# taz.de -- Buckelwal Timmy: Die wirklich wichtigen Fragen und Antworten zum Wal
> Krieg, Katastrophen, Königshäuser – alles egal. Deutschland bangt um
> einen Wal. Was Sie schon immer nicht wissen wollten über Timmy. Das
> taz-Rechercheteam hilft.
(IMG) Bild: Wal oder keine Wahl, das ist hier die Frage
Wieso gibt es wieder Hoffnung für den Wal?
Für den bei Wismar gestrandeten Buckelwal soll der neue Rettungsversuch am
Donnerstag beginnen. Umgesetzt werden soll das Konzept von einer privaten
Initiative, die für die Aktion laut Umweltministerium die Verantwortung
trägt. Nach Angaben von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till
Backhaus („Bomber-Backhaus“, SPD) ist geplant, heute Luftkissen unter das
Tier zu bringen und es schonend anzuheben. Dazu soll Schlick unter ihm
weggespült werden. Der Wal soll dann auf einer Plane zwischen zwei Pontons
gelagert und transportiert werden.
Was hat Mediamarkt damit zu tun?
Hinter dem Konzept für die Rettungsaktion stehen der Mediamarkt-Gründer
Walter Gunz und die Unternehmerin Karin Walter-Mommert, die irgendwie aus
dem Pferdesport bekannt ist (wird berichtet). Ohne die Aktion werde der Wal
in jedem Fall sterben, hatte Walter Gunz der Deutschen Presse-Agentur
gesagt. „Wenn man was versucht, dann hat man zumindest die Chance, dass man
ihn rettet.“
Geht jetzt der Trend zum Zweitwal?
Ein Wal bleibt selten allein. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. In
der Ostsee schwimmt jetzt auch noch ein Belugawal rum. Die Bild hat ihn
zuerst gesehen. Beziehungsweise als Erste von [1][der ansonsten eher
stiefmütterlich beachteten Online-Zeitung] Der Nordschleswiger
abgeschrieben. Das ist ein deutschsprachiges Medium aus Dänemark. Ist also
nah am Wasser gebaut. Die kennen sich aus mit allem, was in der Ostsee
kreucht und fleucht.
Was wollen Rechtsextreme vom Wal?
Sie instrumentalisieren das arme Tierchen. [2][Rechte spielen sich immer
wieder als Tierschützer auf.] In Wirklichkeit sind sie das nicht, ihr
politisches Programm ist klimaschädlich und somit höchst gefährlich für
Umwelt und Tiere. Aber [3][die vermeintliche Tierliebe] erfüllt für die
Rechten eine propagandistische Funktion: Tiere wecken bei vielen Menschen
starke Emotionen, das Thema eignet sich, um bei „normalen Bürgern“
Sympathie zu wecken, die mit klassischen rechten Themen nicht zu begeistern
sind.
Sich als tierlieb darzustellen, ermöglicht Rechtsextremen, von ihren
menschenfeindlichen Positionen abzulenken. Zudem ist Sozialdarwinismus ein
Kernelement rechter Ideologie. Ein anderes Beispiel für ein prominentes
Tier, das Rechte bis aufs Blut verteidigten, war der Kampfhund „Chico“, der
2018 den Hundehalter und seine Mutter totbiss.
Warum sind wir alle so angefasst?
Das wüsste die taz auch gern. [4][Jüngst nutzte ein Autor für den Buckelwal
das Synonym „Ungetüm“.] Da war was los. Instagram-User:in „sassimottimaus“
etwa zeigte sich „entsetzt“ über diese Form der Berichterstattung, denn:
„es handelt sich NICHT um ein ‚Ungetüm‘, sondern um ein hochintelligentes
Meereslebewesen.“ Eine „förmliche Beschwerde per E-Mail-Mail“ gab es dazu.
Und die Aufforderung zur sofortigen Richtigstellung. Rüge des Presserats
nichts dagegen. Also, bitte schön: „Es handelt sich NICHT um ein ‚Ungetüm‘,
sondern um ein hochintelligentes Meereslebewesen.“ Gern geschehen.
Wieso heißt der Wal eigentlich Timmy?
Der Wal ist erstmals vor der Gemeinde Timmendorfer Strand gestrandet. Da
lag der Name so nah wie das Ufer. Und merke: In Deutschland gilt die Regel:
„Kein Tier ist namenlos!“ Sonst könnte sich der Boulevard nicht so
drankuscheln.
Aber war Timmy nicht ein Hund?
Stimmt. Jeder, der seit frühester Jugend mit Kinderhörspielen oder
Kinderfernsehserien gefüttert wurde, kriegt – dem Wal sei Dank – das Ende
dieser Titelmelodie nicht mehr aus dem Kopf: „Und Tihimmy dääär Huuund!“ Wo
kam das noch mal her? TKKG? Nein, deren Hund hieß Oskar. Aber war da nicht
trotzdem irgendwas? Sicher, es kommt noch schlimmer: [5][„Fünf Freunde“],
die britische TV-Kinderserie aus den 1970ern. Was dagegen helfen könnte?
Vielleicht ein noch penetranterer Name für den Zweitwal (siehe oben).
Woher wissen wir, dass Timmy männlich ist?
Seine Geschlechtsorgane hält Timmy bedeckt – auch wenn er sich derzeit an
einem ostdeutschen Strand aufhält. Also weiß man es gar nicht so genau. Und
taz-Leser:innen wissen auch: Jemanden nur aufgrund von primären
Geschlechtsmerkmalen in das binäre Geschlechtersystem einzuordnen, machen
nur Rechte (und zu Rechten: siehe oben).
Expert:innen schließen aufgrund des Verhaltens und der Größe des Wals
auf einen männlich gelesenen Zeitgenossen. Nun gut, da ist durchaus etwas
dran: So draufgängerischrisikoreich-dumm hätte sich eine Frau nicht
verhalten. Und außerdem schon früh gemerkt, dass etwas ihrer Haut nicht
guttut und sie ein anderes Wasser braucht.
Stimmt es, dass Timmy tatsächlich in Biodiesel verwandelt werden sollte?
Tatsächlich gab es schon sehr konkrete Pläne dafür. Das in
Mecklenburg-Vorpommern zuständige Tierkörperbeseitigungsunternehmen SecAnim
wollte Timmy nach seinem Ableben fachgerecht entsorgen. Die Endprodukte
fänden dann „als CO₂-neutraler Brennstoff Verwendung in Kraftwerken sowie
der Zementindustrie“ oder „werden zu hochwertigem und umweltfreundlichem
Biodiesel weiterverarbeitet“, [6][sagte ein Firmensprecher zu t-online].
Total öko also.
Könnte man den Wal nicht einfach aufessen?
Theoretisch ja. Walfleisch soll ähnlich wie Rind schmecken. Praktisch kommt
Timmy aber nicht auf den Tisch. [7][Denn in der Europäischen Union ist die
Einfuhr und Vermarktung von Walfleisch nach der EU-Verordnung (EG) 338/97
verboten.] Die Behörden in Deutschland könnten gemäß den Bestimmungen des
Bundesnaturschutzgesetzes Ladungen beschlagnahmen, die gegen die
europäische Richtlinie verstoßen. Bleibt also nur Biodiesel – es sei denn,
Timmy kommt doch vom Fleck.
Waren Buckelwale nicht mal berühmte Sänger?
Ja. Jeder echte Altöko hat irgendwo ganz hinten im Plattenschrank noch die
LP mit [8][Walgesängen] aus dem Greenpeace-Shop. Das musste man haben in
den 1980ern. Zur Entspannung. Und für das persönliche Ökogleichgewicht.
Damit fühlte man sich dem gejagten Tier ganz verbunden. Fast so wie heute
mit Timmy. Wahrscheinlich wurzelt die Walliebe der Deutschen in dieser
Zeit. Vielleicht gibt es die Platte bald wieder bei Mediamarkt.
Gibt’s wirklich nichts Wichtigeres als den Wal?
Mag sein, aber es nützt nichts: Seit über 100 Jahren gibt es schlaue Bücher
und kiloweise Theorie zum Thema Nachrichtenwert, aber sie scheitern alle an
einem gestrandeten Riesensäuger. Journalistenschüler*innen können
wohl nur noch müde lächeln, wenn man ihnen die alte Leier vorspielt: „Hund
beißt Mann“ ist keine Meldung, „Mann beißt Hund“ hingegen schon.
Dass diese eher ulkig gemeinte Faustregel mehr als nur ein Fünkchen
Wahrheit beinhaltet, ist dieser Tage glasklar ersichtlich, auch für
Nichtjournalist*innen. Klimakrise, Krieg, Faschismus – das alles hat
Nachrichten-, aber kaum Neuigkeitswert. Ein Buckelwal in der Ostsee
hingegen wühlt Redaktionskonferenzen auf, provoziert Leser*innenbriefe, vor
allem aber klickt es stark, wochenlang. Was wohl erst los ist, wenn nicht
mehr die Wale stranden, sondern die Strände wählen?
16 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.nordschleswiger.dk/nordschleswig/weisser-gast-in-der-flensburger-foerde-seltener-belugawal-sorgt-fuer-aufsehen/3418977
(DIR) [2] https://www.nf-farn.de/rechtsextreme-argumente-mythen-thema-tierschutz
(DIR) [3] https://www.nabu.de/wir-ueber-uns/organisation/31953.html
(DIR) [4] /Menschen-Tiere-Sensationen/!6166794
(DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=JXzui1pSKqU
(DIR) [6] https://www.t-online.de/nachrichten/panorama/tiere/id_101206470/buckelwal-drama-in-der-ostsee-timmy-soll-zu-biodiesel-verarbeitet-werden.html
(DIR) [7] https://www.bundestag.de/webarchiv/presse/hib/2013_08/04-257212#:~:text=Berlin:%20(hib/AS)%20Die%20Einfuhr%20und%20Vermarktung%20von,ist%20nach%20der%20EU-Verordnung%20(EG)%20338/97%20verboten.
(DIR) [8] https://youtu.be/2H_eRJ7-nIs?si=Re0CfCbDNg5iwkqF
## AUTOREN
(DIR) Gereon Asmuth
(DIR) Lotte Laloire
(DIR) Konstantin Nowotny
(DIR) Rainer Rutz
(DIR) Eva Fischer
## TAGS
(DIR) Wale
(DIR) Mecklenburg-Vorpommern
(DIR) Schwerpunkt Artenschutz
(DIR) Medienkritik
(DIR) Media Markt
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Kolumne Geraschel
(DIR) Tierschutz
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Wale
(DIR) Meeresschutz
(DIR) Wale
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Gespräch mit Wal Timmy: „Ich wurde von allen Seiten angebaggert“
Was will er, der Wal in der Ostsee? Will er Ruhe auf der Sandbank oder
Freiheit? Exklusive Antworten eines Tieres, das unter die Menschen geriet.
(DIR) Rechte Influencer: AfD-Vorfeld nutzt Wal für Propaganda gegen andere Parteien
Influencer machen mit dem gestrandeten Wal Stimmung gegen die Konkurrenz
der AfD. Die Partei sät schon lange Misstrauen gegen Wissenschaftler.
(DIR) Skandal um Wal: Timmy ist einer von uns
Wal Timmy spaltet das Land wie einst Corona: Misstrauen gegen Experten, Wut
auf „die da oben“. Der Rettungsversuch mit Luftkissen könnte einen Aufstand
verhindern.
(DIR) Neue Hoffnung für Timmy: Minister erlaubt private Walrettungsmission
Der gestrandete Buckelwal könnte vielleicht doch gerettet werden.
Umweltminister Backhaus gibt grünes Licht für den Transport in die Nordsee.
(DIR) Walforscher über sterbenden Wal: „Es wird nach einfachen Lösungen gesucht“
Halb Deutschland nimmt Anteil am gestrandeten Wal Timmy. Meeresschützer
Fabian Ritter würde sich wünschen, dass dabei auch Meeresschutz Thema wird.
(DIR) Gestrandeter Wal in der Ostsee: Wird Timmy auferstehen?
Der gestrandete Wal Timmy berührte zum Osterfest viele Menschen. Warum,
erklärt Rainer Hagencord, Leiter des Instituts für Theologische Zoologie.