# taz.de -- Fifa bei Fußball-WM: Menschenrechte und Demokratie – wen interessiert das noch?
> Die Autokratisierung der Welt schreitet voran. Nicht einmal Sportwashing
> braucht es mehr. Denn der Sport steht nicht länger auf Seite der
> Demokratien.
(IMG) Bild: Englische Fans bei der WM 2026
Es ist nicht lange her, da galt im organisierten Sport und internationalen
Fußball noch die Devise: Wer seine Geschäfte weiterbetreiben will, muss
auch ein wenig Menschenrechtsengagement zeigen.
Im Vorfeld der WM in Katar hatte die Fifa dann den
Menschenrechtsorganisationen den Auftrag zugewiesen, dem Austragungsland
eine Unbedenklichkeitsbescheinigung auszustellen. Schließlich sei Katar in
Sachen Reformen auf einem guten Weg, ein zu harter Umgang mit dem Land
könnte die Fortschritte torpedieren.
Beim Schönreden der Verhältnisse in Katar profilierte sich insbesondere
Sylvia Schenk, damals Sportexpertin von Transparency International. Als in
Deutschland ein bisschen Boykottstimmung aufkam, ging Schenk die
Nationalspieler heftig an. Diese hatten sich erdreistet, vor einem
WM-Qualifikationsspiel mit T-Shirts aufzulaufen, auf denen „Human Rights“
geschrieben stand. Obwohl die Spieler auf einen direkten Bezug zu Katar
verzichteten – für Schenk war bereits dieses oberflächliche Bekenntnis zu
viel: „Es sollte doch wohl um die Migrantenarbeiter auf den Baustellen
Katars gehen. Da gibt es keinen Grund für Protest.“
Verweise auf anhaltende Menschenrechtsverletzungen in Katar empfand Schenk
als störend. Man solle sich „freimachen von Einzelfällen“.
## Fifa-Bekenntnis zu Menschenrechten
Seit der Jahrtausendwende hatte sich unter Fußballfans und auch
Sportjournalisten ein Interesse an Menschenrechtsfragen entwickelt. Die
Fifa reagierte hierauf im Mai 2017 mit einem sogenannten „Bekenntnis der
Fifa zu den Menschenrechten“. Darin bekannte sie sich zur Einhaltung der
Menschenrechte gemäß der UN-Charta sowie gemäß der Erklärung
internationaler Arbeitsorganisationen. Unter anderem hieß es in der
Erklärung: „Die Fifa ist bestrebt, innerhalb der Organisation und bei all
ihren Tätigkeiten ein diskriminierungsfreies Umfeld zu schaffen.“
Doch zwischen der Entscheidung pro Katar und der Fifa-Erklärung gab es gar
keinen Widerspruch. Denn das „Menschenrechtsbekenntnis“ der Fifa hatte eine
entscheidende Einschränkung. Die Fifa sei nämlich nur bestrebt, negative
Auswirkungen auf die Menschenrechte, „die über ihre Geschäftsbeziehungen
einen direkten Bezug zu ihren Tätigkeiten, Produkten oder Dienstleistungen
haben, zu vermeiden oder einzudämmen“, heißt es in der Erklärung.
Das bedeutete, Grundrechtsverletzungen interessieren die Fifa nur dann,
wenn sie im direkten Kontext mit der WM stehen. Sklavenähnliche
Arbeitsbedingungen sind also nur dann relevant, wenn sie an WM-Baustellen
herrschen. Die Verfolgung von Schwulen und Lesben ist nur relevant, sofern
sie den Gästen des WM-Turniers zustößt.
Mit anderen Worten: Die Fifa verlangt eine Art Vier-Wochen-Demokratie für
internationale Gäste des Turniers. Das ist eine Grundlage, auf der sie mit
jeder Diktatur ins Geschäft kommen kann, solange diese zu kleineren
Kompromissen im Vorfeld und während der Veranstaltung bereit ist. Das
gelang bei den Olympischen Sommerspielen 1936 sogar den Nazis.
## Doch 2026 ist nicht 2022
Vor dem Anpfiff der WM in den USA klang Sylvia Schenk dann ganz anders als
noch 2022 – nämlich deutlich kritischer. Fifa-Boss Infantino verhalte sich
unterwürfig und [1][vom DFB] und seinem Präsidenten käme da leider gar
nichts. Es schade dem DFB auf Dauer, zu den heiklen Themen nur zu
schweigen. Zuvor hatte Schenk bereits das Abstimmungsverhalten des DFB bei
der Vergabe der WM 2034 nach Saudi-Arabien scharf kritisiert.
Was war passiert? 2026 ist nicht 2022. Die Autokratisierung der Welt ist
weiter fortgeschritten. In Deutschland ist die feministische Außenpolitik
von Annalena Baerbock Geschichte. Angesagt ist Pragmatismus pur.
Menschenrechte dürfen nicht wirtschaftlichen Interessen schaden.
Und der DFB? Der Verband akzeptiert die [2][Infantino-Monarchie] und möchte
mal wieder eine WM ausrichten. Olympia will Deutschland auch noch
veranstalten, da ist Zurückhaltung angesagt. Dass nicht Deutschland,
sondern Brasilien den Zuschlag für die WM der Frauen 2027 erhielt, verstand
man in der DFB-Zentrale als Strafe für das „ungebührliche Benehmen“ in
Katar – gemeint ist die „Hand-vor-dem-Mund“-Geste der Nationalelf vor dem
ersten WM-Auftritt gegen Japan.
Der moderne Ablasshandel ist Vergangenheit. Im Falle von Donald Trump
funktioniert ein solcher ohnehin nicht. Trump und Co geht es nicht um
Sportwashing. Die US-Regierung hat kein Interesse daran, ihre Politik in
einem milderen Licht erscheinen zu lassen. Und wozu überhaupt noch
Sportwashing, wenn fast 70 Prozent der Staaten autokratisch regiert werden?
Für einige Sportpolitikerinnen und Sportpolitiker, die in der Vergangenheit
zu vermitteln versuchten oder sich am Sportwashing beteiligten, bedeutet
dies: Sie haben bei der Fifa ausgedient.
## Ölkonzerne, Friedenspreise, Trump-Versteher
2024 schloss die Fifa einen Sponsorendeal mit dem staatlichen saudischen
Ölkonzern Aramco. Über hundert Profifußballerinnen verfassten ein
Protestschreiben an den Verband und nannten den Deal einen „Mittelfinger
gegen den Frauenfußball“. Der Konzern trage eine eklatante Mitverantwortung
für die Klimakrise und gehöre einem Staat, der LGBTQ+-Personen
kriminalisiere und Frauen systematisch unterdrücke. Eine Koalition aus zehn
Menschenrechts- und Klimaorganisationen äußerte ebenfalls scharfe Kritik.
Doch die Fifa juckte dies nicht.
Natürlich war die [3][Verleihung des Fifa-„Friedenspreises“] an Donald
Trump eine Veranstaltung zum Fremdschämen. Ausschließlich belächeln sollte
mensch Infantinos Aktion trotzdem nicht. Denn sie war ein Angriff auf die
Entscheidung des norwegischen Nobelpreiskomitees, den Friedensnobelpreis
nicht an Trump zu vergeben.
Die Fifa beziehungsweise Infantino sind bei Trumps „Board of Peace“
(Friedensrat) dabei, eine private Parallelorganisation des Präsidenten zu
den Vereinten Nationen, mit der er deren Autorität untergraben will.
DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf fand die Verleihung des
Fifa-„Friedenpreises“ ganz in Ordnung. Lise Klaveness, Präsidentin des
norwegischen Fußballverbandes, sah dies anders: Die Fifa habe durch
politische Nähe und die Vergabe von Auszeichnungen gegen die eigenen
Neutralitätsregeln verstoßen.
Allerdings sei Neutralität längst zu „einer Art Allzweckwaffe der großen
internationalen Sportverbände“ mutiert, „um die Unterstützung durch
autokratische Regime und das Sponsoring von multinationalen Großkonzernen
sicherzustellen“, schreiben die Wissenschaftler Jan Busse und René
Wildangel.
Der DFB-Führung scheint der größere politische Kontext entgangen sein. Und
zwar, dass der Sportkomplex mittlerweile eine politische Supermacht ist,
die „eindeutig nicht auf Seiten der Demokratie steht“, wie der
Politikwissenschaftler Claus Leggewie richtig konstatiert.
23 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /DFB-Geschaeftsfuehrer-vor-der-WM/!6178420
(DIR) [2] /Fussball-WM-2026/!6178485
(DIR) [3] /Fifa-vor-der-WM-2026/!6161511
## AUTOREN
(DIR) Dietrich Schulze-Marmeling
## TAGS
(DIR) Fußball-WM
(DIR) Fifa
(DIR) Menschenrechte
(DIR) Katar
(DIR) Fifa-Ethikkommission
(DIR) GNS
(DIR) Fußball-WM
(DIR) Fußball-WM
(DIR) Fußball-WM
(DIR) Fußball-WM
(DIR) Fußball-WM
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Trainer Ancelotti mit Impact: Geduld ist Brasiliens neue Superkraft
Ruhe statt Unruhe, Kollektiv statt Neymar – die Wende der Seleção im
Nervenspiel gegen Japan trägt die Handschrift von Carlo Ancelotti.
(DIR) WM-Rekord bei Frankreich gegen Irak: 132 Minuten Hydration-Break
Blitze, Regen und Sturm haben für das längste WM-Spiel ever gesorgt. Der
Klimawandel könnte eine Rolle spielen. Mit dem ist die Fifa auf Du und Du.
(DIR) Vor Fußball-WM in den USA: „Wir erleben einen Menschenrechtsnotstand“
Human Rights Watch und Amnesty International fordern: Die Fifa muss sich
für eine „ICE-Waffenruhe“ während der WM einsetzen.
(DIR) Debatte über WM-Boykott in den USA: Der unpassende Vergleich mit der WM in Katar
Nach den Erfahrungen mit den Boykottforderungen vor der Fußball-WM in Katar
scheuen viele eine Diskussion um den Gastgeber USA. Doch der Vergleich
funktioniert nicht.
(DIR) Fußball-WM 2026: Soll die Weltmeisterschaft den USA entzogen werden?
US-Präsident Trump droht politisch missliebigen Gastgeberstädten dreist mit
WM-Entzug. Das wirft eine grundsätzliche Frage auf. Ein Pro und Contra.