# taz.de -- Skandal um Wal: Timmy ist einer von uns
       
       > Wal Timmy spaltet das Land wie einst Corona: Misstrauen gegen Experten,
       > Wut auf „die da oben“. Der Rettungsversuch mit Luftkissen könnte einen
       > Aufstand verhindern.
       
 (IMG) Bild: Timmy!
       
       Vielleicht sind es, flankiert vom Bayernsieg trotz Neuer-Patzer und dem
       Einzug des Frühlings, vor allem die jüngsten Geschehnisse in Ungarn, die
       uns Deutschen frischen Mut einflößen – die Frohbotschaft lautet: Wal kann
       auch gut ausgehen.
       
       Und so gibt es nun endlich wieder Anstalten, [1][das aktuelle Herzenstier
       der Deutschen zu retten]. Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz wird gemeinsam
       mit einer nicht weiter genannten Unternehmerin einen neuen Rettungsversuch
       des erst in der Lübecker und nun in der Wismarer Bucht gestrandeten
       Buckelwals Timmy finanzieren.
       
       Davor hieß es ja nur noch: Die Qual der Wal muss endlich enden. Man wollte
       ihn zur Linderung mit Salzwasser besprenkeln und langsam einschlafen
       lassen. Weitere ins Auge gefasste Rettungsmethoden wurden als zu strapaziös
       für das kranke Tier verworfen.
       
       „Ich kann nicht verstehen, warum man nicht von Anfang an mehr versucht
       hat“, sagt denn auch Gunz, und er ist mit dieser Meinung nicht allein. Im
       Gegenteil: Es geht hoch her, speziell auf Social Media wurden Behörden,
       Retter und Experten von Anfang an mit Hass überschüttet.
       
       ## Timmy ist einer von uns
       
       „Auf dem Steg Fischbrötchen kauend“ (El Hotzo) beurteilten unsere
       Tierfreunde die bisherigen Maßnahmen besserwisserisch und aggressiv: „Die
       machen alles falsch“. Dazu garniert mit Beschimpfungen und Morddrohungen
       gegen die echten Experten – das alles erinnert fatal an den Umgang mit den
       Coronamaßnahmen: Wissenschaftler sind scheiße, „die da oben“ hassen uns und
       Wale, und kümmern sich lieber um die Ukraine oder die angebliche
       Klimakrise.
       
       Nur für den Wal wird nichts getan. Dessen ist sich das Volk ganz sicher.
       Dabei müsste man doch nur mal richtig Geld in die Hand nehmen. Wie wäre es
       damit, die ganze Ostsee auszubaggern, damit der Hirni gar nicht mehr auf
       die Idee kommt, noch mal irgendwo zu stranden? Oder Pioniere der Bundeswehr
       könnten endlich mal was Sinnvolles tun, anstatt immer nur harmlose Russen
       zu bedrohen. Eine Unterwasserbehelfswalbrücke oder so. Klar, das kostet
       alles, aber [2][für Geflüchtete], Queere, und unverständliche Quatschkultur
       (Theater!), die kein „normaler Mensch“ braucht, ist doch offenbar auch
       genug Kohle da.
       
       Timmy ist nämlich einer von uns, ein reiner Charakter, leidensfähig und
       stolz, und in der Seele (Ost-)Deutscher, deshalb hat es unsere
       Walverwandtschaft zuletzt auch nach Wismar hingezogen, dieses schöne, aber
       strukturschwache UNESCO-Weltkulturerbe. Kein Wunder, dass die Wessis ihn
       umbringen wollten, aber jetzt, da die ganze Welt darauf blickt, geht das
       nicht mehr so einfach – ellabätsch.
       
       ## Die dummen Scheißexperten
       
       Sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mischte sich nun ein, ein
       unmissverständliches Zeichen für den Ernst der Lage. Im NDR ermahnte er das
       Walvolk, dass es „die Anfeindungen, so wie wir sie gerade erleben, bitte
       schleunigst unterlassen“ möge. Und er habe aus der Ferne den Eindruck, die
       Landesregierung tue, was sie könne – die Experten wüssten mehr über „die
       Navigation, die Wale steuern lässt“.
       
       Nein! Nein, Herr Bundespräsident, Einspruch! O Gott, die Knalltüte hat ja
       fast genauso wenig Ahnung, wie die sogenannten Walforscher. Der deutsche
       Michel weiß viel mehr darüber als die dummen Scheißexperten. Einfach nur
       ziehen den Wal, und dabei ein aufmunterndes Lied singen: „Fünf kleine
       Fische, die schwammen im Meer, blub blub blub blub, da sagt der eine: ‚Ich
       kann nicht mehr‘, blub blub blub blub …“
       
       Ein Glück, dass das mit Walter Gunz nun ein wahrer Fachmann in die Hand
       nimmt. Denn wer Toaster verkauft, ist für die Walrettung geradezu
       prädestiniert. Schon am Donnerstag sollte, so war es bis Redaktionsschluss
       geplant, der Buckelwal schonend auf Luftkissen gehoben und von einem
       Schlepper auf einer zwischen zwei Pontons gespannten Plane in die Nordsee
       gezogen werden. Blub, blub, blub.
       
       [3][Greenpeace] und das Deutsche Meeresmuseum sind in die von der
       Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern genehmigte Aktion übrigens nicht
       eingebunden worden. Selber schuld, diese unfähigen Mordgesellen hätten ja
       eh keine Ruhe gegeben, bis unser armer Timmy endlich tot ist.
       
       16 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Timmy-soll-nun-doch-gerettet-werden/!6171338/
 (DIR) [2] /Todeszone-Mittelmeer/!6164508
 (DIR) [3] /Greenpeace/!t5010331
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uli Hannemann
       
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