# taz.de -- WM in New York: Stadion und Hölle trennen nur zwölf Kilometer
       
       > Im Schatten der WM droht das berüchtigte ICE-Lager Delaney Hall in
       > Vergessenheit zu geraten. Ein paar Menschen kämpfen Tag und Nacht dagegen
       > an.
       
 (IMG) Bild: Dem gefürchteten Lager erst einmal entkommen: Einwanderer nach ihrer Freilassung
       
       Keine zehn Kilometer Luftlinie von den glitzernden Wolkenkratzern des
       unteren Manhattan entfernt liegt in den Sümpfen von New Jersey eine
       postindustrielle Höllenlandschaft. Eingezwängt vom New Yorker
       Containerhafen und der achtspurigen Interstate 95 breitet sich eine faulig
       stinkende Industriebrache aus. Die Doremus Avenue, die hier durchführt,
       wird gesäumt von Lagerhallen und Schrottplätzen, auf der anderen Seite
       rattern kilometerlange Güterzüge mit toxischen Abfällen vorbei. Am Ende
       liegt rechter Hand das finster dräuende Essex County Gefängnis, das für
       Misshandlungen, Überfüllung, Todesfälle und katastrophale sanitäre Zustände
       berüchtigt ist.
       
       Es verschlägt niemanden hierher, der keinen triftigen Grund hat. Wie etwa
       die eine kleine Gruppe von Frauen und Kindern lateinamerikanischer
       Abstammung, die sich am späten Nachmittag vor dem Nachbargebäude des
       Gefängnisses, einem grauen mit Stacheldraht umzäunten Betonkoloss,
       versammelt. Sie hoffen darauf, ihre Angehörigen besuchen zu dürfen, die sie
       hinter diesen Zäunen vermuten, wo die [1][Deportationspolizei der
       Trump-Regierung] vor einem Jahr ein Sammellager eingerichtet hat.
       
       Ein kleiner Junge, der mit seiner Mutter und seiner Schwester gekommen ist,
       trägt ein grün-rotes Mexiko-Trikot. Es ist das Einzige, das hier an die
       Fußball-WM erinnert, die wiederum nur zwölf Kilometer nördlich im
       Meadowlands-Stadion ausgetragen wird. Wäre die Sicht nicht durch
       Industriebauten verstellt, könnte man von hier aus die Scheinwerfer des
       Stadions sehen.
       
       Noch vor wenigen Wochen, bevor der Fußball die gesamte öffentliche
       Aufmerksamkeit verschluckte, standen tage- und nächtelang Kamerateams vor
       dem „Delaney Hall“ genannten Bau, der wie eine Lagerhalle aussieht – einer
       ehemaligen Übergangsunterkunft für entlassene Häftlinge, die ihnen bei der
       Wiedereingliederung helfen sollte. Anlass war der erste Protest gegen die
       Grausamkeit der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE, der von den Opfern der
       Truppe selbst kam.
       
       Psychische und körperliche Folter
       
       Nachrichten waren nach außen gedrungen, dass die von ICE entführten
       Insassen der Delaney Hall wegen der unmenschlichen Zustände in der privat
       geführten Verwahrungsanstalt in einen Hunger- und Arbeitsstreik getreten
       seien. Das Essen sei verdorben und unzumutbar, die medizinische Versorgung
       unzureichend bis nicht vorhanden. Übergriffe durch die Beamten und
       Angestellten der Betreiberfirma des Lagers seien an der Tagesordnung.
       Kontakt zur Außenwelt und Zugang zu Rechtsbeistand seien bestenfalls
       sporadisch und werde nur willkürlich erteilt. In einem [2][offenen Brief]
       war von psychischer und körperlicher Folter gesprochen worden.
       
       Bereits Mitte 2025 hatten eine Kongressabgeordnete aus New Jersey, LaMonica
       McIver, und der Bürgermeister der Stadt Newark, Ras Baraka, versucht, sich
       zu der Einrichtung Zugang zu verschaffen, um sich einen Eindruck von den
       Zuständen zu machen. Sie wurden abgewiesen, Baraka entfernten Beamten
       gewaltsam. Während des Versuchs, die Abführung von Baraka zu verhindern
       wurde McIver verhaftet. Das US-Justizministerium hat sie nun wegen der
       Behinderung von Amtsträgern verklagt. Ihr droht eine Freiheitsstrafe von
       acht Jahren.
       
       In diesem Mai, nach Beginn des Hungerstreiks, eskalierte dann die Lage vor
       der Delaney Hall. Täglich kamen mehr Demonstranten, um sich mit den
       Häftlingen zu solidarisieren. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen
       mit ICE und zu Massenverhaftungen. Tränengaswolken wehten über die Doremus
       Avenue. Von Gummimunition getroffene Demonstranten wurden mit Krankenwagen
       abtransportiert. Delaney Hall wurde zur vordersten Front des Widerstands
       gegen ICE in den USA.
       
       ## Zerschlagung des Hungerstreiks
       
       Seit Ende Juni ist es jetzt ruhig geworden an der Doremus Avenue. Der
       Hungerstreik ist angeblich vorbei. Laut Berichten von Insassen habe der
       Streik jedoch nicht aufgehört, weil sich die Bedingungen gebessert hätten.
       Vielmehr seien die Anführer der Proteste in andere Lager verlegt oder in
       Einzelhaft gesteckt worden. Einige wurden verprügelt oder mit Pfefferspray
       attackiert. Auch Berichte von Verbrühungen in zu heißen Duschen drangen
       nach außen.
       
       Zwei Tage nach dem begeisternden [3][Sieg der norwegischen Fußballer gegen
       Brasilien], einen Steinwurf von hier entfernt, ist von den Protesten vor
       der Delaney Hall jedoch nur noch ein kümmerlicher Rest geblieben. 50 Meter
       neben dem Haupteingang beklebt ein Mittdreißiger in Lederjacke ein
       improvisiertes Zelt mit der Aufschrift „Fuck ICE“.
       
       Der bärtige Mann mit Pferdeschwanz, der einfach nur Batcher genannt werden
       will, sagt, er werde hier bleiben, rund um die Uhr, weil es ja nicht sein
       dürfe, dass Delaney Hall einfach in Vergessenheit gerät. Er werde über
       Netzwerke berichten, wenn es Abtransporte gibt oder nächtliche
       Entlassungen, oder wenn Krankenwagen Insassen abholen. „Ich könnte nicht
       mit mir leben, wenn ich nichts täte“, sagt er.
       
       ## Hilfe für Entlassene und Angehörige
       
       Auf der anderen Seite des Eingangs hat eine andere kleine Gruppe ein Zelt
       aufgebaut. Schwester Susan, eine katholische Nonne, organisiert hier die
       Arbeit, die darin besteht, frisch Entlassenen und Besucher:nnen
       beizustehen. „Manchmal werden sie mittellos mitten in der Nacht auf die
       Straße gesetzt“, erzählt sie. Viele kämen aus anderen Landesteilen und
       wüssten überhaupt nicht, wo sie sind. Sie organisiert Kleidung und
       Transport und nennt ihnen Anlaufstellen.
       
       Am Schiebetor wartet das Grüppchen Angehöriger geduldig darauf, dass eine
       Wachfrau der Betreiberfirma mit Nachrichten über ihre entführten
       Familienmitglieder wieder aus dem Bau herauskommt. Eine mexikanische Frau,
       deren Neffe seit Wochen vermisst wird, hat dessen Fallnummer recherchiert
       und über Listen des Department of Homeland Security erfahren, dass er hier
       gelandet sein soll. Es ist das dritte Mal in dieser Woche, dass sie
       hierherkommt und hofft, etwas Genaueres zu erfahren. Doch von dem guten
       Dutzend an Angehörigen wird gerade einmal eine Handvoll eingelassen. Sie
       gehört nicht dazu und trottet mit den anderen Abgewiesenen traurig und
       weiter in Ungewissheit wieder zur Bushaltestelle.
       
       Um kurz nach sieben geschieht dann ein Wunder. Das Schiebetor öffnet sich
       und vier Männer treten auf die Straße, ihre Habseligkeiten in Plastiktüten
       unter dem Arm. Einer hat eine Bibel auf Spanisch in der Hand. Mit einem Mal
       brechen die ganzen angestauten Leiden der vergangenen Wochen aus ihnen
       heraus. Zwei brechen auf dem Asphalt zusammen und fangen herzzerreißend an
       zu schluchzen.
       
       ## Wochenlang in Ungewissheit
       
       Als sich der jüngere von ihnen, der sich als Alex vorstellt, einigermaßen
       berappelt hat, spricht er die freiwilligen Helfer an. Sie rufen seine Frau
       an, in einer halben Stunde kommt sie, um ihn abzuholen. Rund sechs Wochen
       sei er dort drinnen gewesen, zu den Zuständen kann er nur sagen, sie seien
       „grauenhaft“. Bis heute habe er nicht gewusst, wie lange er dort bleiben
       müsse und was mit ihm geschehe. Alex ist Kolumbianer, er hatte
       ordnungsgemäß einen Asylantrag gestellt. Trotzdem hatten die ICE-Beamten
       eines Tages an seiner Tür gestanden und ihn ohne Vorwarnung mitgenommen.
       Einfach so.
       
       Alex und seine vier Mitinsassen bekommen nun immerhin einen Aufschub. Sie
       können nach Hause zu ihren Familien, Luft holen, die nächsten Schritte
       überlegen. Vielleicht sogar ein Fußballspiel anschauen.
       
       Dass es die WM auch noch gibt, rückt erst im Bus auf dem Weg zum Bahnhof
       von Newark so langsam wieder ins Bewusstsein. Die Fahrt durch die
       heruntergekommenen Außenbezirke der Stadt geht an Bodegas vorbei, die mit
       „Todos los Juegos de la Copa del Mundo“ werben. Am Bahnhof hängen große
       Schilder zu den Pendelbussen ins Stadion. Beim Ausstieg in Manhattan nach
       der kurzen Zugfahrt unter dem Hudson durch weisen Digitaldisplays die
       Pendler darauf hin, dass es wegen der WM zu Verzögerungen kommen könne. Im
       Einkaufszentrum am World Trade Center hängen große WM-Werbeposter mit
       Ronaldo, Mbappe, Kane und Haaland.
       
       Es wirkt absurd nach dem Abtauchen in diese Parallelwelt vor der Tür. Aber
       letztlich erinnert es auch nur an die Absurdität des Lebens in den USA von
       Donald Trump insgesamt. Hier die vermeintliche Normalität, drei Schritte
       weiter der Zivilisationsbruch und ein Leid, das wir kaum erahnen können.
       
       Von den Stadien hat sich die Trumpsche Barbarei bislang fern gehalten. Es
       gab keine Verhaftungen während der Spiele oder auf dem Weg dahin. Es gab
       lediglich die [4][Schikanen gegen das iranische Team] und gegen
       haitianische Spieler. Und es gab [5][Trumps Einmischung in
       Sportangelegenheiten] auf höchster Ebene.
       
       Weit weniger publik wurde jedoch, dass ICE erst in der vergangenen Woche
       wieder massiv landesweit ihre Aktivitäten verstärkt hat. Still, ohne große
       Ankündigungen und weit weniger sichtbar als vormals in Minneapolis oder Los
       Angeles. [6][10.000 Verhaftungen mehr als sonst in nur fünf Tagen].
       
       Am Meadowlands-Stadion hat man davon nichts mitbekommen. Nur wer aufgepasst
       hat, hat auf der Fahrt dorthin während der Vorrundenspiele ein paar Banner
       auf Autobahnbrücken sehen können, die die Schließung von Delaney Hall
       fordern. Vielleicht werden diese auch am Finaltag in New Jersey in einer
       Woche wehen. Den Fußballspaß der Massen werden sie jedoch wohl nicht
       trüben.
       
       12 Jul 2026
       
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