# taz.de -- Berliner Theatertreffen: Sex, Text und Monodrama
       
       > Gemischte Gefühle bei Schnitzler und Houellebecq: Beim diesjährigen
       > Berliner Theatertreffens ist vom lauten „Buuh“ bis zur Beseeltheit alles
       > drin.
       
 (IMG) Bild: Vor dem Elend der (eigenen) Welt die Augen bedecken: Antoinette Ulrich in Tennessee Williams „Die Glasemangerie“
       
       Die Liebe, der Körper und der Text sind es, die sich in den Inszenierungen
       drei bis fünf [1][des Theatertreffens an teils nicht vergehen wollenden
       Abenden] als übergreifende Themen herausschälen.
       
       Da lässt die junge Britin Jaz Woodcock-Stewart (Theater Basel) die
       Protagonisten aus Tennessee Williams’ „Glass Menagerie“ in den Berliner
       Festspielen durch den schon 1930 in St. Louis zerbrochenen amerikanischen
       Traum einer mittellosen Kleinfamilie zittern. Auf vibrierenden Plattformen
       wird Wackelpudding serviert, zu Natalie Portmans Filmszenen masturbiert,
       und am Ende fliegt auch noch das Abendessen durch den Saal.
       
       Am zweiten Aufführungsabend löst das zwar ästhetisch in die vage Gegenwart
       geholte Drama (knalliges Motorrad, Screamo-Musik, Computer) über die
       traurige, Glasfiguren sammelnde Laura, ihre unaushaltbare Mutter und das
       Elend der Kernfamilie gemischte Gefühle beim Publikum aus. Während vorne
       gejubelt wird, wird in der Mitte überraschend laut „Buuhh“ gebrüllt, das
       Ganze geht ein wenig hin und her.
       
       ## Dreistündige Unentschiedenheit
       
       „Aber was sollte das ganze Zittern denn zum Text beitragen?“, fragt laut
       ein Herr seine Begleitung. Vielleicht ist auch er irritiert über die
       dreistündige Unentschiedenheit zwischen zeitgenössischer Ästhetik bei
       offensichtlicher Auslassung aktueller (amerikanischer)
       Gesellschaftsdiskurse zugunsten des geschichtsträchtigen Stoffes.
       
       Historisch ist Michel Houellebecqes Romanvorlage „Serotonin“ von 2019
       hingegen noch nicht, auch wenn der darin beschriebene Mann durchaus als
       eine Art uralter Archetyp gelten kann. [2][Sebastian Hartmann setzt Guido
       Lambrecht dafür in weißen Kleidern in eine weiße Kiste], in der die
       Zuschauenden ihm dann beim Verschwinden zusehen können. Über fünf Stunden
       rezitiert Lambrecht den Roman, unterbrochen von dazu addierten
       Einflechtungen einer deutsch-deutschen Lebensgeschichte, die dem
       houellebecqeschen misogynen Durchschnitts-Monster Florent-Claude Labrouste
       unnötigerweise den Ekel nehmen.
       
       Faszination bleibt trotzdem: für die schiere Leistung und die
       Schnelligkeit, mit der sich so ein Körper im pausenlosen Spiel ohne Wasser
       verwandeln kann. Wie der Protagonist verschwindet auch Lambrecht: die
       Schultern fallen ein, die Hände schwellen gerötet an, die Haare werden
       länger wie das Unkraut, das die Ruine Mann erobert. Am Ende ist der Saal
       halb leer. Im müden Klatschen im Potsdamer Hans Otto Theater liegt am
       Mittwoch zwischen Darsteller und Publikum das stumme Verständnis der
       gemeinsamen Erschöpfung.
       
       ## Viel Witz und Improvisation
       
       Auch Leonie Böhm inszeniert die Literaturvorlage Arthur Schnitzlers
       „Fräulein Else“ (Volkstheater Wien) als publikumsforderndes Monodrama, wenn
       auch ansonsten denkbar gegenteilig. [3][Julia Riedler als Else zieht darin
       über anderthalb Stunden das Publikum] im Berliner Ensemble mit
       österreichischem Charme in ihren Bann. Voll Witz, Improvisation und
       dialogischer Laienverwicklung wird die Novelle über sexuellen
       Machtmissbrauch ins Jetzt geholt und zerfließt schließlich im
       superdidaktischen Happyend in supergrüner Nylonunterhose (Belle Santos).
       
       Das Publikum, allen voran die während des Stücks empathisch engagierte
       Kieler Schulklasse, stört sich nicht dran und erhebt sich geschlossen für
       frenetischen Jubel. Besonders beseelt blicken die älteren Herren: ganz
       berückt vom jungen, nackten Fräulein.
       
       8 May 2026
       
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