# taz.de -- Widerständiges Frauenfimlfestival: Erzählungen über Kolonialismus und Allmende
       
       > Das Frauenfilmfestival in Dortmund und Köln widmet sich noch mal
       > indigenem Widerstand gegen koloniale Ausbeutung. Der solidarische
       > Austausch passte perfekt.
       
 (IMG) Bild: Szene aus „Our Land our Freedom“
       
       Für viele Stammbesucherinnen der Kölner Ausgabe des [1][Internationalen
       Frauenfilmfests (IFFF)] Dortmund/Köln war in den letzten Jahrzehnten der
       heiß erwartete Höhepunkt ein diskursives Format: Ein ausführliches Gespräch
       der erfahrenen Kamerafrau Sophie Maintigneux mit den jeweiligen
       Preisträgerinnen des vom Festival ausgelobten Preises für junge
       Bildgestalter:innen. Dabei zeigte sich die mittlerweile als Professorin an
       der Berliner Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) Lehrende auch
       als immer perfekt vorbereitete emphatische Gesprächspartnerin und ihren
       Erfahrungsschatz großzügig teilende Analytikerin. So konnten auch
       Nicht-Profis hier profitieren.
       
       Jetzt kommt das sicherlich kräftezehrende Projekt zu einem Ende. Doch für
       die letzte Ausgabe hatte das IFFF-Team um Festivalleiterin Maxa Zoller die
       großartige Idee, die Gesprächssituation einmal umzudrehen und Maintigneux
       selbst ausgiebig mit Werdegang und Schaffen zu würdigen. So saß diese nun
       im Kölner Kino Odeon vier Stunden lang vier ehemaligen Arbeitspartnerinnen
       aus verschiedenen Schaffensperioden gegenüber. Und erzählte von den
       Anfängen mit Eric Rohmer als eine von nur drei Kamerafrauen in Frankreich.
       Von der späteren Leidenschaft für den Dokumentarfilm, weil dieser ihrer
       Arbeit größere Freiheit und Verantwortung bietet.
       
       Thema war aber auch Maintigneuxs kollegiales und filmpolitisches Engagement
       für Sichtbarkeit und die Arbeitsbedingungen für Filmarbeitende und
       besonders Frauen, das ihr große Anerkennung auch bei Studierenden
       einbrachte.
       
       Dieser solidarische Austausch von Erfahrung und Anerkennung passte perfekt
       zum diesjährigen thematischen Ansatz der Sektion „Fokus“, die sich unter
       dem Titel „Common Land“ dem Thema Gemeinschaftlichkeit näherte. Das ist die
       englische Bezeichnung für den deutschen Begriff der [2][Allmende] und
       bezeichnet die jenseits individueller Besitzansprüche kollektiv genutzten
       Güter einer Gesellschaft. Es ist eine Form von Eigentum, die historisch vor
       allem in Europa mit dem Übergang zum Kapitalismus in Privatbesitz entstand.
       
       ## Forschung über Hexenverfolgungen
       
       Mit Silvia Federici war beim Frauenfilmfest per Video eine Forscherin
       zugeschaltet, die vor 20 Jahren mit ihrer bedeutenden Studie „Caliban und
       die Hexe“ den Zusammenhang der ursprünglichen Akkumulation mit der
       Unterdrückung von Frauen und den Hexenverfolgungen der Zeit untersuchte.
       Mit im Gespräch war neben Fokus-Kuratorin Betty Schiel auch die
       griechischen Regisseurin Athina Rachel Tsangari, deren im letztjährigen
       IFFF-Wettbewerb gezeigte dystopische Romanadaption „Harvest“ über ein sich
       im aufkommenden Kapitalismus zersetzendes Dorf in Schottland das Thema
       angeregt hatte.
       
       Starke Dokumentarfilme fokussierten auch den Kolonialismus als
       Grundbedingung dieser kapitalistischen Geschichte, vor allem aber das
       Aufbegehren dagegen. In „Our Land, Our Freedom“ (Regie: Zippy Kimundu,
       Meena Nanji, 2023) kämpft die Tochter der legendären kenianischen
       Unabhängigkeitskämpfer Dedan und Mukami Kimathi um die sterblichen
       Überreste ihres 1957 von den Briten ermordeten Vaters und organisiert eine
       soziale Land-Rückgabe-Bewegung für die Nachfahren enteigneter
       Mau-Mau-Kämpfer:innen.
       
       Und „Ôrí“ von Raquel Gerber begleitet 1989 in einem auch musikalisch
       überwältigenden Streifzug die sich trotz Diktatur formierende Schwarze
       Bewegung in Brasilien, die aus den Quilombos entflohener Sklaven und deren
       afrikanischer Herkunftskultur ein widerständiges kollektiv-kulturelles
       Netzwerk bis in die Gegenwart prägt. Auch in „You Think the Earth Is a Dead
       Thing“ von Florence Lazar eignen sich Aktivistinnen auf Martinique
       brachliegendes Land an, um aus der Armut zu Selbstversorgern zu werden. Der
       Film erzählt auch vom Kampf ökologischer Aktivistinnen gegen die Folgen
       einer Bananen-Monokultur, die zusätzlich zur Zerstörung des kulturellen
       Wissens um die einstige florale Überfülle der Karibikinsel den Boden mit
       Pflanzenschutzgiften verseuchte.
       
       Auch das Gespräch mit Federici und Tsangari kam irgendwann auf die Botanik
       in Form kollektiver Landbesetzungen und urbaner Gemeinschaftsgärten, die in
       Teilen des globalen Südens Sammelpunkte neuer sozialer Bewegungen seien,
       wie beide berichteten. Etwas weiter gedacht, könnten aber auch die (vor
       nicht allzu langer Zeit noch totgesagten) Frauenfilmfestivals selbst als
       kollektive Projekte Teil solch global vernetzter neuer „Commons“ sein. „It
       takes a whole village to make a festival“ war Schiels griffiger
       Lieblingsslogan bei den Anmoderationen.
       
       Auch die Auswahl der acht Produktionen des Wettbewerbs für Spielfilme
       trotzte den täglichen Horrormeldungen mit weiblicher Solidarität und
       Aufbegehren. Etwa „Nunkui“, in dem Verenice Benítez von einer indigenen
       Gemeinschaft im ecuadorianischen Amazonastiefland erzählt, die mit den
       Geistern der Erde gegen die drohende Extraktion von Bodenschätzen kämpft.
       Jacqueline Jansens ohne offizielle Fördermittel gedrehter, auf Festivals
       sehr erfolgreicher niederrheinischer Heimatfilm „Sechswochenamt“ ist selbst
       ein Akt des Widerstands. Oder der diesjährige Preisträgerfilm „God Will Not
       Help“, indem Hana Jušić dem Titel gemäß von der Solidarität zweier Frauen
       in einer engen patriarchalen Dorfgemeinschaft erzählt.
       
       Körperlich im Stadtraum sichtbar gemacht wird die Widerständigkeit in dem
       ekstatischen Kurzfilm „Veitstanz/Feixtanz“ der Erfurter Künstlerin und
       DDR-Oppositionellen Gabriele Stötzer, die Freunde und Freundinnen wild,
       unbeschwert und manchmal unbekleidet über Plätze und Mauern der Stadt
       tanzen lässt. In Köln wurde dies in etwas zahmerer aber immer noch starker
       Form wiederholt als öffentliche Freiluft-Mit-Tanz-Performance im Herzen der
       Stadt zwischen Museum Ludwig und Dom.
       
       27 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Internationales-Frauen-Film-Fest-2025/!6077576
 (DIR) [2] /Allmende-und-knappe-Gueter/!5863089
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Silvia Hallensleben
       
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