# taz.de -- Dokumentarfilm „Scherbenland“: Ein Land namens Kreuzberg
> Entlang dreier Generationen Musiker*innen erzählt der Dokumentarfilm
> „Scherbenland“ von der Geschichte Kreuzbergs und seiner
> Bewohner*innen.
(IMG) Bild: Das Kreuzberg von heute
„Der Rauch steigt auf und die Welt zerbricht in Scherben“, singt die
Berliner Rap-Crew RapK in ihrem Song „Scherbenland“. Eine Zeile, die auch
von dem jungen Hausbesetzer Rio Reiser stammen könnte. An dieser Brücke
zwischen den frühen 70ern und dem Kreuzberg von heute setzt der Film
„Scherbenland“ von Lutz Pehnert und Ferdinand Hübner an.
Zwischen Hausbesetzungen und Straßenkampf entwickelte sich die Kreuzberger
Band Ton Steine Scherben um Sänger Rio Reiser zum Sprachrohr einer ganzen
Generation von Kreuzberger*innen und weit darüber hinaus.
„Scherbenland“ fragt, inwiefern der Geist der „Scherben“, wie [1][die Band]
auch genannt wurde, heute noch in Kreuzberg [2][nachhallt]. Pehnert und
Hübner machen sich auf die Suche nach den Überresten eines der
wirkmächtigsten Mythen der deutschen Popkultur: das Kreuzberg der frühen
70er Jahre.
Der Film geht dabei herrlich unprätentiös vor. Es gibt keinen erklärenden
Off-Text, stattdessen stehen Alltagsszenen und Stimmungen im Vordergrund.
In einem Mix aus Archivmaterial und Gegenwartsaufnahmen wird ein buntes
Viertel mit einer bewegten Vergangenheit porträtiert.
Im Vordergrund steht dabei [3][die dreiköpfige Rap-Crew RapK]. Deren
Mitglieder erzählen von ihrem Aufwachsen in einem Viertel, das so gar nicht
in das Stadtbild bestimmter Bundeskanzler passt. Auch wenn (oder gerade
weil) die Kamera stellenweise so nah dran ist, dass das Ganze ins
Reportagenhafte gleitet, entsteht eine besondere Authentizität. Ein Kaffee
mit Freunden, von denen einer seinen Sohn Rio genannt hat, und Gespräche
mit Bekannten bei der Stadtreinigung geben Einblicke in das echte Leben in
einem Kiez, der sich selbst kaum noch gehört.
## Große Fragen zwischen den Zeilen
Zwischen den Zeilen stellt „Scherbenland“ auch große Fragen. Was zu Rio
Reisers Zeiten [4][die Besetzung des Bethanien-Krankenhauses] war, ist im
heutigen Kreuzberg die Kündigung wegen Eigenbedarfs. Wenn RapK am Spreeufer
stehen und auf die Luxusneubauten auf der anderen Flussseite blicken, dann
wird schnell klar, wie sehr sich manche Konflikte verschoben haben und wie
präsent sie trotzdem geblieben sind.
Auch die Singer-Songwriterin Maike Rosa Vogel lebt seit Jahrzehnten in
Kreuzberg und schlägt damit eine Brücke zwischen Ton Steine Scherben und
RapK. Vogel arbeitet inzwischen in einem Second-Hand-Laden und nicht mehr
als Musikerin. Dies ermöglicht ihr einen angenehmen Blick von außen. So
nimmt sie die Rolle einer Vermittlerin ein, die mit dem Geist der Musik von
damals im Kreuzberg von heute lebt. Sie erzählt von den prekären
Lebensumständen junger Eltern, die ihr Geld mit Musik verdienen, und davon,
was es bedeutet, seine Wurzeln in Kreuzberg zu haben, auch wenn einem der
Boden unter den Füßen wegrutscht.
„Scherbenland“ will ein Gefühl einfangen, das zwischen Brüchen und
Kontinuitäten oszilliert und sich nicht auf einen Satz herunterbrechen
lässt. Zwischen Protest, linken Idealen und Gemeinschaftsgefühl einerseits
und Verdrängung, Obdachlosigkeit und Turbokapitalismus andererseits ist
über Jahrzehnte hinweg etwas entstanden: ein „Land namens Kreuzberg“, wie
RapK singen.
4 May 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Laurin Lell
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