# taz.de -- Graphic Novel als Theaterstück: Pausenlos mit dem eigenen Blick beschäftigt
       
       > Mit dem Jungen Staatstheater Wiesbaden bringt Mia Constantine Liv
       > Strömquists „Im Spiegelsaal“ auf die Bühne. Das Stück läuft bei den
       > Internationalen Maifestspielen.
       
 (IMG) Bild: Machen die bunten Produkte uns schöner? Sophie Pompe, Maurizia Bachnick, Sherwin Douki und Jan-Emanuel Pielow in „Im Spiegelsaal“
       
       In dem verspiegelten Würfel, der in der Mitte der Bühne steht, kann sich
       das Publikum selbst betrachten. Aufgeklebt ist die Spiegelfolie so, dass
       das Bild ein bisschen verzerrt, die wartenden Gesichter ein bisschen
       verzogen sind. Schon bevor es losgeht, stimmt das Requisit auf diese Weise
       auf einen Abend ein, der sich nicht nur mit Schönheit und dem eigenen
       Spiegelbild, sondern auch damit auseinandersetzt, wie sehr sich der Blick
       auf das eigene Aussehen verzerrt, wenn man ihm permanent ausgesetzt ist.
       
       Dazu passt ein überhörtes Gespräch aus den mittleren Reihen. Eine
       Jugendliche spricht mit ihrer Mutter über die täuschend echten, perfekten,
       aber künstlich generierten Gesichter, die inzwischen im Internet kursieren:
       „Kurz habe ich gedacht, die ist echt, die existiert wirklich.“ Viele
       Jugendliche sitzen heute Abend hier, viele begleitet von ihren Eltern.
       
       Das Junge Staatstheater in Wiesbaden (JUST:) nimmt sie mit in den
       „Spiegelsaal“, basierend auf dem gleichnamigen Sachcomic der
       [1][schwedischen Comiczeichnerin und Politikwissenschaftlerin Liv
       Strömquist]. In essayistischen Fragmenten reflektiert Strömquist darin
       entlang historischer, fiktiver und zeitgenössischer Figuren den
       Schönheitsbegriff. Sie verknüpft ihn mit Begehren, mit Beurteilung und
       Abwertung und schafft eine Diskursanalyse über einen Begriff, der sich
       durch die ständige Verfügbarkeit von Spiegeln, Bildschirmen und Abbildern
       im permanenten Wandel befindet.
       
       Die Inszenierung von Mia Constantine arbeitet die verschiedenen Figuren
       schnell ab. Die Bühne wird zur Quizshow, ein Moderator:innenduo
       (Sophie Pompe und Jan-Emanuel Pielow) rattert durch 3.000 Jahre
       Schönheitsgeschichte: Nofrete, Sisi, Marilyn Monroe, alle verbildlicht
       durch comicartige Kartonschablonen. Am Ende steht Kylie Jenner: Netzartig
       verschleiert mit riesigen aufgeklebten Augen und noch größeren Lippen
       erscheint sie weniger als Person, sondern wird zu einer grotesken,
       säuselnden Projektionsfläche, sie, die Schönheit zur Ware, zur Währung
       macht, die begehrenswert ist, weil sie begehrt wird.
       
       ## Schönheitsbegriff weitergedacht
       
       Die Produktion wird im Rahmen der Internationalen Maifestspiele gezeigt,
       die sich in diesem Jahr mit dem Konzept des Archivs beschäftigen, mit dem
       Archiv als ein Ort, der bewahrt und erinnert, aber auch fortschreibt. So
       denkt auch die Wiesbadener Inszenierung den Schönheitsbegriff weiter, über
       Strömquists Gedanken aus 2021 hinaus. Während sich dieser ausschließlich
       auf weibliche Schönheitsbilder konzentriert, erweitert das Stück den Blick
       um männliche Selbstoptimierung. Zu Kylie kommt [2][Timothée], Schönheit
       wird messbar und optimierbar. Vor allem, wenn man den Routinen und
       Produkten glaubt, die die Stimmen im Internet, die [3][Looksmaxxer] und
       Influencerinnen, versprechen. „Das ist echt immer so!“, raunt es aus den
       mittleren Reihen, die Tochter zur Mutter. Schönheit im Spätkapitalismus.
       
       Der Würfel löst sich auf, wird zum Spiegelkabinett, in dem sich das
       Ensemble immer mehr verliert. Wir schauen ihnen dabei zu, wie sie sich in
       langen Spiegelwänden verdoppeln, pausenlos mit dem eigenen Blick
       beschäftigt. Wie sie, eingehüllt in Folie, endgültig zum bewertbaren
       Produkt werden.
       
       Dabei ist das Stück laut, grell, überbordend: Die Kostüme von Lena Hiebel
       sind neongelb und silber, voller Pailletten, Rüschen und Federn, erinnern
       so an Strömquists punkig-satirischen Zeichenstil. In dieser Überzeichnung
       verliert sich das Stück jedoch teilweise. Vor allem dann, wenn große Ideen
       und Gedanken nicht stehengelassen, sondern noch einmal erklärt, noch einmal
       besungen und nachgezogen werden. Am stärksten ist die Inszenierung dann,
       wenn sie ruhiger wird. Wenn die Kartonlippen und Federn abgelegt werden und
       sich das Ensemble hinter den Spiegel stellt. Und wenn sie über ihre eigenen
       Unsicherheiten und Vorstellungen von Schönheit sprechen, sich das Publikum
       wieder selbst im Spiegel sieht und sich die Grenze zwischen Bühne und Saal
       auflöst.
       
       10 May 2026
       
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