# taz.de -- Schwarze Autorin über die Nachkriegszeit: „Ich wurde regelmäßig auf der Straße beschimpft“
       
       > Marion Kraft wuchs als Schwarzes Kind im rassistischen
       > Nachkriegsdeutschland auf. Jetzt liegt ihr biografisch inspiriertes
       > Romandebüt vor.
       
 (IMG) Bild: Deutsche Nachkriegszeit mit Volkswagen: noch stark von rassistischer NS-Ideologie geprägt
       
       taz: Frau Kraft, wie haben Sie als Schwarzes Kind die deutsche
       Nachkriegszeit erlebt? 
       
       Marion Kraft: Diese Zeit war noch stark von [1][rassistischer NS-Ideologie]
       geprägt. Es gab sogar seitens der Bundesregierung Überlegungen, die
       [2][Kinder Schwarzer US-amerikanischer GIs] und weißer deutscher Frauen in
       die USA zu schicken. Es gab auch Programme, mit denen Mütter überredet
       wurden, diese Kinder in Heime zu bringen oder zur Adoption freizugeben.
       
       taz: Aber Sie blieben bei Ihrer Mutter. 
       
       Kraft: Ja, aber ich bin recht isoliert aufgewachsen, fast ohne nähere
       Kontakte zu Gleichaltrigen. Ich wurde regelmäßig auf der Straße beschimpft
       und von Lehrern diskriminiert. Ich bin allerdings sehr liebevoll bis zu
       ihrem Tod bei meiner Mutter, danach bei meiner Großmutter aufgewachsen, die
       das Schlimmste von mir fernhielt. Im Nachhinein wundere ich mich, wie
       relativ gut ich diese Zeit der Anfeindungen überstanden habe.
       
       taz: Wie haben Sie das geschafft? 
       
       Kraft: Ich war schon früh ein rebellisches Kind und konnte mich auch
       körperlich gut wehren. Andererseits habe ich mich in Fantasien, in
       Geschichten und Bücher gerettet.
       
       taz: Haben Sie Ihren Vater kennengelernt? 
       
       Kraft: Ich kannte ihn nur kurz, dann wurde er in den Krieg nach Korea
       versetzt und meine Mutter verlor den Kontakt zu ihm. Ich habe auch später
       nicht nach ihm gesucht, weil es angesichts der wenigen Informationen, die
       ich hatte, aussichtslos schien.
       
       taz: Wie begann Ihre Spurensuche nach der afrikanischen Herkunft? 
       
       Kraft: Als junge Erwachsene habe ich mich zunächst langsam an meine
       afroamerikanischen Wurzeln herangearbeitet. Dazu musste ich mir erst mal
       die Geschichte von [3][Kolonialismus und Versklavung], die nicht in der
       Schule gelehrt wurde, aneignen. Das interessierte mich aber eher aus
       gesellschaftspolitischen Gründen. Im Übrigen hätte ich meine Wurzeln wohl
       so wenig gefunden wie die meisten afroamerikanischen Menschen. Denn die
       Namen ihrer versklavten Vorfahren waren nicht dokumentiert.
       
       taz: Sie sind auch in der Frauenbewegung aktiv. Wie gut fühlen Sie sich
       integriert? 
       
       Kraft: Als ich mich mit der Geschichte afroamerikanischer Frauen befasste –
       als Studentin verkehrte ich hier und in den USA in feministischen Kreisen
       –, merkte ich, dass Rassismus in der [4][Frauenbewegung] kein Thema war.
       Deshalb habe ich versucht, Schwarze feministische Autorinnen wie [5][Audre
       Lorde] in die Bewegung hineinzutragen. Vielleicht hat das den Blick weißer
       Frauen ein bisschen geweitet.
       
       taz: Wobei Frauen weltweit unterschiedliche Probleme haben. 
       
       Kraft: Ja, aber all diese Praktiken der Unterdrückung sind letztlich die
       Folge des weltweit herrschenden [6][Patriarchats]. Das wiederum begründet
       die Herrschaft der Profitökonomie, in der wir alle leben.
       
       taz: All dies haben Sie in vielen Publikationen behandelt. Warum jetzt noch
       ein Roman über ein Schwarzes Mädchen im Nachkriegsdeutschland? 
       
       Kraft: Diese Geschichte, die autobiografische Züge trägt, wollte ich schon
       lange erzählen. Und anders als es in meiner politischen Publikation „Kinder
       der Befreiung“ möglich war, wollte ich jetzt Menschen aus Fleisch und Blut
       zeigen, die am Rande der Gesellschaft stehen und sich dennoch behaupten –
       wie die Protagonistin und ihre Familie. Wobei ich mein Buch nicht nur als
       antirassistisch, sondern auch als Antikriegsroman verstehe. Er beginnt mit
       dem Ende es Faschismus und des Zweiten Weltkriegs. Der Vater der
       Protagonistin stirbt im [7][Koreakrieg], und ein Freund desertiert, damit
       er nicht in den [8][Vietnamkrieg] muss. Angesichts der aktuellen
       Wehrtüchtigkeitsdebatte sind das hochaktuelle Themen.
       
       Hinweis: In der erstesn Version haatten wir den Buchtitel versehentlich
       falsch angegeben. Wir haben es korrigiert.
       
       20 May 2026
       
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