stimmte gegen den Auftrag. Die
Wissenschaftler:innen um Constantin Goschler können aber nun [4][nicht
alle Akten einsehen. Der Generalbundesanwalt sperrte sich dagegen]. Ein
Widerspruch dagegen liegt beim Oberlandesgericht Karlsruhe.
An dem Todestag will der Neffe Okan Taşköprü mittlerweile selbst ein
Gedenken ausrichten. Er wird in Erinnerung an seinen Onkel Essen an
obdachlose Menschen ausgeben. „Es gibt in der Türkei den Brauch, dass man
im Namen des Verstorbenen Essen verteilt“, sagte er [5][Hinz&Kunst]. „Für
mich ist das unabhängig vom Brauch eine schöne Geste: Das Gefühl von Geben
gibt mir mehr als eine Trauerfeier.“
28 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/103157/23_03396_gedenkveranstaltung_anlaesslich_des_25_jahrestages_des_mordes_an_sueleyman_taskoeprue_durch_den_nsu_im_jahr_2026_ermoeglichen#search=%22Task-pr-%22%23navpanes=0
(DIR) [2] /NSU-Prozess-in-Dresden/!6167740
(DIR) [3] /Forderung-nach-NSU-Ausschuss-in-Hamburg/!5921628
(DIR) [4] /Hamburger-NSU-Forschungsgruppe/!6171730
(DIR) [5] https://www.hinzundkunzt.de/
## AUTOREN
(DIR) Andreas Speit
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