# taz.de -- Sachsen-Anhalt am 1. Mai: AfD-Wahlkampfauftakt getarnt als Familienfest
> Offiziell feiert in Sachsen-Anhalt die ESN‑Partei, eine europäische
> Partei, zu der auch die AfD gehört. Doch im Mittelpunkt steht
> AfD‑Spitzenkandidat Siegmund. Der Protest bleibt still.
(IMG) Bild: Schrecklich nette Familie: AfD-Spitzenkandidat Ulrich träumt vom Wahlsieg
Als erster Redner springt Ulrich Siegmund mit beschwingtem Schritt auf die
Bühne. Die ESN‑Partei, eine rechtsaußen verortete europäische Partei, zu
der auch die AfD gehört, hat zum Familienfest in Schönebeck geladen. Die
Stadt in Sachsen‑Anhalt liegt direkt an der Elbe und genau dort am Ufer
stehen an diesem 1. Mai ein halbes Dutzend AfD‑Stände und auf der Bühne der
AfD‑Spitzenkandidat für die Landtagswahl im September: Ulrich Siegmund.
„Wahnsinn“, beginnt Siegmund. Vor ihm stehen mehrere hundert Menschen,
jubeln, einige tragen T-Shirts mit einem Porträt vom Spitzenkandidaten. Er
wolle sagen, was er denkt, ruft Siegmund dann in die Menge: „Wir holen uns
unser Land zurück, hier aus Sachsen-Anhalt!“ Es ist der Spruch, den
Siegmund auch ansonsten ruft, wenn er auf Bühnen vom AfD-Ziel spricht: Nach
der Wahl in Sachsen-Anhalt allein und ohne Kompromisse regieren.
Hinter Siegmund steht in großen Lettern „ESN“. Nach außen tritt die
ESN‑Partei als Gastgeberin und finanzielle Trägerin des Fests auf. Limo,
Bier, Würstchen gibt es kostenlos, für Kinder ein Karussell und eine bunte
Einhornhüpfburg. Im Schatten einiger Bäume am Rand stehen Bierbänke und
daneben ein Auto mit AfD‑Logo. Auch da der Spruch: „Hol dir dein Land
zurück“.
Es wirkt wie ein inoffizieller AfD‑Auftakt für den Landtagswahlkampf. Nach
den Regeln des EU‑Parlaments dürfen Fraktionen ihre Mittel nicht zur
Finanzierung von Wahlkampfkosten oder für nationale Parteien einsetzen. Wie
das Familienfest in Schönebeck konkret finanziert wird, bleibt vor Ort
unklar. Klar ist aber, dass die ESN‑Partei eng mit der AfD verbunden ist –
und dass die Grenzen zwischen europäischer Parteiarbeit und nationalem
Wahlkampf hier sichtbar verschwimmen.
## Presse nur mit Anmeldung
Auf Anfrage der taz betont ein AfD-Sprecher, es handlich sich beim
Familienfest des ESN um keine Wahlveranstaltung und verweist unter anderem
auf das Logo auf der Bühne. Auch auf den Werbebildern war nicht das
AfD-Logo zu sehen.
Trotzdem fällt vor Ort auf, wie sehr die AfD und ihr Wahlkampf-Kandidat im
Fokus stehen. Vor seiner Rede machte Siegmund in der prallen Sonne ein
Selfie nach dem anderen. Während seiner Auftaktansprache dreht er ein
kurzes Video für seine Social-Media-Kanäle und spricht vor allem über
seinen Wahlkampf. „Deswegen haben wir heute am 1. Mai, am Anfang der
historischen vier Monate eines einzigartigen Zusammenhalts hier in
Sachsen-Anhalt das einzig Richtige gemacht: Wir haben eins der größten
Familienfeste organisiert, die dieses Land je gesehen hat.“
Dabei sein durften aber nicht alle. Vor dem Eingang stehen am Nachmittag
mehrere Journalist:innen, die von der Security nicht auf das
Veranstaltungsgelände des Familienfestes gelassen werden. Die Polizei habe
ihnen nicht geholfen, berichten sie der taz.
Auf welcher rechtlichen Grundlage der Einschnitt in die Pressefreiheit
erfolgt? Leider ist kein:e Pressesprecher:in der Polizei bei der
Veranstaltung, um das zu beantworten. Auf telefonische Anfrage heißt es
allerdings von der Polizei, das Recht, Presse auszuschließen, liege beim
Veranstalter. Das Familienfest, auf dessen Bühne nach Ulrich Siegmund noch
weitere Politiker reden, sei privat, keine politische Versammlung.
Entsprechend bestehe Hausrecht.
Ein Sprecher der AfD sagt, aus Sicherheitsgründen dürften nur angemeldete
Journalist:innen auf das Gelände des Familienfests. Sie hätten vorher
der AfD schreiben müssen.
## Stiller Protest gegen die AfD
Gegenprotest? Nicht in Schönebeck. Vom Parkplatz bis zur Bühne bleiben
AfDler:innen und ihre Fans ungestört. Nur der Boden des Platzes, auf dem
das Familienfest stattfindet, lässt erahnen, dass nicht alle mit der
rechtsextremen Partei einverstanden sind. „Liebe ist stärker als Hass“,
„Wir bleiben bunt“ und „FCKAfD“ steht in vielen Varianten mit Kreide
geschrieben. Zumindest bis zum Nahmittag. Dann gehen zwei junge Frauen mit
blauer Kreide herum und streichen unliebsame Parolen durch.
Doch nicht über all in Sachsen-Anhalt feierten Rechtsextreme. Rund 15
Kilometer nördlich vom AfD-Fest in Schönebeck startete am Morgen eine
Demonstration der anarchistischen Gewerkschaft FAU, der Freien
Arbeiter:innen Union.
Anmelder Sebastian Grambow erklärt zum Auftakt, es gehe um ein
solidarisches Miteinander und am Ende die soziale Revolution, bei der sich
die Besitzverhältnisse ändern. Während der Demo skandieren die
Teilnehmer:innen immer wieder „Hoch die internationale Solidarität“,
„Klasse gegen Klasse“ und „Merz an die Ostfront!“ Die Themen Krieg und
Wehrpflicht sind stetig präsent. In Reden warnten die Demonstrant:innen
vor autoritären Strukturen.
Doch wenn die Anarchist:innen gegen autoritäre Strukturen sind, warum
haben sie keinen Protest gegen das AfD-Fest organisiert? „Nicht die AfD ist
das Problem, sondern der Rechtsruck aller Parteien“, sagt Anmelder Grambow.
Statt sich mit der AfD zu beschäftigen, wollten sich die
Anarchist:innen auf ihre eigenen Themen fokussieren.
Am späten Mittag, 15 Kilometer südlich an der Elbe in Schönebeck, spricht
auf der Bühne nach Ulrich Siegmund noch der Youtuber Kolja Barghoorn. Er
trägt ein blaues Shirt mit AfD-Logo und wirbt für den Spitzenkandidaten in
Sachsen-Anhalt.
Als kurz darauf dann schließlich Stanislav Stoyanov, Präsident der ESN zu
Wort kommen soll, immerhin sowas wie der Gastgeber des Familienfests,
gibt's auf der Bühne nur ein Video zu sehen – ohne Ton, aber dafür mit
englischen Untertiteln. Es gebe ein Technik-Problem heißt es. Das Video
wird abgebrochen und René Aust betritt die Bühne, AfD-Vorsitzender im
EU-Parlament.
Auch Aust wirbt für Siegmund. Mit dem werde sich einiges ändern, sollte der
ab Herbst Ministerpräsident werden. Nach Redaktionsschluss will Ulrich
Siegmund selbst nochmal auf die Bühne mit den ESN-Logos treten, zum
Abschluss der Veranstaltung, die laut seinem Sprecher ganz sicher kein
Wahlkampf ist.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Artikels war von
der „EU‑Fraktion ESN“ als Veranstalterin des Familienfests in Schönebeck
die Rede. Tatsächlich trat nach außen die ESN‑Partei als Veranstalterin
auf. Wir haben den Text entsprechend präzisiert.
1 May 2026
## AUTOREN
(DIR) David Muschenich
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