# taz.de -- „Sankt Falstaff“ am Burgtheater Wien: Der Räuber und der Prinz
> Wohin mit der Macht? Am Wiener Burgtheater demonstriert Ewald
> Palmetshofers „Sankt Falstaff“, warum das Private nicht unbedingt das
> Politische ist.
(IMG) Bild: Die Erbfolge ist undurchsichtig. Maria Happel, Oliver Nägele und Bibiana Beglau (von links nach rechts) in „Sankt Falstaff“
Vom Komasaufen kaum erwacht stolpert der dicke Ritter Falstaff – [1][Birgit
Minichmayr] mit guter Daunenbettware trefflich aufgepolstert – im
Halbdunkel der Bühne über einen leblosen adoleszenten Männerkörper. Der ist
auch ohne Kuss ein Prinz, wiewohl er, Harry (Tristan Witzel), das
eigentlich verbergen wollte. Dieser Leib soll später mal die Krone tragen,
sich nach der politischen Theologie des Hochmittelalters in den Gesalbten
verwandeln, der von Gottes Gnaden alle Gewalt ausübt. Einstweilen ist er
noch schwach vor Intoxikation.
Der Junge will die Firma nicht übernehmen, noch nicht. [2][Falstaff], der
alte Drecksack, ist zu ihm ausnahmsweise nett und päppelt ihn hoch. Das
könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein oder gar, so klingt
es jedenfalls in [3][Ewald Palmetshofers] Shakespeare-Paraphrase „Sankt
Falstaff“ durch, der zarte Anflug einer Liebesgeschichte, wären da nur
nicht die ganzen politischen Machinationen.
In Shakespeares Falstaff-Serial, Heinrich IV. Teil 1 und 2, sind es
Schlachten in Schottland, Aufstände in Wales und der Krieg um eine
undurchsichtige Erbfolge, bei Palmetshofer die Bruchstücke aus dem
täglichen News Cycle, „Dauerkrisenzustand“, die „Hitze des Planenten, der
verbrennt“, die populistische Erregungsbewirtschaftung, „Wir säen und essen
Panik, stiften Angst“. Shakespeares Züge auf dem Bühnentableau erscheinen
glaubhaft als Resultat von Truppenbewegungen. Die theatrale Imagination der
Gegenwart bleibt ziemlich unerheblich für den Konsens über Krieg und
Frieden, wie über alles andere.
Das schafft auf der Bühne ein Darstellungsproblem. Lässt sich Macht noch
glaubhaft personifizieren, um am Exempel der Person Herrschaft zu
kritisieren? Solches Abstraktionsvermögen war Geschäftsgrundlage eines
Theaters, wie man es bislang kannte: durch den Verschub in den
Anachronismus eines kanonischen Stoffs einerseits Denkräume zum Begreifen
der Gegenwart zu öffnen und andererseits die daraus freigesetzten Energien
im Vorgriff auf politische Aushandlungsprozesse zu kanalisieren. Sein
doppelter Charakter hat unweigerlich immer Macht repräsentiert und zugleich
in der Kritik der Repräsentation Machtkritik geleistet. Es bleibt die
Frage, was am Staatstheater die Vorsilbe noch bedeutet, die ihm bislang
einen exponierten Platz im Kulturbetrieb einräumt.
## Probe aufs eigene Selbstverständnis
„Sankt Falstaff“ erneut anzusetzen wird so über den Theaterabend hinaus zur
Probe aufs eigene Selbstverständnis. [4][Karin Henkel] schickt in ihrer
Inszenierung sechs Schauspieler:innen, Birgit Minichmayr, Maria Happel,
Tristan Witzel, Oliver Nägele, Bibiana Beglau und Tim Werth auf die Suche
nach dem Politischen.
Der Ort der Erkenntnis ist ein recht gruseliges Gothic-Novel-Ambiente mit
ein paar surrealen Verschüben (Bühne: Thilo Reuther). Das „Haus der Macht“
erweist sich als abgefressener Kadaver. Hier ist nicht nur „something
rotten“ unter der bühnenüberspannenden Kathedrale aus Rippenknochen, die
über ein Stück Rückgrat als Scharnier im Giebel gelegentlich knarzend
bewegt werden. Darüber stattdessen clean und anonym die glupschäugige
Überwachungskamera der Macht, die nie mit Theatermitteln fassbar in
Erscheinung tritt. An der Hinterfront ragt ein übermann/frau hoher
Totenschädel, dessen Augenhöhlen gelegentlich Bühnennebel speien, aber
ansonsten wenig zur Klärung des Daseins beitragen.
Im schnellen Rollenwechsel folgt der Durchmarsch durch den Shakespearschen
Heinz-Vier-Stoff. Kostüme und Masken von Teresa Vergho entwerfen ein
hübsches Horrorpuppenspielensemble, das immer wieder Momente von weirder
Komik freisetzt. Maria Happel oszilliert von der umtriebigen Frau Wirtin im
kleinen Glitzerschwarzen zum Deppen-„Quasi-König“ Heinz mit Strumpfmaske
und Helmut-Kohl-Brille. Ein Thronprätendent pinkelt sich an und stirbt.
Falstaff, der kleinkriminelle Kleinadelige, wird bei einem Taschenraub von
seinen eigenen Jungs verdroschen.
## Die schädlichen Lockungen der Macht
Das Ende gerät romantisch. Harry wird nicht König, sein lieber Falstaff
erstickt ihn, bevor er das fidele Außenseitertum gegen die schädlichen
Lockungen der Macht eintauschen kann. Ihn – den auf diese Weise nicht
gewordenen Heinrich V. – drapiert man auf den Klostuhl seines
Regentenvaters und diesen sterbend zu seinen Füßen. Legitimität, my ass.
Damit stürzt aber auch das ganze Falstaff-Thema in sich zusammen.
[5][Shakespeare] ließ den philosophisch lügenden Trunkenbold in seinem
faszinierenden wie destruktiven Potenzial so lange gewähren, bis die in
seiner und seiner Auftraggeber Sicht legitime Erbfolge wieder gegeben war.
Die Frage nach der Legitimität von Herrschaft stellt sich auch in der
Demokratie. Wo alles wurscht ist, beginnt der Defätismus der Populisten.
Wenn wir tatsächlich lediglich von Knallchargen regiert werden, warum
regieren sie dann noch? Selbst die treffendste Parodie ist deswegen noch
lange keine Herrschaftskritik. Worum ging es eigentlich die vergangenen
drei Stunden?
10 May 2026
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