# taz.de -- Walforscher über sterbenden Wal: „Es wird nach einfachen Lösungen gesucht“
       
       > Halb Deutschland nimmt Anteil am gestrandeten Wal Timmy. Meeresschützer
       > Fabian Ritter würde sich wünschen, dass dabei auch Meeresschutz Thema
       > wird.
       
 (IMG) Bild: Die Absperrung durchbrochen: Demonstrierende wollen dem Wal ganz nahe sein
       
       taz: Herr Ritter, warum wird die Debatte über den Umgang mit dem
       gestrandeten Wal so erbittert geführt?
       
       Fabian Ritter: Ich glaube, dass [1][diese Polarisierung leider ein Zeichen
       der Zeit] ist. Es gehört zum neuen „Normal“, dass wir in Fällen, wo wir
       nicht einer Meinung sind, eher aufeinander losgehen, statt zu versuchen,
       eine Einigung zu finden. Dabei ist Kooperation das Wichtigste im Leben von
       Walen, und das ist etwas, was wir von ihnen lernen können.
       
       taz: Was wäre für Sie eine konstruktive Auseinandersetzung? 
       
       Ritter: Es werden einfache Lösungen gesucht, es werden Helden
       herbeigesehnt. Da wird gefragt: „Warum kann man dem Wal nicht einfach ein
       Seil um die Schwanzflosse binden und ihn mit einem Hubschrauber
       herausziehen – das muss doch machbar sein.“ Aber die Situation ist
       komplexer, es gibt eine lange Vorgeschichte, und ich würde mir wünschen,
       dass die Öffentlichkeit genau hinschaut: [2][Was wurde denn gemacht und was
       wurde für Rat eingeholt?]
       
       taz: Und, was wurde gemacht? 
       
       Ritter: Die Akteure vor Ort, mit denen ich in Kontakt war, haben sich Rat
       geholt von internationalen Expertengruppen und von Rescue Teams, die
       erfahren mit Walrettungsaktionen sind. Alle sagen, das es in diesem Fall
       leider hoffnungslos ist. Aber im Moment wird nur gesehen, dass sich
       Politiker vor die Kamera stellen und sagen: „Wir können nichts mehr tun.“
       Diese Hilflosigkeit wird nicht gerne gesehen, das geht so weit, dass es
       Morddrohungen gibt.
       
       taz: Hat die Empathie mit dem Wal für Sie auch etwas Positives? Oder ist es
       für Sie keine echte Empathie? 
       
       Ritter: Es ist ja ein schönes Zeichen, dass [3][so viele Menschen von
       diesem Einzelschicksal berührt sind]. Und es zeichnet uns Menschen auch
       aus, dass wir helfen und ihn retten wollen. Aber in der Diskussion, so wie
       sie geführt wird, kehrt es sich um in Kämpfe, die gegeneinander geführt
       werden.
       
       taz: Warum ist der Wal nicht zu retten? 
       
       Ritter: Wenn ein Buckelwal mehrmals strandet, ist das ein deutliches
       Zeichen dafür, dass ein Problem vorliegt, das wir mit unseren Mitteln nicht
       beheben können. Er hat sich verirrt und sich spätestens in der Ostsee in
       einem Netz verfangen, was ihn zusätzlich geschwächt hat. Ich war nicht vor
       Ort. Aber nach dem, was ich weiß, liegt der Wal dort im halbhohen Wasser
       auf Grund, weil es ihm seine Situation erleichtert. Er muss nicht
       schwimmen, gleichzeitig kann er atmen. Er reduziert für sich selbst das
       Leiden, könnte man sagen. Er würde sich viel stärker bewegen und sozusagen
       einen letzten Kampf aufnehmen, wenn er das wollte und könnte. So traurig
       das ist: Wir können an dieser Stelle tatsächlich nur zuschauen. Oder bei
       einem weiteren Rettungsversuch riskieren, dass ihm Leid zugefügt wird mit
       absolut ungewissem Ausgang.
       
       taz: Dieses Nicht-zusehen-Wollen, wie ein Lebewesen stirbt, haben Sie eine
       menschliche Qualität genannt. Ist das gleichzeitig auch Ausdruck einer
       Gesellschaft, die den Tod schlecht aushält? 
       
       Ritter: Man könnte sagen, dass es uns da schwerfällt, zuzuschauen, weil wir
       den eigenen Tod ein Stück weit tabuisiert haben. Ich glaube aber auch, dass
       die Sichtbarkeit hier der Knackpunkt ist. Zu der Wurst oder dem Fischfilet
       auf unserem Teller bauen wir keine Beziehung auf, deswegen entgeht uns das
       Leid, das da drinsteckt. Wenn aber ein Buckelwal im Wasser liegt und
       tagelang atmet und klar ist, dass es ihm nicht gut geht, berührt uns das
       direkt.
       
       taz: Aber nicht so sehr, dass wir zu Meeresschützer:innen würden. 
       
       Ritter: Dieser Wal ist ein einzelnes Opfer von mehreren 100.000 Walen und
       Delfinen. Und dann kommen noch Millionen von Robben und Seevögel dazu, die
       jedes Jahr in Fischernetzen umkommen – unter anderem auch bei uns in
       europäischen Gewässern. Ich wünsche mir, dass die Aufmerksamkeit für diesen
       Buckelwal dazu gut ist, dass wir das sehen. Dann würde man am Ende sagen
       können, dass der Wal nicht umsonst gestorben ist.
       
       taz: Sie hatten schon auf einen anderen Wal verwiesen, der 1966 unter
       großer öffentlicher Anteilnahme durch den Rhein schwamm. Aber hat das zu
       langfristigen Veränderungen geführt? 
       
       Ritter: Man sah zusehends, dass die weiße Haut des Wals durch das Wasser
       angegriffen wurde – und der Rhein war damals, auf Deutsch gesagt, eine
       Dreckbrühe. Die Aufmerksamkeit, die da generiert wurde, ist zum
       Selbstläufer geworden. So wie später die Bilder der
       Umweltschutzorganisationen vom Abschlachten der Wale.
       
       taz: Bisher ist in den Berichten über den gestrandeten Wal selten von den
       Problemen durch Stellnetze und ihrem Beifang die Rede. 
       
       Ritter: Ich würde das Thema erweitern auf die Fischerei beziehungsweise auf
       uns als Konsumenten. In der Ostsee kann so gut wie gar kein Dorsch oder
       Hering mehr gefischt werden, weil die Populationen zusammengebrochen sind.
       Die Schleppnetze pflügen den Meeresboden um und zerstören komplette
       Lebensräume. Man kann sie wal- und vogelsicherer machen, aber das ist
       teuer. Man kann weniger und selektiver fischen. Aber der Lobbyismus der
       Fischereiindustrie sorgt dafür, dass Entscheidungen, zu regulieren und zu
       reduzieren, nicht umgesetzt werden.
       
       taz: Das heißt, die Leerstelle in der Diskussion über den Wal ist die
       Belastung durch die Fischerei? 
       
       Ritter: Die Fischerei ist nur ein Teil der Problematik. Sicherlich der
       prägnante und tödlichste, wenn man so will. Aber es gibt die
       Umweltverschmutzung durch Gifte und Müll, die Versauerung der Meere, den
       Klimawandel und den Unterwasserlärm. Der Walfang ist zum großen Teil
       vorbei. Aber er ist abgelöst worden durch Probleme, die inzwischen viel
       gravierender sind.
       
       taz: Ist die Größe dieser Probleme vielleicht ein Grund, weshalb Leute
       jetzt demonstrieren und zu dem Wal an den Strand gehen – weil sie hier das
       Gefühl haben, etwas ausrichten zu können? 
       
       Ritter: Es ist ein Stück weit eine natürliche Reaktion als Individuen,
       angesichts der Probleme irgendwann dichtzumachen. In der Situation mit dem
       Buckelwal liegt auch die große Chance einer Selbstermächtigung und sich zu
       fragen: Was kann ich tun? Jeder Mensch, ob er in Wismar steht oder
       demonstriert oder nicht, kann jeden Tag etwas dazu beisteuern, dass es den
       Meeren besser geht. Welchen und wie viel Fisch esse ich? Wie ist mein
       Konsumverhalten? Was habe ich mit diesem Buckelwal zu tun, außer dass er
       mich in seinem Leidensweg berührt?
       
       14 Apr 2026
       
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