# taz.de -- Gestrandeter Wal in der Ostsee: Wird Timmy auferstehen?
       
       > Der gestrandete Wal Timmy berührte zum Osterfest viele Menschen. Warum,
       > erklärt Rainer Hagencord, Leiter des Instituts für Theologische Zoologie.
       
 (IMG) Bild: Der Wal als Symbol hat viel mit dem Fest der Auferstehung zu tun
       
       taz: Herr Hagencord, Timmy liegt im Sterben. Der Buckelwal hing tagelang in
       der Ostsee fest, alle Rettungsaktionen waren vergebens. Warum nahmen [1][an
       seinem Schicksal] so viele Menschen Anteil? 
       
       Rainer Hagencord: Das hat zwei Gründe. Erstens war das absolut spektakulär.
       Ein Lebewesen, das knapp 15 Meter lang wird, das lässt uns staunen. Der
       zweite Punkt ist das Erschrecken. Die meisten wissen, dass die Meere und
       alle Lebewesen, die sich ihn ihnen aufhalten, gerade gnadenlos zerstört
       werden. Und dann steht uns plötzlich dieser Wal vor Augen, der in seiner
       Existenz und auch in seinem Sterben deutlich macht, dass es möglicherweise
       nicht mehr lange dauert, [2][bis die Meeresfauna zusammenbricht].
       
       taz: Sie sind Biologe und katholischer Theologe. Der Wal als Symbol hat
       doch auch mit Ostern zu tun, dem Fest der Auferstehung. Warum ist das so?
       
       Hagencord: Jesus vergleicht sich in einem der Evangelien mit dem Propheten
       Jona aus der hebräischen Bibel. Seine Geschichte kennen ja noch manche:
       Gott will, dass Jona in Ninive als Prophet auftritt, weil die Menschen dort
       sündigen. Aber Jona will nicht und fährt mit einem Boot in die
       entgegengesetzte Richtung. Jona wird ins Meer geworfen, es kommt ein Wal
       und verschlingt ihn. Drei Tage und drei Nächte verbringt Jona im Bauch des
       Wals, das ist hochsymbolisch. Denn Jesus verbringt dann ja drei Tage und
       Nächte im Grab.
       
       taz: Können auch Wale auferstehen? Wird Timmy auferstehen? 
       
       Hagencord: Die Autorinnen und Autoren der Bibel haben sich natürlich mit
       dieser großen Frage beschäftigt – was ist denn nach dem Tod? Die Hoffnung
       auf ein Leben danach, die gilt nicht nur für den Menschen, sondern die
       gesamte Schöpfung. Im Buch Kohelet zum Beispiel heißt es fast wörtlich: Wer
       sagt denn, dass der Geist des Menschen in den Himmel und der Geist der
       Tiere ins Erdreich sinkt? Und der Apostel Paulus sagt in seinem Römerbrief:
       Die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder
       Gottes.
       
       taz: Im christlichen Mainstream scheint man eher der biblischen Forderung
       zu entsprechen, über die Tiere zu „herrschen“. 
       
       Hagencord: Die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod wurde spätestens in der
       Neuzeit anthropozentrisch in den christlichen Kirchen, und dieser Attitüde
       der Herrschaft und der Ausbeutung fallen die Tiere heute zum Opfer.
       
       taz: Warum empfinden so viele Empathie mit Timmy, dem Wal, [3][aber nicht
       dem Schwein in der Massentierhaltung] oder dem Huhn in der Legebatterie? 
       
       Hagencord: Der Biologe Rupert Sheldrake hat einmal gesagt, dass wir nur
       noch zwei Kategorien von Tieren haben. Die einen verwöhnen wir mit
       Tierfutter und die anderen werden dazu verarbeitet. Eine ganze Kultur
       verschließt die Herzen, ist völlig gnadenlos und apathisch gegenüber dem
       Schicksal der Millionen von Tieren, die in den Schlachthöfen enden – und
       die anderen Tiere sind Familienmitglieder. Doch nun kommt der Wal und ist
       dazwischen. Er ist kein Tier, das wir füttern und liebhaben. Er
       konfrontiert uns mit der Wirklichkeit.
       
       8 Apr 2026
       
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