# taz.de -- Kanada bei der Fußball-WM: Weltmeister in Soft Power
> Fußball galt in der Eishockey-Nation Kanada lange als Leidenschaft der
> Einwanderer. Heute wollen die meisten Jugendlichen lieber kicken.
(IMG) Bild: Pille statt Puck: Jugendfußballspiel vor den kanadischen Rocky Mountains
Genau vierzig Jahre ist es her, dass erstmals ein kanadisches Team bei
einer Fußball-Weltmeisterschaft antrat. Auch damals wurde in Mexiko
gespielt, und Kanada scheiterte schon in der Vorrunde. Nun feiert das Land
seine Premiere als (Mit-)Ausrichter des Turniers.
Konzipiert wurde die diesjährige WM als Fest des nordamerikanischen
Fußballs. Doch seit 2018, der siegreichen Abstimmung in Moskau, ist viel
passiert. Mit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus veränderte sich die
politische Landschaft so dramatisch, dass die gemeinsame Gastgeberschaft
mit den USA eine neue Bedeutung bekam.
Die Vereinigten Staaten haben Reisebeschränkungen für Bürger:innen aus
einer Vielzahl von Staaten verhängt, darunter den WM-Teilnehmern Haiti,
Iran, Senegal und der Elfenbeinküste. Deren Fans können mit einem
Touristenvisum aktuell nicht in die USA einreisen. [1][Human Rights Watch
warnte], dass das Turnier in einem Klima der Angst beginne, geprägt von
aggressiver Einwanderungspolitik und einer Regierung, die Feindseligkeit
gegenüber Außenstehenden zu ihrem Leitprojekt gemacht hat.
## Der entscheidende Wandel kam in der Nachkriegszeit
Kanada, das 13 der 104 Turnierspiele ausrichtet, positioniert sich als
weltoffene Alternative. Das kanadische Einwanderungsministerium heißt die
Fans von über einem Dutzend Nationen, die an der US-amerikanischen Grenze
auf Hindernisse stoßen, ausdrücklich willkommen. „Der Sport gehört allen“,
sagte Peter Augruso, Präsident von Canada Soccer, kürzlich auf einem
Fifa-Kongress in Vancouver. „In einer Welt, die sich gespalten anfühlen
kann, ist Kanada der Beweis dafür, dass Vielfalt keine Herausforderung ist,
die es zu überwinden, sondern eine Stärke, die es zu feiern gilt.“
Das erste dokumentierte kanadische Fußballspiel fand 1876 in Toronto statt,
organisiert von britischen Einwanderern, die den Sport aus den
Industriestädten Englands und Schottlands mitgebracht hatten und als
Verbindung zur Heimat pflegten. Gespielt wurde in städtischen Parks,
organisiert von Fabrikarbeitern und Bergleuten. Doch neben dem kanadischen
Nationalsport Eishockey blieb Fußball stets ein Randphänomen.
Der entscheidende Wandel kam mit den Einwanderungswellen der Nachkriegszeit
in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren. Italiener, Portugiesen,
Griechen, Kroaten und später Gemeinschaften aus der Karibik, Lateinamerika
und Westafrika veränderten die kulturelle Landschaft kanadischer Städte,
und auch sie brachten ihren Fußball mit. Ein gewichtiger „Ausdruck von
Identität“, wie es [2][Forschende in einer Studie über das
Nachkriegs-Toronto formulierten].
Die Weltmeisterschaft 1982 sorgte für Szenen, von denen ältere Einwohner
Torontos noch heute erzählen: Eine Viertelmillion italienischstämmige
Kanadier feierten nach dem Endspielsieg Italiens über die BRD auf den
Straßen – ein spontaner Gefühlsausbruch, der ganz und gar dem diasporischen
Charakter des Landes entsprach.
Dieses Muster hat sich seitdem bei jedem Turnier wiederholt. Kanada nimmt
selbst nicht teil – nur 1986 und 2022 war das anders – und feuert alle
übrigen Mannschaften an. In einem auf Einwanderung begründeten Land sei es
keine Überraschung, dass man hier Anhänger aller Teams finden könne,
stellte Journalist David Common zur WM 2014 fest. Das Turnier werde in
Kanada schon immer von Menschen verfolgt, für die die Teams auf dem
Bildschirm keine Abstraktion darstellten, sondern Familie, Erinnerung und
ein spezifisches Gefühl dafür, woher sie kommen.
Dabei galt Fußball in Kanada lange als Sport, der nur so lange von
Neubürgern ausgeübt wurde, bis Eishockey sie absorbierte. In
wissenschaftlicher Literatur zu kanadischem Multikulturalismus und Sport
wird beschrieben, wie Fußballvereine für den englischsprachigen Mainstream
zunächst weitgehend unsichtbar blieben.
Heute ist Fußball in Kanada die beliebteste Sportart unter Jugendlichen –
noch vor Eishockey, Schwimmen und Basketball. In Zuschauerzahlen,
Sponsoring und Investitionen schlägt sich das allerdings kaum nieder. Was
nicht zuletzt daran liege, dass der Sport insbesondere unter
einkommensschwachen Familien so verbreitet sei, sagt Tim Swartz, Professor
für Statistik an der Simon Fraser University in Burnaby. „Es ist nicht so
einfach, in Kanada Fußball zu schauen“, erklärt Swartz. Für die meisten
Spiele der nordamerikanischen Major League Soccer brauche man ein
kostenpflichtiges Apple-TV-Abo, außerdem führten Zeitverschiebung und
Übertragungsprobleme dazu, dass in andere Sportarten stärker investiert
würde. Die europäischen Topligen würden oft gar nicht erst gezeigt, so oder
so müsse man am Wochenende sehr früh aufstehen. Eishockey habe es da
leichter.
Davon, was die besten kanadischen Spieler in Europa so treiben, höre man
demnach zu Hause nicht allzu viel. Mit einer Ausnahme: Alphonso Davies vom
FC Bayern München. Der 25-Jährige ist einer der besten Fußballer des
Landes, erholt sich aktuell aber noch von einer Verletzung. Ob er im ersten
Spiel fit sein wird, ist unklar. „Für Davies gibt es eine große
Begeisterung und seine Teilnahme an der WM wäre wichtig, um den Sport zu
fördern“, sagt Swartz. Die Hoffnung ist groß, gegen Bosnien, die Schweiz
und Katar erstmals ein WM-Spiel zu gewinnen und womöglich sogar die zweite
Runde zu erreichen.
Davies, der in einem ghanaischen Flüchtlingslager zur Welt kam, ist in
Alberta aufgewachsen. Einer Provinz, in der laut Daniel Stockemer,
Politikprofessor an der University of Ottawa, bewusst keine Spiele
ausgetragen würden. Denn Alberta gilt mit seiner Öl- und Gasindustrie als
Kernland eines selbstbewussten Konservatismus, der, wie in vielen anderen
Ländern auch, aktuell einen Aufstieg erlebt.
## Größtes Ärgernis: die Ticketpreise
Toronto und Vancouver, die einzigen kanadischen Austragungsorte der
Fußball-WM, stünden hingegen für das multikulturelle und urbane Kanada. Sie
passten zum weltoffenen Narrativ, das der Verband Canada Soccer vermitteln
wolle: Nämlich, dass das Land gemeinsam mit den vielen
Einwanderergemeinschaften feiere, für die Fußball mehr als nur ein Sport
sei – „und gleichzeitig Zuschauer und Würdenträger willkommen heißt, die in
den USA mit einem Einreiseverbot belegt sind“.
Auf den Straßen von Toronto und Vancouver sorgt das Turnier schon jetzt für
echte Vorfreude, insbesondere in den Vierteln, die den Stadien am nächsten
liegen. Doch geht die Vorfreude mit einer gewissen Besorgnis einher: Einem
Bericht des parlamentarischen Haushaltsbeauftragten Kanadas zufolge rechnet
die Regierung mit Gesamtkosten von etwas mehr als einer Milliarde Dollar.
Moshe Lander, Dozent für Wirtschaftswissenschaften an der Concordia
University in Montreal, glaubt, dass die Summe am Ende höher ausfallen
werde und das für großen Frust in der Bevölkerung sorgen könnte. „Man hat
den Steuerzahlern deutlich niedrigere Kosten versprochen. Gleichzeitig hieß
es, die WM werde einen wirtschaftlichen Effekt wie 30 Super Bowls haben.
Dass die Realität nun so weit von diesen Versprechen abweicht, macht das
Projekt viel zu teuer.“
Größtes Ärgernis sind jedoch die Ticketpreise. Auf Resale-Plattformen
werden Karten für mehrere tausend Dollar angeboten. Tim Swartz kennt
niemanden, sich eingeschlossen, der in der Fifa-Lotterie ein Ticket habe
ergattern können. Die Hotelpreise seien zudem so stark angestiegen, dass
sie die Sommertouristen abschreckten – und Fans, die sich die Spiele nicht
leisten können, aber trotzdem in die Stadt kommen wollen.
Eine längerfristige Perspektive hat Wayne Smith, Tourismusforscher an der
Toronto Metropolitan University, im Blick. „Im Gegensatz zu den Olympischen
Spielen 2010 in Vancouver, die zu dauerhaften Verbesserungen im Nahverkehr
und in der öffentlichen Infrastruktur führten, hinterlässt die
Weltmeisterschaft kein materielles Vermächtnis“, sagt er. Der wahre Wert
sei Soft Power: „Sichtbarkeit für Zuschauer auf der ganzen Welt, die sonst
vielleicht nie an Toronto oder Vancouver als Reiseziel denken würden.“
Der Politikwissenschaftler Daniel Stockemer sieht das etwas nüchterner.
Kanada sei nur der Juniorpartner, alle wichtigen Spiele fänden in den USA
statt. Daher würde die Weltmeisterschaft in erster Linie als US-Turnier
wahrgenommen. Trotzdem könne Kanada ein positives Bild von sich vermitteln.
„Auch wenn dieses Bild nur von kurzer Dauer ist.“
Aus dem Englischen: Leonie Gubela
8 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.hrw.org/news/2026/04/27/2026-world-cup-tournament-will-kick-off-in-climate-of-fear
(DIR) [2] https://dspace.library.uvic.ca/items/57494059-32d3-4e80-8e1d-8231807de0d1?utm=
## AUTOREN
(DIR) Mona Awwad
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