# taz.de -- Prozessauftakt gegen Palästina-Gruppe: „Wir unterbrechen für 20 Minuten. Nein, zwei Stunden.“
> Fünf Aktivisten haben in Ulm bei einer israelischen Rüstungsfirma
> offenbar einen Millionenschaden verursacht. Jetzt sollte der Prozess
> starten. Betonung auf: sollte.
(IMG) Bild: In Stuttgart-Stammheim stehen Mitglieder der propalästinensischen Gruppe „Ulm 5“ vor Gericht
Alles war bereit. Vor dem Landgericht Stuttgart sollte am Montag der
Prozess gegen fünf propalästinensische Aktivisten der Gruppe „Ulm 5“
beginnen. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt die 25- bis 40-Jährigen,
[1][im vergangenen September in Ulm beim israelischen Rüstungsunternehmen
Elbit eingebrochen zu sein und einen Millionenschaden verursacht zu haben].
Laut Anklage liegt eine antisemitische Motivation nahe, da an eine
Hausfassade „Baby Killers“ gesprüht wurde. Neben Sachbeschädigung und
Hausfriedensbruch wird den Angeklagten zur Last gelegt, Mitglieder in einer
kriminellen Vereinigung zu sein. Sie sollen der Organisation „Palestine
Action Germany“ angehören.
Eigentlich sollte der Prozess im Hochsicherheitsgebäude Stuttgart-Stammheim
um 9 Uhr beginnen, doch aufwändige Einlasskontrollen verzögerten den Start
um anderthalb Stunden: Vollzugsbeamt:innen tasteten auch akkreditierte
Pressevertreter:innen ab, sie mussten ihre Schuhe ausziehen, eigene
Stifte durften sie nicht mitnehmen. Das Gericht verteilte Kugelschreiber,
doch die Zahl reichte nicht für alle – die Mutter einer Angeklagten ging
leer aus.
Eine kugelsichere Glasscheibe trennt die Beschuldigten sowohl vom Publikum
als auch von ihrem Rechtsbeistand. Als sie den Saal betreten, begrüßt sie
der Großteil der Zuschauer:innen mit stehenden Ovationen. Ein
Angeklagter versucht, mit den Händen ein Herz zu formen, doch die
Handschellen lassen nur zwei angedeutete Hälften zu. Zwei
Justizvollzugsbeamte bewachen jede:n Beschuldigte:n hinter der Scheibe.
Das Gericht prüfte zunächst die Anwesenheit der Angeklagten – alle waren
da. Doch schon beim Versuch, die Personalien festzustellen, verließen die
elf Verteidiger:innen aus Protest den Saal. Die Vorsitzende Richterin
Kathrin Lauchstädt hatte „im Interesse einer zügigen und sachgemäßen
Durchführung der Hauptverhandlung“ angeordnet, dass Anträge erst nach der
Verlesung der Anklage zulässig sind. Davor wollte sie auch keine:r
Anwält:in das Wort erteilen. Die Verteidiger:innen fingen aber
trotzdem an, zu reden: Der vertrauliche Austausch mit den Mandanten hinter
der Glasscheibe sei durch die Saaltechnik nicht jederzeit möglich, das
beeinträchtige das rechtsstaatliche Verfahren unzumutbar.
## Mahnwache auf dem Parkplatz
Die Vorsitzende Richterin wies alle Wortmeldungen der Anwälte zurück: „Ich
habe Ihnen nicht das Wort erteilt. Alles, was sie sagen, verpufft
wirkungslos. Es ist nichts Gegenstand dieses Verfahrens.“ Nach einigem Hin
und Her verließen die Verteidiger:innen geschlossen den Saal.
Richterin Lauchstädt zeigte sich überrascht: „Wir unterbrechen die
Verhandlung für 20 Minuten. Nein, zwei Stunden.“
Auf dem Parkplatz vor dem Stammheim-Gebäude hat die Palästina-solidarische
Szene eine Mahnwache aufgebaut. Gegen Ende der Verhandlungspause finden
sich hier auch die Anwältinnen und Anwälte der Beschuldigten ein, stellen
sich den Demonstrant:innen mit Vornamen vor – und verlesen die
Eingangsstatements, die sie ursprünglich vor Gericht hätten halten wollen.
Ein Thema ist der Vergleich zu anderen Aktionen des zivilen Ungehorsams:
Mitglieder der [2][Letzten Generation] hätten in Sylt einen Privatjet
beschädigt und ebenfalls einen Millionenschaden verursacht – doch niemand
habe sie acht Monate in Untersuchungshaft genommen. Die Verhandlung fand
damals vor einem kleinen Amtsgericht statt. Das Verfahren gegen ihre
Mandanten in Stammheim, vor der historischen Kulisse der [3][RAF]-Prozesse,
sei politisch aufgeladen; die massiven Sicherheitsvorkehrungen wirkten
stigmatisierend, als ginge es um Terror.
Nach der zweistündigen Pause konnte das Gericht die Anwesenheit der
Angeklagten nicht mehr feststellen. Auf ihren Plätzen saßen nun die
Anwälte. Die Vorsitzende Richterin gab ihnen fünf Minuten, um sich auf die
eigentlich für sie vorgesehenen Plätze zu setzen. Das machen sie nicht, und
so endet der erste Verhandlungstag, ohne inhaltlich besonders weit gekommen
zu sein. Der nächste Versuch soll am 4. Mai erfolgen.
27 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Minh Schredle
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