# taz.de -- Filmfestival Diagonale in Graz: Wer genau hinsieht, hat mehr vom Leben
> Die Diagonale in Graz bietet eine Leistungsschau österreichischen
> Filmschaffens. Besonders überzeugt sie aber durch kundig kuratierte
> Programme.
(IMG) Bild: Die Doku „Mit Ästen bis zum Himmel“ von Katharina Copony entstand in einer Bildungsstätte für blinde und sehbehinderte Kinder
Bei der letztjährigen Diagonale wurde die am 9. November 2024 nach schwerer
Krankheit mitten in einer Produktion verstorbene Filmemacherin
[1][Katharina Copony] durch eine bewegende Hommage gewürdigt. Jetzt kam
beim Festival des österreichischen Films in Graz postum der nach ihrem
Rohschnitt durchs Team fertiggestellte Dokumentarfilm „Mit Ästen bis zum
Himmel“ zur Uraufführung.
In einer Wiener Bildungsstätte für blinde und sehbehinderte Kinder gedreht,
widmet er sich der Bedeutung der Wahrnehmung von Tönen für unseren Umgang
mit der Welt. Dabei taucht der Film tief ein in wildes Spiel und sacht
gelenkte Lernsituationen, wo neben gedichteten „Elfchen“ [2][die Klicksonar
genannte Methode zur Mobilitäts-Aktivierung] eine große Rolle spielt, die
durch Zungenschnalzen einen Echoraum im eigenen Gehirn und Orientierung
schafft.
Auch bei den Programmen des in Graz traditionell stark vertretenen
innovativen Films spielte das Spiel mit Tönen eine starke Rolle. Etwa im
Porträt der Wiener Experimental-Künstlerin Billy Roisz, die sich selbst als
„Dompteur des Maschinenzoos“ bezeichnete.
In ihren kurzen Filmen verwandelt sie Störgeräusche oder punkige
Panik-Kompositionen ihres Komplizen Dieter Kovačič durch die Bearbeitung am
Mischpult oder Videomixer in flirrend-flackernde visuelle Pixel-Gewebe.
Ein zweites Porträt ist traditionell als einziger Programm-Slot des
Festivals einer nicht-österreichischen Filmpersönlichkeit gewidmet. Dieses
Jahr wurden Arbeiten [3][des isländischen Regisseurs und Künstlers Hlynur
Pálmason] präsentiert. Dessen minimalistische Handschrift ragt mit
versponnenem surrealem Humor und widerständiger Machart aus der
Arthaus-Monokultur heraus.
Pálmason arbeitet an und mit Orten und Menschen aus dem eigenen Umfeld,
jedoch ohne autofiktionalen Bezug. In „The Love that Remains“ (2025) lässt
er die eigenen Kinder eine Trennungsfamilie um eine Land-Art-Künstlerin
spielen. Zwischen der nächtlichen Rache eines getöteten Hahns und einem
Ausflug zum Beerensammeln muss ein etwas zu dämlicher angereister Galerist
zur Strafe mit dem Kleinflugzeug ins Meer stürzen.
33 Jahre gibt es das seit 2024 von Dominik Kamalzadeh und Claudia Slanar
geleitete Filmfestival. Seit 1998 ist es in Graz beheimatet. Neben kundig
kuratierten thematischen und personellen Programmen bietet es in einer
ganzen Reihe an Wettbewerben eine breite Leistungsschau österreichischen
Filmschaffens.
Der große Preis für den besten Dokumentarfilm für Tolga Karaaslans
liebevoll präzises Vaterporträt „Baba, What’s Your Plan?“ gibt hoffentlich
auch einer Generation türkischer Arbeitsmigranten mehr Sichtbarkeit. Ebenso
verdient ging der Spielfilmpreis an Angelika Summereders wunderbar freie
Herman-Melville-Adaption „B wie Bartleby“.
## Rückblick auf die 1990er
Eröffnungsfilm war das schon bei der Berlinale vielfach gewürdigte
historische Drama „Rose“ von Markus Schleinzer. In Graz wurde es durch drei
unter dem Titel „Girls Will Be Boys“ versammelte komödiantische
Hosenrollen-Filme der 1930er Jahre kontrapunktiert.
Der Antrieb für den Gender-Betrug ist in „Der Page vom Damasse-Hotel“
(Regie: [4][Victor Janson]) ähnlich existenziell wie in „Rose“: Die junge
Friedel liegt mangels Arbeit mit der Miete krass im Rückstand und schnappt
sich die Chance, in einem ausgeborgten Herrenanzug eine Stelle als
Hotelpage zu ergattern.
In einem filmhistorischen Special hat sich die Diagonale auch den 1990er
Jahren gewidmet, nur mit anderer Gewichtung: Unter dem Titel „Neue
Unsicherheiten“ versammelt das Programm vor allem dokumentarische Arbeiten,
die sich mit den Krisen jener Zeit auseinandersetzen: dem Krieg in
Ex-Jugoslawien und den resultierenden Flüchtlingsbewegungen, dem Niedergang
der traditionellen Industrie und aufsteigenden rechtsextremen Bewegungen.
Der Dokumentarfilm „Vorwärts“ von Susanne Freund [5][begleitet die
Nationalratswahlen 1994] aus Perspektive einer SPÖ-Ortsgruppe der Wiener
Leopoldstadt und findet eine Partei, die sich in Traditionshuberei und
bürokratischer Erstarrung mit den rassistischen Kampagnen der damals
aufsteigenden FPÖ konfrontiert sieht.
30 Jahre später dokumentiert Harald Friedls „Wahlkampf“ wieder eine
Kampagne der SPÖ, diesmal auf nationalem Niveau und fast als Gegenentwurf:
Der Kampf des überraschend in die Parteispitze gewählten SPÖ-Linken Andreas
Babler wurde vor allem von jungen Engagierten getragen, die sich selbst als
eine Art Graswurzelbewegung verstehen.
Zahlenmäßig war das ein Misserfolg, auch wenn Babler jetzt Vizekanzler ist.
Friedls Film zeigt deutlich auch das Beharrungsvermögen des
Partei-Establishments. Bei der Premiere in Graz machten viele der jungen
AktivistInnen im Publikum mit Wortmeldungen deutlich, dass für sie dieser
Kampf weitergeht.
24 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Lektion-im-Sehen/!353446&s=Copony&SuchRahmen=Print/
(DIR) [2] /Echo-Ortung-fuer-Blinde/!5078226
(DIR) [3] https://www.filmdienst.de/person/details/305644/hlynur-palmason
(DIR) [4] /Filmreihe-im-Zeughauskino/!5790931
(DIR) [5] /Oesterreich-zittert-vor-dem-Alpen-Berlusconi/!1539524&s=Haider+FP%C3%96&SuchRahmen=Print/
## AUTOREN
(DIR) Silvia Hallensleben
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