# taz.de -- Vor Fußball-WM in den USA: „Wir erleben einen Menschenrechtsnotstand“
       
       > Human Rights Watch und Amnesty International fordern: Die Fifa muss sich
       > für eine „ICE-Waffenruhe“ während der WM einsetzen.
       
 (IMG) Bild: US-Fans legen sich fest: Die WM soll boykottiert werden
       
       Sechs Wochen sind es noch bis zur [1][Männer-WM 2026] in den USA, Mexiko
       und Kanada. Doch freuen mag sich angesichts der politischen Lage in den USA
       kaum jemand. Große Besorgnis äußerten nun NGOs wie Human Rights Watch
       (HRW), Amnesty International und Reporter ohne Grenzen sowie Fanvertreter
       bei einer Pressekonferenz anlässlich der Veröffentlichung eines
       [2][Leitfadens zu Menschenrechten] bei der WM von Human Rights Watch. „Wir
       erleben einen Menschenrechtsnotstand“, so Maja Liebing von Amnesty.
       
       Die US-Einwanderungsbehörde ICE, die auch Teil des Sicherheitsapparates bei
       der WM sein wird, habe sich in eine paramilitärische Organisation
       verwandelt. „Fans können auf dem Weg zum Spiel auf ICE treffen,
       festgenommen und deportiert werden.“ Dieses Risiko sei nicht bloß
       hypothetisch, wie die Deportation eines Asylbewerbers rund um die
       [3][Klub-WM] zeige.
       
       Auch LGBT- und trans Fans seien zunehmenden Angriffen ausgesetzt. Bei trans
       Fans bestehe besondere Gefahr, dass ihnen die Einreise verweigert werde.
       Ausgeschlossen werden bereits die Fans aus den qualifizierten Ländern Iran,
       Haiti, Elfenbeinküste und Senegal, denen pauschal die Einreise verwehrt
       werden soll, ein klarer Verstoß gegen Fifa-Richtlinien. Fans aus
       zahlreichen anderen Ländern sind ebenfalls von Einreiseverboten betroffen.
       Doch die Fifa schweigt wie üblich.
       
       Human Rights Watch rief nun die Fifa zum Einschreiten auf und forderte
       zudem eine „ICE-Waffenruhe“, bei der die Behörde an WM-Veranstaltungsorten
       auf Kontrollen verzichten solle. Allein in den elf gastgebenden Städten
       seien zwischen Januar 2025 und März 2026 mehr als 167.000 Menschen
       verhaftet worden. Es herrsche ein „Klima der Angst“ rund ums Turnier.
       
       Christian Mihr von Reporter ohne Grenzen hob die kritische Lage auch von
       Journalist:innen in den USA hervor. „Wir machen uns Sorgen über die
       Einreise von ausländischen Journalist:innen und um ihre Sicherheit bei
       Protesten.“ Es habe in den USA zahlreiche Festnahmen und Polizeigewalt
       gegen Journalist:innen gegeben, außerdem Kontrolle etwa von
       Social-Media-Profilen. „Die Fifa muss eine Zusicherung zur Pressefreiheit
       einholen.“
       
       ## „Sollen wir wirklich in die USA reisen?“
       
       Die Sprecher:innen wirkten selbst ein wenig überrascht, wie sehr sich
       die Veranstaltung um die USA drehte – trotz der Tatsache, dass etwa Mexiko
       eines der gefährlichsten Länder für Journalist:innen ist. „Die Leute
       dachten bis vor Kurzem, dass das hier endlich mal keine WM für einen
       Diktator ist“, fasste Martin Endemann von [4][Football Supporters Europe]
       zusammen. „Jetzt fragen viele Fans: Sollen wir wirklich in die USA? Jeder
       macht sich Sorgen um die eigene Sicherheit.“
       
       Aus außereuropäischer Sicht klingt das ein wenig naiv, denn für viele
       Menschen gab es auch vor der Trump-Regierung gute Gründe zur Sorge vor
       einer US-Einreise. Und bezeichnenderweise spielten sowohl Angriffskriege
       als auch Imperialismus, Überreichtum, die durch die USA verursachten
       Klimaschäden oder andere Faktoren, die überproportional den Globalen Süden
       betreffen, bei der Konferenz fast keine Rolle. Nun wohl ist man auch in
       Europa besorgt.
       
       Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass dieses Turnier vorbildhaft
       sein sollte. Zum ersten Mal waren Menschenrechte Teil des
       Bewerbungsprozesses und der Konzepte gastgebender Städte. Doch habe
       faktisch kaum eine der Städte einen Menschenrechtsplan aufgestellt. Minky
       Worden von HRW kritisierte zudem die „völlig fehlende Rechenschaft“ der
       Fifa. So habe sich Gianni Infantino zuletzt 2023 öffentlich Pressefragen
       gestellt.
       
       Besonders in Sorge versetzen wird die Fifa vermutlich auch diese Kritik
       nicht. „Sie fühlt sich unangreifbar“, so Martin Endemann. „Es wäre Aufgabe
       der nationalen Verbände, etwas zu unternehmen. Aber es herrscht absolutes
       Schweigen.“ Football Supporters Europe hat jüngst bei der EU-Kommission
       eine formelle Beschwerde über die Fifa wegen der irren
       Eintrittskartenpreise eingelegt. So kosteten die günstigsten
       [5][Finaltickets] im März über 4.000 Dollar, mehr als siebenmal so viel als
       in Katar. Und Fans mit Behinderung müssten bei Spielen inklusive eines
       Tickets für die Begleitperson und den Rollstuhl mit 600 bis 700 Dollar
       rechnen. In Katar seien es 10 Dollar gewesen.
       
       Laut der Fanorganisation sei das Verhalten der USA anders als das von
       [6][Katar]. Die katarischen Gesprächspartner seien zumindest vorab
       diplomatisch und freundlich gewesen, so Endemann. „Die Haltung aus den USA
       ist: Entweder ihr seid für uns oder ihr seid gegen uns. Ich habe keine
       Ahnung, was passiert, wenn wir zum Beispiel die ersten Proteste außerhalb
       oder innerhalb der Stadien erleben.“ In sechs Wochen wird man es erfahren.
       
       28 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Fussball-WM/!t5015915
 (DIR) [2] https://www.hrw.org/news/2026/04/27/2026-world-cup-tournament-will-kick-off-in-climate-of-fear
 (DIR) [3] /Protestwelle-und-Sportevents-in-den-USA/!6091853
 (DIR) [4] https://www.fanseurope.org/
 (DIR) [5] /Ticketverkauf-fuer-die-Fussball-WM-2026/!6116423
 (DIR) [6] /Bilanz-der-WM-2022-in-Katar/!5900324
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Schwermer
       
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