# taz.de -- Linke Opposition in der Türkei: Alle Handzeichen auf Protest
> Erkan Baş, Chef der Türkischen Arbeiterpartei TIP, dirigiert bei den
> 1.-Mai-Protesten per Handzeichen die protestierende Menge. Warum ist er
> so populär?
(IMG) Bild: Kämpferisch: Erkan Baş (M.) am 1. Mai in Istanbul
Vor den Absperrgittern in Richtung Taksim-Platz hebt Erkan Baş, der
Vorsitzende der Türkiye İşçi Partisi (TİP), der Türkischen Arbeiterpartei,
kurz die Hand. Auf sein Zeichen drängt die Menge weiter nach vorne: Im
Stadtteil Mecidiyeköy versuchen Demonstrierende, Polizeibarrikaden zu
durchbrechen, Polizisten in Helmen schieben Menschen zurück, irgendwo
steigt Tränengas auf. [1][Die Polizei hat am 1. Mai weite Teile der
Innenstadt abgesperrt], um Protestzüge zum Taksim-Platz zu verhindern, auf
dem die Regierung seit Jahren keine Kundgebungen zum Tag der Arbeit mehr
zulassen will. Videos der Szene verbreiten sich später millionenfach in
sozialen Medien.
Baş' politische Karriere begann weit weg von den Barrikaden Istanbuls. 1979
in West-Berlin geboren, gehört seine Familie zu jener Generation
jugoslawischer Gastarbeiter, die zum Arbeiten nach Deutschland kamen.
Später wächst Baş in Istanbul auf. Er studiert Wissenschaftsgeschichte an
der Universität Istanbul, arbeitet als Dozent und Herausgeber einer
wissenschaftlichen Zeitschrift. Laut der Biografie auf der Webseite seiner
Partei verliert er seine Stelle an der Universität, nachdem er Beschäftigte
der Mensa in ihrem Arbeitskampf unterstützt hatte.
Es ist einer dieser Lebensläufe, die in der türkischen Linken fast
klassisch wirken: studentische Politik, marxistische Gruppen, kleine
sozialistische Parteien, endlose Flügelkämpfe. Baş engagiert sich zunächst
in der Sozialistischen Machtpartei SİP, später gehört er zu den Mitgründern
der Kommunistischen Partei der Türkei. Lange bleibt das politische Milieu,
aus dem er kommt, gesellschaftlich marginalisiert – geschwächt durch
Militärputsche, Repression und jahrzehntelangen Antikommunismus.
## Zerstritten und orientierungslos
Dass ausgerechnet ein Politiker aus dieser kleinen linken Szene einmal zu
den sichtbarsten Oppositionsfiguren des Landes gehören würde, war lange
kaum vorstellbar. Doch die türkische Opposition steckt seit den verlorenen
Präsidentschaftswahlen 2023 in einer Krise. Zwar gewann die CHP bei den
Kommunalwahlen 2024 wichtige Großstädte zurück. Doch zugleich wirken viele
Oppositionsparteien weiterhin zerstritten und orientierungslos – auch mit
Blick auf die kommenden Wahlen. Die [2][Proteste nach der Festnahme des
Istanbuler Bürgermeisters Ekrem İmamoğlu im Frühjahr 2025] machten dennoch
sichtbar, wie groß die Unzufriedenheit im Land geblieben ist.
In genau diesem politischen Klima wurde Erkan Baş populär. Vor allem in
sozialen Medien erreicht der Vorsitzende der 2017 neu gegründeten Türkiye
İşçi Partisi längst ein Publikum weit über die klassische türkische Linke
hinaus. Ausschnitte seiner Parlamentsreden verbreiten sich millionenfach.
Baş spricht über Inflation, unbezahlbare Mieten, Streiks oder Polizeigewalt
– oft in einem Tonfall, der eher an einen Gewerkschafter erinnert als an
einen Berufspolitiker.
## Einfluss außerhalb der Großstädte bleibt begrenzt
Politisch steht die TİP für einen sozialistischen, feministischen und
antinationalistischen Kurs und solidarisiert sich regelmäßig mit kurdischen
Politikern. Gleichzeitig bleibt ihr Einfluss außerhalb der Großstädte
begrenzt. Bei den Parlamentswahlen 2023 erreichte die Partei 1,7 Prozent.
Und dennoch: Gerade für ein junges, urbanes Publikum gehört Baş weder zur
alten kemalistischen Elite der CHP noch zur prokurdischen Bewegung selbst –
und steht damit für eine Opposition, die weniger auf staatstragende
Rhetorik setzt als auf Protest, Öffentlichkeit und Konfrontation. Das
kommt, siehe 1. Mai in Mecidiyeköy, offenbar gut an.
3 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Derya Türkmen
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